Internet-Spenden

Wie Berliner mit Crowdfunding ihre Ideen verwirklichen

Singen, kochen, reisen - die Ideen sind vielfältig. Durch Crowdfunding sammeln Berliner Spenden für ihre Projekte im Netz.

Foto: Massimo Rodari

„And I love too much, I love too fast…” Jenny Rebecca Winans singt im Hinterhof ihres Wohnhauses in Prenzlauer Berg. Vor ihr steht eine Kamera. Es ist der 18. Oktober 2011. Was die ausgebildete Opernsängerin hier noch nicht ahnt: Sie wird von nun an, ein ganzes Jahr lang, jeden Tag ein neues Musikvideo auf YouTube hochladen und über 7000 Euro dafür bekommen – von Freunden und Unbekannten aus dem Netz.

Es ist ein Trend, der aus den USA kommt und sich mittlerweile auch in Berlin durchsetzt: Crowdfunding. Dabei werden Künstler oder Kreative von Menschen unterstützt, die sich im Internet für deren Arbeiten oder Ideen begeistert haben – und die daraufhin spenden. Es ist die Internet-Variante davon, einem Straßenkünstler Geld in den Hut zu werfen.

„Ich hatte eine schwierige Phase vergangenen Winter“, sagt die im US-amerikanischen Bundesstaat Kansas aufgewachsene Winans: „Das einzige was mir wirklich Freude gemacht hat, war Komponieren und Singen.“ Nach zwei Wochen täglichen Video-Uploads meldet sich eine Freundin: „ Jenny, du hast in der kurzen Zeit ein ganzes Album geschrieben. Du musst was damit machen.“ Winans gibt ihr Recht, beschließt, das Singen und Komponieren zu einem einjährigen Projekt, zu „Jenny Rebecca' s Song Diary“ zu machen. Täglich singt die 30-Jährige von da an im Netz: mal in der heimischen Badewanne, mal a capella auf der Pfaueninsel oder begleitet von einem Berliner Schülerchor.

Fans finanzieren „ihre“ Künstler

„Einmal habe ich versucht, ein Video in einem Supermarkt in der Fehrbelliner Straße zu drehen, aber da kamen ziemlich schnell Mitarbeiter auf mich zu und meinten: Hier bitte nicht!“ Winans lacht.

Nach einem halben Jahr möchte sie eine eigene Homepage für das Projekt einrichten, CDs brennen und einen Dokufilm drehen. Ideen und Leidenschaft hat die freie Opernsängerin zu Genüge, was ihr fehlt, ist Kapital. Eine Freundin bringt sie auf die Idee, sich bei einer Crowdfunding-Plattform anzumelden.

Das Konzept stammt aus den USA. Bereits vor zwölf Jahren wurde hier „Artist Share“ gegründet. Als Gegenbewegung zum Raubkopier-Trend sollten Fans hier die Möglichkeit bekommen, Künstler finanziell zu unterstützen. Als Dank dafür wurden sie in den kreativen Schaffensprozess miteinbezogen. In den letzten Jahren eröffneten in den USA und Deutschland Angebote wie „Kickstarter“, „Vision Bakery“, „Startnext“ oder „Pling“, Plattformen auf denen jeder – egal ob Künstler, Unternehmer oder Privatmensch – seine Kreativ-Idee von jemanden finanzieren lassen kann, der sich für ihn begeistert. Mit einer Bedingung: Im Gegenzug zur Spende erhalten die Online-Gönner ein exklusives Dankeschön. Winans zum Beispiel verspricht ihren Internet-Mäzen, je nach Höhe ihrer Spende entweder ein Album mit ihren Songs, eine Nennung im Abspann ihres Dokufilms oder sogar ein eigenes Lied.

„Eine Freundin aus Brüssel hat tatsächlich 810 Euro gespendet“, sagt Winans. Sie hat daraufhin ein Lied für sie komponiert. Der „Anne-Cathrine-Song“ ist mittlerweile online. Insgesamt spenden 236 Internet-Nutzer für Winans Song Diary. „Viele von ihnen kenne ich persönlich oder über Facebook“, sagt die Sängerin. Online-Finanzierung funktioniere nicht von selbst, man müsse Spender gezielt ansprechen und sie am Projekt teilhaben lassen.

