Messerattacke in Berlin

„Ist dir dein Handy wichtiger als dein Leben?“

Jugendliche rauben einen 14-Jährigen mitten am Tag aus und verletzen ihn mit einem Messer. Zeugen schauen zu, rufen aber nicht die Polizei.

Foto: Steffen Pletl

Am Tag nach dem Überfall ärgert sich Alexander Michalsen (Name geändert) vor allem über die beiden Radfahrer, die einfach vorbei gefahren sind und ihn im Stich gelassen haben. „Ich habe doch laut um Hilfe gerufen und lag schon fast auf dem Boden“, sagt der 14-Jährige. Über die Angst, die er hatte, als ihn die Täter umringten, spricht der Jugendliche nicht. Er überprüft vielmehr sein eigenes Verhalten, wenn er die Szenen noch einmal im Kopf durchgeht. Wie so typisch für Verbrechensopfer fragt auch er sich, ob er einen Fehler gemacht hat, ob er die Tat hätte verhindern können. Die Täter hätten ihn ja schon beobachtet, bevor er ins Geschäft ging, sagt er. „Doch das ist mir erst nach dem Überfall bewusst geworden.“

Der Polizeibericht trägt die Überschrift „Jugendlicher bei Raub verletzt“, Alexander erzählt die Geschichte dahinter: Am Donnerstag ist er mit dem Fahrrad in seinem Kiez in Wilmersdorf unterwegs. Er muss ein Medikament besorgen, fährt deshalb zu der Apotheke in der Spessartstraße. Es ist 17.30 Uhr – keine Zeit, zu der sich Eltern Sorgen machen, dass ihr 14-jähriger Sohn alleine unterwegs ist. Alexander schließt sein Fahrrad ab, geht in die Apotheke, kauft das Medikament, kommt heraus und sieht die drei Jugendlichen auf sich zukommen. „Sie waren vielleicht etwas älter als ich und bisschen größer.“ Der eine fragt ihn nach der Uhrzeit. Alexander sagt, er habe keine Uhr, da heißt es: „Du hast doch ein Handy.“

Fahrradfahrer radeln vorbei

Plötzlich umstellen die Jugendlichen den 14-Jährigen, pressen ihn an die Hauswand. „Ist dir dein Handy mehr wert als dein Leben“, fragt einer der Täter. Dann ist auch ein Messer im Spiel, die Jugendlichen umklammern Alexander und drücken ihn zu Boden. Zwei Fahrradfahrer radeln nach Angaben des 14-Jährigen an ihm vorbei, ohne anzuhalten, ohne die Polizei zu rufen.

Alexander kann sich schließlich selbst aus der Umklammerung lösen und rennt in die Apotheke. Erst dort bemerkt er, dass er blutet. Einer der Jugendlichen hat ihn mit dem Messer am Rücken getroffen. Die Mitarbeiter der Apotheke versorgen die Wunde. Zu diesem Zeitpunkt sind die Täter bereits mit Alexanders Fahrrad verschwunden. Das Handy haben sie nicht bekommen.

Am nächsten Tag tut die Wunde immer noch weh. Alexander und seine Mutter gehen zur Polizei, wo ihnen Lichtbilder von polizeibekannten jugendlichen Räubern gezeigt werden. Dann muss Alexander zum Arzt gehen, seine Verletzung behandeln lassen. „Es wäre gut, wenn sich die Fahrradfahrer doch bei der Polizei melden“, sagt Alexander. „Vielleicht können sie einen Hinweis geben.“