Kunsthaus

Der Betrieb im gesperrten Tacheles geht weiter

Modrig und gefährlich: Das Bauaufsichtsamt hat das Tacheles gesperrt. Doch die Künstler wollen trotzdem bleiben.

Foto: dpa / dpa/DPA

Wilko malt ein Bild. Auf rotem Grund zeichnen schwarze Pinselstriche eine Ruine. Mit breiter Fassade und bröckeligem Durchgang. Sieht aus wie das Tacheles. Im Vordergrund fehlt noch ein Mann, dunkel, mit Hut. "'Der Mann, der die Welt verkaufte' soll das Bild heißen", sagt Wilfried Königsmann. Die Lage im Konflikt um das berühmte Kunsthaus in Berlins Mitte mache ihm "so einen Hals", sagt der unscheinbare Mann mit dem glatten dunklen Haar. "Da kann ich nicht anders, als politisch zu malen." An der Wand lehnt ein Plakat: "Berlin – bald nicht mehr sexy", steht darauf.

Eigentlich dürften Wilko und seine Besucher gar nicht drin sein, in diesem Atelier im vierten Stock des Tacheles. Vergangene Woche hat das Bauaufsichtsamt Mitte das Gemäuer gesperrt. Mängel beim Brandschutz, Gerümpel in den Gängen, keine Notbeleuchtung der Ausgänge. Die Künstler und Aktivisten gehen dennoch ein und aus wie sie es seit 22 Jahren immer getan haben. Nur Touristen werden im Erdgeschoss freundlich aber bestimmt abgewiesen.

"Wir haben keinen Strom, die Bauaufsicht hat das Haus gesperrt", erfahren die Touristen hundertfach an diesem Nachmittag. "Das ist sehr schade", sagt Sandra aus Valencia. Sie habe viel gehört vom Tacheles und wollte sich die Ruine anschauen. In ihrem Reiseführer hat sie gelesen, dass der Bestand des Kunsthauses seit Jahren bedroht ist. Wie die anderen Besucher muss sie sich mit einem Blick in die beiden Verkaufsgalerien im Erdgeschoss und einem kurzen Gang zwischen den Kunsthandwerksständen unter dem hohen Bogen begnügen.

Sperrmüll entsorgt, Wege geräumt

Mit einer Räumungsaktion haben die Künstler am Wochenende Sperrmüll entsorgt und Wege freigeräumt. Das bunt bemalte Treppenhaus riecht zwar noch modrig, ist aber leer und ebenso gefährlich oder ungefährlich wie all die Jahre zuvor. Der japanische Künstler Kurihara hat keine Mühe, sein Fahrrad zu seinem Atelier zu tragen. "Hier ist nie etwas passiert", sagt Martin Reiter. Der Österreicher mit der angegrauten Lockenmähne ist so etwas wie der Sprecher der Tacheles-Leute.

Auf seinem grünen T-Shirt steht "Terror" mit einem T wie von der Telekom. Sie rollen noch Kabel zusammen, die sie abenteuerlich zusammengesteckt hatten, um Licht auch in die dunklen Ecken des weitläufigen Gemäuers zu bringen. Man habe mit den Leuten von der Bauaufsicht deren Anforderungen besprochen, sagt Linda Cerna, die neben Martin Reiter das Kunsthaus vertritt. "Wir gehen davon aus, dass wir noch in dieser Woche wieder öffnen können."

Bezirksstadtrat Carsten Spallek (CDU) und seine Beamten haben keine Lust, sich in den Konflikt zwischen den Tacheles-Künstlern und dem Zwangsverwalter der Immobilie hineinziehen zu lassen. Die Bauaufsicht musste tätig werden, nachdem der Rechtsanwalt des Zwangsverwalters die Behörde informiert und auch Fotos mitgeliefert hatte. Gleichzeitig hatte Spallek angedeutet, dass man die Künstler gerne beraten werde, wie sie die Auflagen erfüllen könnten. Jetzt ist der Stadtrat im Urlaub und das Bezirksamt äußert sich vorerst nicht mehr zum Thema Tacheles. Auch die Kanzlei Schwemer, Titz & Tötter, die das Haus verwaltet, sagt nichts.

