Prozess

Falscher Doktor fälschte Idiotentests und Drogentests

Ein 36Berliner hat Gutachten für Führerscheintests manipuliert. Jetzt muss er sich vor Gericht verantworten.

Foto: Astrid Plonske

Boris-Marc W. wirkt eitel. Auch jetzt noch, als Angeklagter vor Gericht. Ein Mann, der weiß, wie er Eindruck auf andere machen kann, erst recht mit der passenden Visitenkarte.

Dem 36-Jährigen werden von der Staatsanwaltschaft gewerbsmäßige Urkundenfälschung und der Missbrauch von Titeln vorgeworfen. Im Oktober 2007 fälschte er mit dem Kopfbogen der Universität Potsdam ein Zeugnis über das bestandene Diplom im Fach Psychologie. Zwei Jahre später kauft er sich über das Internet von der Universität Warschau für 13.400 Euro einen Doktortitel und ließ ihn in seinen Ausweis eintragen.

Marktlücke „Idiotentest“

Diese Vorwürfe sind in dem von Staatsanwältin Christine Höfele verlesenen Anklagesatz jedoch eher als geringfügig einzustufen. Weitaus schwerer wiegen die Aktivitäten des Boris-Marc W. an einem Institut, das sich unter anderem mit der medizinisch-psychologischen Begutachtung der Fahreignung beschäftigt – bekannt auch unter dem Kürzel MPU oder, volkstümlich, als „Idiotentest“. Für Kraftfahrer, die betrunken erwischt wurden oder notorische Raser sind, ist dieser MPU oft eine schwer überwindbare Hürde. Aber nur wenn sie ihn bestanden haben, erhalten sie die Fahrerlaubnis zurück. Und genau das war die Marktlücke.

Boris-Marc W. sagt vor Gericht, er sei da eher zufällig hineingeraten. Im Oktober 2007 begann er – als echter Student der Universität Potsdam – in dem schon erwähnten Institut zu arbeiten. Allerdings streng kontrolliert von anderen Mitarbeitern. Etwa Ende 2007 lernte er den damals 51-jährigen Demirel K. kennen. Der betreute in einer eigenen Firma Probanden, die ihren Führerschein verloren hatten. Sie kamen ins Gespräch. Ein paar Wochen später ließ sich Boris-Marc W. von Demirel K. überreden, in dessen GmbH MPU-Vorbereitungskurse durchzuführen. Im Sommer 2008 gab es dann einen Streit mit einem Kunden, der trotz dieser Beratung durch Boris-Marc W. bei der MPU durchgefallen war. Demirel K. war darüber nicht sehr erfreut. Boris-Marc W. wollte es wiedergutmachen und verfälschte zum ersten Mal ein negatives Gutachten in ein positives. Das war möglich, weil er als Mitarbeiter des Instituts Zugriff auf die Daten und Formulare hatte.

37.000 Euro Schmiergeld

So ging es weiter. Angeblich nicht immer freiwillig. Boris-Marc W. sagt vor Gericht, Demirel K. habe „sukzessive Druck aufgebaut“. „Ich konnte nicht mehr zurück, ich war drin in dem Sumpf.“

Nach eigenen Angaben hatte Boris-Marc W. 97 Fälschungen durchgeführt. Dazu gehörten nicht nur MPU, sondern auch Protokolle von Drogenscreenings – angeblich erstellt von der Charité, angefertigt jedoch vom Angeklagten. Dafür will er rund 37.000 Euro kassiert haben.

Das Ende folgte im Sommer 2010. Zunächst wurde Demirel K. gefasst. Die Ermittler kannten ihn. Er war im Jahr 2000 wegen Betrügereien mit Führerscheinen schon einmal zu drei Jahren Gefängnis verurteilt worden. Diesmal gab es drei Jahre und drei Monate Haft wegen der MPU-Betrügereien. Dabei sei er jedoch, wie Staatsanwältin Höfele sagt, in den Genuss „einer kleinen Kronzeugenregelung“ gekommen. Was übersetzt heißt: Demirel K. nannte viele Namen. Auch den des Studenten Boris-Marc W., der unmittelbar nach dem Prozess gegen Demirel K. erstmals festgenommen wurde.

Boris-Marc W. will jetzt doch noch seinen Abschluss zum Diplompsychologen machen. Ohne Tricksereien. Vielleicht kann er dafür die anstehende Haftzeit nutzen. Denn eine Bewährungsstrafe, sagt die Staatsanwältin, sei für ihn kaum zu erwarten. Der Prozess wird fortgesetzt.