Warnung

Kleinst-Sekten ziehen immer mehr Berliner an

Während die großen Sekten langsam verschwinden, sind kleine Splittergruppen und „Wunderheiler” auf dem Vormarsch - auch in Berlin.

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Der Fall erregte Aufsehen: Psychotherapeut Garik R. verabreicht bei einer Gruppensitzung in seiner Hermsdorfer Praxis Patienten einen bewusstseinserweiternden Drogencocktail. Zwei Gruppenmitglieder sterben. Neun kommen mit Vergiftungen ins Krankenhaus. 2011 wird Garik R. zu einer Freiheitsstrafe von vier Jahren und acht Monaten verurteilt.

Für Stefan Barthel von der Berliner Sekten-Leitstelle ist dies nur ein Beispiel dafür, dass Scharlatane zunehmend im Verborgenen – oft im privaten Rahmen – arbeiten. „Seit vier, fünf Jahren gibt es das Phänomen, dass sich die sogenannte Lebenshilfeszene stark splittet und große klassische Sekten langsam verschwinden“, weiß Barthel. Solange diese Gruppen sich nicht strafbar machten, könnten sie nur schwer bekämpft und nicht namentlich genannt werden, sagt Barthel.

Große Sekten verlieren Anhänger

Dass kleine Esoterik-Gruppen und Sekten immer mehr Menschen um sich scharen, beobachten die Experten mit Sorge. Nach Feststellung der Sektenleitstelle des Berliner Senats handelt es sich vor allem um Gruppierungen aus dem alternativen Gesundheitswesen, aber auch um religiöse Splittergruppen. Ihre Ideologie bestehe oft aus Versatzstücken des Christentums und der asiatischen Heilkunst. Auch viele Motivationstrainer würden von ihren Anhängern wie Gurus verehrt. Ehemals große Organisationen wie Bhagwan oder Scientology verlieren hingegen Anhänger. Die Anzahl der Scientology-Mitarbeiter in der Zentrale an der Otto-Suhr-Allee habe sich auf 100 Leute fast halbiert, sagt Barthel.

Am Beratungstelefon des Anti-Sekten-Vereins „Sinus“ in Frankfurt am Main melden sich Hilfesuchende aus dem ganzen Bundesgebiet, die sich oder einen Angehörigen aus den Fängen von Kleinst-Sekten befreien wollen. Charismatische Persönlichkeiten würden 20 bis 50 Mitglieder um sich scharen, sie „in psychische Abhängigkeiten bringen und sie finanziell ausnutzen“, sagt Sinus-Vorsitzende Conny von Schumann. Pfarrer Eckhard Zemmrich, bei der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg schlesische Oberlausitz (EKBO zuständig für Sekten und Weltanschauungen, bestätigt den Trend. Gerade Menschen in persönlichen Krisen würden das Bedürfnis nach „einer unverwechselbaren Religion mit dem Wunsch nach einem Menschen verbinden, der für sie Verantwortung übernimmt“, so der Geistliche. Viele Kranke gingen auch Wunderheilern auf den Leim. Die Sektenleitstelle des Berliner Senats setzt deshalb in ihrer Präventionsarbeit weniger auf Warnungen vor bestimmten Organisationen, sondern klärt über Methoden der Menschenfänger auf – vor allem in den Schulen.