„Nacht über Berlin”

Liefers und Loos drehen Film über den Reichstags-Brand

Vor der Kulisse vom Machtantritt der Nazis erzählt der Film „Nacht über Berlin” von einer Liebe in den 30er-Jahren.

Foto: DAPD

„Wählt Liste 3 – KPD“. In großen Buchstaben prangt die Parole an der Fassade des schmutzigen Gründerzeitbaus. Daneben hängen rote Spruchbänder, die zum „Kampf gegen den Faschismus“ aufrufen. Nur zwei Straßenecken weiter lädt ein Ballhaus mit Art-Deco-Eingang zum abendlichen Vergnügen; in einer Baulücke weist wenig einladend ein Schild „Nachtasyl“ auf eine Bleibe für Obdachlose.

Uniformierte mit roten Armbinden und Schnürstiefeln stehen herum – Männer des kommunistischen „Rotfrontkämpferbundes“. Manchmal gibt es Straßenschlachten zwischen KPD-Anhängern und SA-Männern mit Hakenkreuzbinden. Vor den Türeingängen lungern Männer in zerlumpter Kleidung, denen die Armut in die grauen Gesichter geschrieben steht. Die Kulisse „Berliner Straße“ im Studio Babelsberg ist hergerichtet als Reichshauptstadt der frühen Dreißigerjahre. Hier wurden Oscar-gekrönte Spielfilme wie „Der Pianist“ oder „Inglorious Basterds“ gedreht, aber auch deutsche Produktionen wie „Sonnenallee“ und „Russendisco“. Mitten im Sommer finden jetzt in der Großkulisse die Außenaufnahmen für den ARD-Film „Nacht über Berlin“ statt. Er behandelt die letzten Monate vor der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 und den Reichstagsbrand genau vier Wochen später – den verhängnisvollen Weg Deutschlands in die Nazi-Diktatur also. Manchmal rieselt bei 26 oder 27 Grad im Schatten künstlicher Schnee über die Szenerie.

Filmisch ein Gewaltmarsch

Seit Anfang August inszeniert Friedemann Fromm den 100-Minüter nach einem selbst überarbeiteten Drehbuch von Rainer Berg. Hauptdarsteller sind Jan Josef Liefers, bekannt als Gerichtsmediziner „Professor Boerne“ aus dem „Tatort“, der den fiktiven jüdischen Armenarzt und SPD-Reichstagsabgeordneten Albert Goldmann spielt, und seine Ehefrau Anna Loos. Die aus „Böseckendorf“ und Fromms TV-Serie „Weißensee“ bekannte Darstellerin verkörpert Henny Dallgow, eine lebenslustige Frau aus gutem Hause. Sie verliebt sich in den nach Meinung ihrer Familie „falschen“ Mann. So gerät sie zwischen die Fronten der politischen Kämpfe unmittelbar vor und nach der Machtübernahme der NSDAP.

Da das „TV-Event“ in der Woche vor dem 80. Jahrestag der vielleicht folgenreichsten Brandstiftung der Weltgeschichte ausgestrahlt werden soll, hat die Ufa-Filmproduktion einen Parforceritt vor sich: Bis Mitte September sind insgesamt rund 30 Drehtage angesetzt. Kurz vor Weihnachten will Fromm seinen Film fertig geschnitten haben. Im Januar sollen parallel die letzten Digitaltrickaufnahmen abgeschlossen werden, die Auftrag gebenden Rundfunkanstalten WDR, MDR und RBB das Ergebnis abnehmen und die offizielle Präsentation stattfinden.

Vielleicht ist es eine gute Idee, einen Film über einen so umstrittenen Stoff wie den Reichstagsbrand in einer Art Gewaltmarsch zu drehen – das hält die Zeit für öffentliche Kontroversen kurz. Denn schon in der Nacht des Ereignisses begann die Debatte über die Urheber des Anschlags, und sie ist bis heute mindestens an jedem Jahrestag, oft auch dazwischen Anlass für Streit unter Forschern und in den Medien. Grundsätzlich drei mögliche Täter wurden schon genannt, als die Flammen den Plenarsaal des Reichstages noch verschlangen. Hitler, sein „zweiter Mann“ Hermann Göring und andere Nazis glaubten möglicherweise sogar, der Parlamentsbrand sei die Tat von Kommunisten, ein Signal für den allgemeinen Aufstand in Deutschland, die Revolution. Auf jeden Fall verbreiteten sie diese Version mit dem Ausdruck größter Überzeugung. So rechtfertigten der Reichskanzler, seine NS-Minister und ihre reaktionären Helfershelfer das brutale Durchgreifen gegen fast alle wichtigen KPD-Funktionäre: Noch in der Nacht zum 28. Februar 1933 wurden tausende Abgeordnete, Parteimitglieder und Unterstützter verhaftet und verschleppt, oft gequält, mitunter ermordet.

Schlichte Verschwörungstheorie

Dagegen vermuteten viele Deutsche, die den Nazis skeptisch oder ablehnend gegenüberstanden, diese müssten den Brand verursacht haben, so gelegen, wie er ihnen kam. Wolfgang Stresemann, Sohn des 1929 verstorbenen Reichsaußenministers und Friedensnobelpreis-Trägers Gustav Stresemann, ging davon ebenso selbstverständlich aus wie der Bohemien Harry Graf Kessler. In dieser Situation konnte sich niemand vorstellen, dass der auf frischer Tat ertappte und voll geständige Holländer Marinus van der Lubbe allein verantwortlich sein konnte für die Feuerhölle im ehrwürdigen Sitzungssaal.

Zwar deuten alle Indizien genau darauf hin, ebenso die im Bundesarchiv Berlin vollständig einsehbaren Original-Ermittlungsakten. Praktisch alle NS-Experten unter den Historikern haben sich diese längst zu Eigen gemacht. Dennoch hält sich die These von der angeblichen Nazi-Täterschaft in der Öffentlichkeit – schon weil die Erklärung der Fachleute viel komplexer ist als eine schlichte Verschwörungstheorie. Auch Jan Josef Liefers kannte früher vor allem diese Deutung, verrät er in einer Drehpause

Friedemann Fromm will vermeiden, mit seinem Film in der heiklen Frage Position zu beziehen. Das soll mit einem Kunstgriff gelingen: Der Zuschauer wird die Brandstiftung durch die Augen einer Filmfigur sehen, die aber keine Aussage mehr machen kann, weil sie ums Leben kommt. Mehr verrät Fromm vorab nicht. Es soll spannend bleiben.