Vernachlässigung

Deutlich weniger Berliner Eltern das Sorgerecht entzogen

Die Zahl der Eltern, denen im vergangenen Jahr das Sorgerecht entzogen wurde sank im Vergleich zu 2010 drastisch - von 1500 auf 549 Fälle.

Foto: Caro / Aufschlager

Deutsche Familiengerichte haben wegen der Gefährdung des Kindeswohls Eltern im vergangenen Jahr nahezu doppelt so oft das Sorgerecht entzogen wie vor 20 Jahren. Etwa 12.700 Kinder waren von dieser Entscheidung betroffen. Das waren rund 5700 mehr als vor 20 Jahren und etwa 4600 mehr als vor zehn Jahren, wie das Statistische Bundesamt in Wiesbaden am Mittwoch mitteilte.

In Berlin sieht die Situation jedoch anders aus: Während im Jahr 2010 mehr als 1500 Mal in Berlin das Sorgerecht entzogen worden war, sank die Zahl der Fälle im vergangenen Jahr drastisch. Um genau 34,8 Prozent, so das Statistische Bundesamt. Es wurden in Berlin noch 549 Fälle registriert, bei denen die Familiengerichte anordneten, die Kinder aus den Familien zu nehmen. Auch in Mecklenburg-Vorpommern ist die Zahl der Fälle deutlich gesunken – um 24,1 Prozent.

Leichter Rückgang seit Rekordjahr 2010

Im Bundesdurchschnitt ist die Zahl der Kinder, deren Eltern das Sorgerecht ganz oder teilweise verloren haben, im Vergleich zum Rekordjahr 2010 nur leicht zurückgegangen– und zwar um 48 Kinder. Die Quote stieg aber im vergangenen Jahr erstmals auf zehn von 10.000 Kindern. Im Vorjahr hatte sie noch neun betragen. In den Jahren 1991 bis einschließlich 2004 waren fünf von 10.000 Kindern und Jugendlichen betroffen. Zum Sorgerecht gehören das Wohlergehen des Kindes und die Verwaltung seines Vermögens. Das Recht kann ganz oder teilweise entzogen werden. Die Familiengerichte können zudem beiden Eltern oder nur einem Elternteil das Sorgerecht aberkennen.

Hohe verfassungsrechtliche Maßstäbe

Das Sorgerecht für etwa 9600 Mädchen und Jungen übertrugen die Gerichte 2011 auf die Jugendämter. Bei jedem fünften von ihnen wurde den Ämtern nur das Recht zugesprochen, über den Aufenthalt des Kindes zu bestimmen. Bei den übrigen 3100 Kindern übernahmen andere Erwachsene oder ein Verein das Sorgerecht.

Das Sorgerecht wird entzogen, wenn die Gefährdung des körperlichen, geistigen oder seelischen Wohls des Kindes anders nicht abzuwenden ist. Die verfassungsrechtlichen Maßstäbe für den Entzug des Sorgerechts sind sehr hoch, so die Experten. Das körperliche, psychische oder geistige Wohl des Kindes müsse so stark gefährdet sein, dass es mit ziemlicher Sicherheit zur erheblichen Schädigung führe, wenn nicht eingegriffen werde, so Heinz Kindler vom Deutschen Jugendinstitut in München.