Mordprozess

NDR-Moderator hält zu angeklagtem Escort-Jungen

Im Prozess gegen zwei Callboys wegen Mordes an ihrem Zuhälter wird im Landgericht Berlin das Urteil erwartet.

Foto: DAPD

NDR-Fernsehmoderator Frank Breuner wird wieder im Saal 817 des Moabiter Kriminalgerichts sitzen. Auf der ersten Zuschauerbank, damit er möglichst gute Sicht zur Anklagebank hat. Zum 19-jährigen Jokubas S., der seine Blicke nur selten erwidert. Es ist der letzte Tag. Der 41-Jährige wird am heutigen Montag das Urteil hören und wissen, dass er Jokubas S. auch in den nächsten Jahren nur im Gefängnis sehen wird, bei den genehmigten Besuchen.

Jokubas S. und der ein Jahr ältere Sergejus A. haben einen Menschen getötet. In der Nacht zum 1. November 2011 erstickten sie den 37-jährigen Renaldas D. und plünderten seine in Tempelhof gelegene Wohnung. Das haben beide so auch vor Gericht gestanden. „Der Tod von Renaldas war für mich der einzig erkennbare und mögliche Ausweg, diesem Tyrannen zu entkommen und auch in der Zukunft keine Angst vor ihm haben zu müssen“, heißt es in einer Erklärung von Jokubas S., die sein Anwalt Mirko Röder verlas.

Es hat sich danach einiges relativiert in diesem Prozess. Unbestritten bleibt, dass Renaldas D. ein Despot war. Staatsanwältin Katrin Faust nennt ihn einen „üblen Zeitgenossen“. Der 37-Jährige lebte seit den 90er–Jahren in Berlin. Er war bei Insidern bekannt als Zuhälter in der Homosexuellenszene, führte einen einschlägigen Escort-Service und rekrutierte dafür vorrangig junge Männer aus seiner Heimat Litauen. Gesichert scheint auch, dass er diese jungen Männer – darunter Jokubas S. und Sergejus A. – übel behandelte, sie mit selbst gefertigten Porno-Fotos erpresste, ihnen für ihre sexuellen Dienstleistungen das versprochene Geld verweigerte und sie nötigte, auch seinen eigenen sexuellen Bedürfnissen nachzukommen.

Freiwillig zurück in Berlin

Aber führte das zwangsläufig zu einer Situation, in der Jokubas S. und Sergejus A. nur noch seinen Tod als Lösung sehen konnten? Die Verteidiger bejahten das, forderten Jugendstrafen von etwa fünf Jahren wegen Totschlags. Staatsanwältin Katrin Faust sah es anders. Sie betonte in ihrem Plädoyer, beide Angeklagten seien freiwillig wieder aus Vilnius nach Berlin gekommen, obwohl sie schon wussten, was sie bei Renaldas D. erwartet. Und sie glaubte Jokubas S. und Sergejus A. auch nicht, dass sie Renaldas D. quasi im Affekt, aus einer zutiefst verzweifelten Situation heraus, töteten. Die Anklägerin sprach von einer geplanten Aktion. Von „Sado-Maso-Spielchen“, die Jokubas S. und Sergejus A. dem Zuhälter vortäuschten, um ihn fesseln und wenig später ersticken zu können. Auch das Argument der Angeklagten, sie hätten nicht von sich aus nach Vilinius zurückkehren können, stimme nicht, monierte die Staatsanwältin. Beide hätten nach Aussagen eines Zeugen ihre Pässe immer dabei gehabt. Es habe genug Gelegenheiten gegeben, dem Zuhälter unbemerkt zu entkommen. Die Staatsanwältin blieb bei ihrer Mordanklage und beantragte für beide Angeklagten eine Jugendstrafe von achteinhalb Jahren.

Auch TV-Moderator Breuner war Kunde des Escort-Service. Er hatte diese Dienstleistung, wie er sagte, nach einer persönlichen Krise gebucht. Und gebracht worden war ihm im Oktober 2011 vom Zuhälter Renaldas D. der knabenhafte, damals 18 Jahre alte Jokubas S. Drei Stunden für 300 Euro. Sie hätten keinen Sex gehabt, sich nur mal geküsst und ein langes intensives Gespräch geführt, sagte Breuner vor Gericht. Und beide hätten am Ende festgestellt, dass es nicht bei diesem einen Treffen bleiben, das nächste aber ohne Mitwirkung des Zuhälters stattfinden solle. Doch es gab kein weiteres Treffen. Bis zu Festnahme und Inhaftierung von Jokubas S. kommunizierten sie nur noch per SMS, E-Mail oder über Skype. Es sei aber keineswegs nur ein banaler Austausch von Informationen gewesen, sagte Breuner. Der junge Geliebte – inzwischen sind sie verlobt – habe ihm selbstgeschriebene Gedichte vorgelesen. Breuner zitierte einige Verse, auf Englisch und sehr eindringlich. Eine beisitzende Richterin schüttelte fassungslos den Kopf. Diese Aussage war ein Teil seines Kampfes für Jokubas S. Weil der eben „kein Männer mordender Stricher“ sei, sondern ein in eine verzweifelte Situation geratener, sensibler und sehr begabter junger Mann.

Breuner kämpft für seine Liebe

Breuner ist, um Jokubas S. zu helfen, sogar konsequent an die Öffentlichkeit gegangen. Er postierte sich im Gerichtsflur vor Kameras und Radioreportern und erzählte von der Liebe zwischen ihm und Jokubas, dass Junge wegen zu spät erstellter psychiatrischer Gutachten viel zu lange in der Untersuchungshaft verweilen musste und im Gefängnis wegen seiner Homosexualität um sein Leben fürchten müsse. Breuner verteilte eine schriftliche Erklärung mit der Überschrift „Rechtsstaat auf dem Prüfstand“, in der er Zweifel „an der moralischen Grundlage für dieses Verfahren“ äußert. Er berichtete von der Attacke eines Mitgefangenen, der Jokubas S. zusammenschlug und von eingeschüchterten Zeugen in der Haftanstalt, die nicht mehr für Jokubas S. aussagen wollten. Sogar der Anstaltspfarrer, der sich jetzt auf sein Beichtgeheimnis berufe, gehöre dazu.

Dass diese Aktionen seinem Verlobten halfen, darf bezweifelt werden. Ein Sozialarbeiter der Jugendhaftanstalt sagte vor Gericht, Jokubas S. habe sich in den letzten Wochen verändert. Er habe sich zurückgezogen, sei stiller geworden. Das habe begonnen, so der Sozialarbeiter, nachdem Breuner mit dem Fall in den Medien aufgetaucht sei. Worauf Richter Schweckendieck leise erwiderte: „Das ist ganz gut, dass das einmal gesagt wurde.“

Breuner gab danach keine Interviews mehr und kündigte an, dass er das erst nach der Urteilsverkündung wieder tun werde. Er wirkte einsam, wenn er im Gerichtsflur auf der Bank saß und auf die Fortsetzung des Prozesses wartete. Jokubas S., nebenan im Saal, war letztlich nur wenige Meter von entfernt. Und dennoch für ihn unerreichbar.