Dafür klagen die Künstler umso lauter. Sie fühlen sich vom Zwangsverwalter drangsaliert. Dessen Leute hätten den Strom abgeklemmt, deshalb sei die Notbeleuchtung ausgefallen. Auch hätten sie den Hinterausgang zur Brachfläche mit einer Kette verschlossen. Der im Auftrag der Gläubigerbank HSH Nordbank tätige Verwalter und ihr Beauftragter Rechtsanwalt Michael Schultz hätten versucht, das Bezirksamt in dem Konflikt vor ihren Karren zu spannen, sagen die Künstler. HSH ist Hauptgläubiger des mit diesem Projekt in die Insolvenz gerutschten Investors Anno August Jagdfeld.

Seit langem wird mit harten Bandagen gekämpft. Im Frühjahr schickte der Zwangsverwalter Sicherheitsleute ins Haus. Die Männer wüteten und zerstörten Werke des weißrussischen Künstlers Alexandr Rodin sowie ein Fluxus-Museum. Ein Gericht stellte später klar, dass diese Aktion illegal war. "Die denken, wir sind linksradikale Besetzer und reagieren mit Gewalt auf eine solche Aktion", sagt Reiter. "Hier ist noch nie eine Flasche rausgeflogen." Seit die Gastronomen aus dem Erdgeschoss sich haben herauskaufen lassen, sei die Stimmung im Kunsthaus viel besser. Das Geld, um die Nutzer zum Auszug zu bewegen, stammt nach Ansicht der Künstler vom potenziellen Investor Harm Müller-Spreer, der in Mitte schon viele Projekte wie das Spreedreieck am Bahnhof Friedrichstraße realisiert hat.

Die Künstler aber wollen bleiben. Viele der am Eingang abgewiesenen Besucher unterzeichnen die dreisprachig ausliegende Petition für den Erhalt des Kunsthauses. Mit einem Mal stehen die Künstler mitten in einer politischen Debatte, die mit der Finanzkrise in vielen Ländern aufgeflammt ist. "Wir profitieren hier von der Idee, dass Geld nicht alles ist", sagt Martin Reiter. "Hier im Tacheles fokussieren sich die aktuellen Konflikte", sagt Linda Cerna.

Viele Unterstützer-Mails

Sie gehe davon aus, dass es für das Tacheles eine politische Lösung geben muss. Im Hause des Regierenden Bürgermeisters und Kultursenators Klaus Wowereit ist man wenig optimistisch. Seit 2004 habe es zahlreiche Versuche gegeben, ein langfristiges Nutzungskonzept für das Tacheles auf die Beine zu stellen, sagt Günter Kolodziej, Sprecher der Kulturverwaltung. "Leider war diesen Versuchen kein Erfolg beschieden." Der Senat habe keine Einflussmöglichkeiten auf diese privatrechtliche Auseinandersetzung.

"Wir würden es aber begrüßen, wenn es keine Zwangsräumung geben würde", so Kolodziej. Die HSH Nordbank habe kein Interesse, das Gesamtareal aufzuteilen und nur die Kunstruine zu verkaufen. Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) habe es abgelehnt, auf die öffentliche Bank Einfluss auszuüben.

Die Künstler setzen darauf, dass niemand ein Interesse daran hat, Bilder zu produzieren, wie im hippen Berlin das weltbekannte Tacheles geräumt wird. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass irgendwelche Berliner Polizisten da Künstler raustragen", sagt die kulturpolitische Sprecherin der SPD-Fraktion, Brigitte Lange. Sie bekommt jeden Tag Hunderte Mails, in denen Bürger sich für den Erhalt des Kunsthauses aussprechen. Wie es mit dem Tacheles weitergehen soll, weiß sie aber auch nicht. "Ich bin ratlos", sagt die Abgeordnete.

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