Berlin-Gatow

Familienvater litt vermutlich an krankhafter Ich-Bezogenheit

Kristian B. tötete seine Frau und zwei der drei Kinder „aus ganz großer Liebe”. Experten vermuten hochgradigen Narzissmus hinter der Tat.

Nach dem Familiendrama in Gatow wird das knapp ein Jahr alte Baby, das die Tragödie als einziges der drei Geschwister überlebt hat, vermutlich bei seinen Großeltern unterkommen. Die Eltern der verstorbenen Mutter des Babys hätten angeboten, die kleine Leonie bei sich aufzunehmen, teilte das Jugendamt Spandau am Donnerstag mit. Sie seien inzwischen in Berlin eingetroffen und hätten Leonie bereits besucht. Derzeit ist das kleine Mädchen in einem Kinderheim untergebracht. Das Jugendamt prüft nun, ob die Großeltern geeignete Pflegeeltern sind.

Wie berichtet, hatte der 69 Jahre alte Familienvater Kristian B. am vergangenen Wochenende seine 28 Jahre alte Frau und seine beiden drei und sechs Jahre alten Söhne in der gemeinsamen Wohnung an der Straße Alt-Gatow erstickt. Die Tochter legte er anschließend in die Babyklappe des Waldkrankenhauses Spandau. Dann nahm er sich selbst das Leben, indem er sich mit einer Plastiktüte erstickte. Die Polizei hatte die Leichen am Dienstagabend in der Wohnung entdeckt, nachdem sich Anwohner um ihre Nachbarn gesorgt hatten.

Inzwischen haben die Ermittler den Ablauf des Dramas auch zeitlich rekonstruiert. Demnach hat Kristian B. seine Tochter am Montag gegen 2 Uhr in die Babyklappe gelegt und sich erst am Abend desselben Tages das Leben genommen. In der Zwischenzeit soll er fünf Abschiedsbriefe geschrieben haben, von denen er vier verschickte und einen vor seinem Selbstmord neben sich legte. Einen Brief hatte er an die „Bild“-Zeitung adressiert, die anderen an Bekannte und „an Einrichtungen, die zu der Familie Bezug hatten“, wie die Polizei mitteilte. Nach Informationen von Morgenpost Online schickte Kristian B. offenbar auch Briefe an die Kita und die Schule, die seine Söhne besucht hatten. Alle Schreiben trafen bei den Empfängern erst am Mittwoch ein, also einen Tag, nachdem die Polizei die Leichen in der Wohnung entdeckt hatte.

Das Motiv der Tat waren nach Angaben von Ermittlern finanzielle Probleme. Kristian B. habe wohl aus wirtschaftlicher Not keinen anderen Ausweg gesehen, sagte Martin Steltner von der Staatsanwaltschaft. In einem Abschiedsbrief habe er hohe Schulden genannt. Auch in dem Brief an „Bild“ hatte sich Kristian B. zu seiner Tat geäußert: „Ich tat es allein aus ganz großer Liebe und Verzweiflung“, heißt es in dem Schreiben. Seine Tochter habe er verschont, weil sie noch nicht so personenbezogen sei und „sich an eine neue Gegebenheit sicherlich recht schnell gewöhnen“ könne, schrieb Kristian B weiter.

Dass jemand einen Abschiedsbrief an die größte deutsche Boulevardzeitung schickt, spricht laut Isabella Heuser, Direktorin der Charité-Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, für eine hochgradig narzisstische Vorgehensweise. „Dieser Mann wollte bekannt werden und sich rechtfertigen. Er wollte die Bühne dieses Lebens mit einem großen Knall und einer kalkulierten Inszenierung verlassen.“ Kristian B. habe vermutlich an einer krankhaften Ich-Bezogenheit gelitten. Deshalb habe er nahezu gottgleich über das Schicksal seiner Familie bestimmen wollen.

Psychische Schäden möglich

Auch wenn Leonie von der Tat an sich nichts mitbekommen hat, könnte sie nach Meinung von Experten durch die Ereignisse der vergangenen Tage psychische Schäden davon tragen. „Verliert ein Kind in den ersten drei Lebensjahren einen Elternteil, besteht ein hohes Risiko einer Traumatisierung“, sagt Rüdiger Stier, Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie am Helios-Klinikum Berlin-Buch. Im Fall von Gatow hat das Baby sogar gleichzeitig Vater und Mutter verloren. Nach Angaben von Rüdiger Stier könne dies zu Bindungsstörungen führen, die bis ins Erwachsenenalter andauern können.

Ungeachtet dessen wird sich für die Großeltern oder Pflegeeltern, bei denen Leonie unterkommt, die Frage stellen, was sie dem Mädchen antworten, wenn es irgendwann nach seiner Familie fragt. Der Psychiater Stier hält es grundsätzlich für richtig, dem Mädchen im Jugendalter die volle Wahrheit zu sagen. Dies könne auch in psychologischer Begleitung geschehen. So lange Leonie im Kindesalter nach ihren Eltern fragt, sollte man ihr zwar sagen, dass sie verstorben sind, aber die kompletten Hintergründe weglassen.

Ähnlich sieht das auch das Jugendamt. „Es gibt das Prinzip, dass immer so viel beantwortet werden soll, wie das Kind fragt und altersbedingt in der Lage ist, zu verkraften“, sagt Reinhold Tölke, Direktor des Jugendamts Spandau. Eine rechtliche Verpflichtung der Großeltern oder Pflegeeltern, die Wahrheit zu sagen, gebe es allerdings nicht. Dennoch geht Tölke davon aus, dass Leonie eines Tages die ganze Wahrheit erfahren wird: „Adoptionen sind heutzutage von großer Offenheit geprägt, und auch in den Verträgen mit Pflegeeltern halten wir fest, dass sie offen und ehrlich mit den Kindern umgehen sollen.“ Spätestens mit Beginn der Volljährigkeit kann sich Leonie auch selbstständig informieren und Akteineinsicht beantragen. Dass Leonie derzeit in einem Kinderheim untergebracht ist, bedauerte Tölke gegenüber Morgenpost Online. „Wir haben nach Pflegeltern gesucht, die sie vorübergehend aufnehmen würden, aber alle waren belegt.“

Für die Polizei sind die Ermittlungen unterdessen weitestgehend abgeschlossen. Es laufen noch toxikologische Untersuchungen, ob Kristian B. seiner Frau und den Söhnen möglicherweise Beruhigungsmittel verabreichte, bevor er sie erstickten. Darüber hinaus ist der Fall geklärt. Kristian B. war nach Angaben der Staatsanwaltschaft ein Einzeltäter. Da er tot ist, wird es keine weiteren strafrechtlichen Ermittlungen geben.