Rezepte aus Romanen

Das weiß auch Konstantin Seefeldt. Der gebürtige Potsdamer hat sowohl auf seinem Blog, als auch auf Twitter, Facebook und den Foto-Plattformen Flickr und Instagram für seine Bachelorarbeit geworben und fast jeden Schritt öffentlich dokumentiert. „Ich habe Kommunikationsdesign studiert. Die Abschlussarbeit besteht da nicht nur aus Theorie, sondern auch aus einer praktisch umgesetzten Idee“, sagt Seefeldt. Gemeinsam mit seiner Freundin Natalie Schöttler konzipierte der 32-Jährige ein Kochbuch, basierend auf Gerichten und Rezepten, auf die er in Romanen gestoßen ist. Ob Hühnchen Curry Klopse aus Lily Bretts „Chuzpe“ oder Lammragout mit Granatapfelkernen aus „Das Lächeln der Frauen“ von Nicolas Barreau – insgesamt 32 Rezepte aus 12 Büchern entwickeln, kochen und fotografieren die Studenten für ihre Abschlussarbeit. Von Februar bis Juli arbeiten sie manchmal bis zu 14 Stunden täglich an ihrem Projekt. „ Die Fotoausrüstung hat uns zum Glück ein Hersteller bereitgestellt, die Zutaten aber mussten gekauft werden und das Buch gedruckt. So eine Abschlussarbeit kann schnell ins Geld gehen“, sagt Seefeldt.

Über die Berliner Plattform „Startnext“ sammeln die Studenten insgesamt 1815 Euro. 15 Euro mehr als sie zuvor anvisiert haben. Zu ihrem Glück. Denn bleibt ein Crowdfunding-Projekt unter der vorher festgesetzten benötigten Spendensumme, wird das Geld nicht ausgeschüttet. Nach Erfassungen des Internetmagazins „Für Gründer“ konnten auf den fünf größten Crowdfunding-Plattformen Deutschlands im ersten Halbjahr diesen Jahres 205 von 501 Projekten erfolgreich finanziert werden. Pro Projekt wurden im Schnitt 3108 Euro eingesammelt.

In Deutschland noch kaum bekannt

„Unseres Wissens nach hat aber kein anderer Student unseres Jahrgangs sein Projekt mit Crowdfunding finanziert“, sagt Seefeldt. Seiner Erfahrungen nach steckt Crowdfunding in Deutschland immer noch in Kinderschuhen. „Einen Großteil unserer Spender haben wir eigenständig motiviert. Nur ein geringer Teil der Gönner war schon vorher auf „Startnext“ unterwegs“, sagt Seefeldt.

Monika Scheele Knight aus Alt-Treptow hat ihr Projekt deswegen auf einer amerikanischen Plattform mit größerer Reichweite eingestellt. Die Berliner Literaturwissenschaftlerin erhielt für ihr Buchprojekt über Reisen mit ihrem autistischen Sohn John sogar eine Spende aus Abu Dhabi. „Als Dankeschön haben wir natürlich auch unser Buch angeboten“, sagt die 40-Jährige. Man müsse aber vorher ankündigen, dass ein Teil des gespendeten Geldes später in die Dankeschön-Produktion fließen wird, sagt sie.

Scheele Knight surft auch selber häufig auf Crowdfunding-Plattformen. „Wir haben schon für einen schreibenden Taxi-Fahrer aus Chicago und für ein Reisebuch gespendet“, sagt sie. Von beiden Projekten habe sie aber noch kein „Dankeschön“ erhalten. Die Literaturwissenschaftlerin hat Verständnis dafür, schließlich wird auch sie noch bis Anfang nächsten Jahres brauchen, um ihr Buch fertig zu stellen.

Deutsche Spender sind misstrauisch

Thomas Röhr vom Deutschen Fundraising Verband sagt: „In Deutschland sind viele Spender misstrauischer was Online-Überweisungen angeht, als im angloamerikanischen Bereich, wo das Phänomen Crowdfunding seine Wurzeln hat.“ Der Experte ist dennoch zuversichtlich, dass die Bedeutung von online-Mäzenenschaft auch hier in den nächsten Jahren zunehmen wird. „Der klassische deutsche Spender ist über 60 Jahre alt. Mit Crowdfunding wird ein jüngeres, internetbegeistertes Spendenpublikum mobilisiert“, sagt er.

Ob Jennifer Rebecca Winans, Konstantin Seefeldt, Natalie Schlötter oder Monika Scheele Knight – eines eint alle erfolgreichen Crowdfunder. Nach der Online-Selbstverwirklichung suchen sie nun nach einem Verlag oder einem Label, um ihre Projekte auf ganz „altmodische“ herkömmliche Art und Weise veröffentlichen und finanzieren zu können.