Gesundheitsrisiko

Großer Lärmtest - so laut ist Berlin

Flugzeuge, Autos, krähende Hähne: Morgenpost Online war einen Tag unterwegs, um den Lärm der Großstadt einzufangen.

Foto: BM Infografik

10 Uhr morgens auf dem Balkon eines Berliner Mietshauses an der Kavalierstraße, eine kleine Pankower Seitenstraße: Vögel zwitschern im Gottesbaum, entfernt ist das Rattern einer Tram zu hören. Das Messgerät zeigt 53 Dezibel (dB) an, ein Wert im grünen Bereich.

Laut Übersicht der Fördergemeinschaft Gutes Hören sind 50 dB der gängige Wert für eine ruhige Wohnstraße am Tage. Fünf Minuten später teilt ein Flugzeug mit dröhnenden Düsen den Himmel über dem Balkon. Der gefühlte Lärm ist stärker als der gemessene Wert (75,8 dB), der laut Statistik gerade Mal der Lautstärke einer Hauptverkehrsstraße entspricht.

Straßenlärm ist die größte Belastung für die Ohren der Berliner. Aus der Statistik der Senatsverwaltung für Umwelt geht hervor, dass etwa 273.000 Anwohner tagsüber Straßenlärm von über 65 Dezibel ertragen müssen. Wo die Lärmobergrenze liegt, bei der das Risiko für gesundheitliche Schäden steigt, wird von den Experten intensiv diskutiert.

Die Spanne reicht von einem Dauerschallpegel von 65 dB als die Lärmobergrenze am Tage bis zu 40 dB in der Nacht. Ärzte und Gesundheitsexperten sind sich inzwischen weitgehend einig: Lärm ist ein Gesundheitsrisiko, Dauerkrach macht mit großer Sicherheit krank.

Als besonders gefährlich wird dabei der Lärm eingeschätzt, der den Schlaf stört. Bereits bei einem Dauerschallpegel von mehr als 40 Dezibel steigt laut René Weinandy, Experte im Umweltbundesamt, die Gefahr, einen Herzinfarkt oder Schlaganfall zu erleiden.

Ein Dorf im Dauerkampf

Doch nicht nur der Blutdruck steigt bei den Lärmgeplagten, die Beschallung kann zu Herz-Kreislauf-Krankheiten, Migräne, Angststörungen oder Depressionen führen. Daher gehen die verschiedenen gesetzlichen Lärmschutzbestimmungen meist von einer besonderen Schutzwürdigkeit der Nachtruhe aus.

12 Uhr, Lübars, Reinickendorf – auf der Suche nach einem Lärmrefugium. Wir erwarten ein Dorf im Mittagschlaf. Stattdessen kräht im Biergarten lauthals Hahn Theo. Er kommt auf stolze 83 Dezibel. Theo kräht nicht nur morgens, sondern den ganzen Tag immer mal wieder, erzählt sein Besitzer Sven Hensel.

„Er will eben seine Mädels beeindrucken“, sagt er mit Blick auf die kleine Hühnerschar. Doch Sven Hensel mag das Krähen, viel mehr störe ihn der Straßenlärm. Doch von Straßenlärm ist zur Mittagsstunde rund um den Dorfanger nichts zu hören.

Stattdessen machen sich Alexa, Anja und Tatjana fertig zum Ausritt über die Wiesen. Auf der Koppel messen wir friedliche 43 Dezibel. Und dennoch befindet sich das Dorf im Dauerkampf gegen den Lärm.

Ärger in Lübars

„Zu den Stoßzeiten am Morgen und Nachmittag ist hier ein Verkehr wie am Kudamm“, sagt Ute Kühne-Sironski, die Betreiberin des Pferdehofs. Ihre Familie ist seit 350 Jahren in dem denkmalgeschützten Dorf ansässig. Wenn nicht schnell etwas passiere, sieht sie jedoch keine Zukunft für den Ort.

In der Rushhour fahren Berufspendler und Lkw über das Kopfsteinpflaster, sodass in den alten Häusern das Mauerwerk bröckelt. Allein in einem Monat wurden in dem kleinen Ort bei einer Verkehrszählung 145.000 Fahrzeuge in eine Richtung gezählt.

„Die Straße ist die einzige Verbindung zwischen Autobahn und Pankow“, sagt Ute Kühne-Sironski. Doch mit ihrer Forderung, endlich den Alten Bernauer Heerweg als Umgehung befahrbar zu machen, stoße die Dorfbevölkerung bei der Pankower Bezirksverwaltung auf wenig Verständnis.

„Bei jedem Fenster redet der Denkmalschutz mit, bei den Verkehrsschäden aber sieht er großzügig weg“, schimpft die Pferdewirtin in der ruhigen Mittagsidylle.

12.45 Uhr Kurt-Schumacher-Platz in Reinickendorf: Über der dicht befahrenen Kreuzung setzen die Flugzeuge mit einem ohrenbetäubenden Krach zum Landen auf dem nahegelegenen Flughafen Tegel an. Ohne Flugzeug zeigt das Messgerät etwa 70 dB an, mit Flugzeug steigt die Anzeige auf 88,1 dB.

Laut Studien kann es bei dieser Lautstärke schon zu Gehörschäden kommen. Dennoch sitzen direkt an der Kreuzung Menschen in den Terrassencafés, trinken Latte Macchiato, essen Eis oder Steak, als sei der Lärm das Normalste der Welt.

Spanier am lautesten

Und wie hält die Bedienung von der Bäckerei Thürmann das aus? „Gar nicht“, antwortet sie mit einem gequälten Lächeln und huscht schnell zum nächsten Kunden, der ihr seine Bestellung zubrüllt.

Gleich an zweiter Stelle nach dem Verkehrslärm steht in Berlin der Fluglärm, wenn es um die Zahl der Betroffenen geht. Durch den Flughafen Tegel, der eigentlich schon seit dem 3. Juni nicht mehr in Betrieb sein sollte, müssen 225.000 Berliner unter extremer Lärmbelastung leiden.

Wie viele es sein werden, wenn der Hauptstadtflughafen BER irgendwann ans Netz gehen wird, ist noch nicht abschließend geklärt. Wir bewegen uns mit dem Messgerät in die Mitte der Stadt.

15.30 Uhr Pariser Platz: Vor dem Brandenburger Tor gibt es keinen Verkehrlärm, bis auf die Fahrradklingel eines Rikscha-Fahrers. Lautlos zerplatzen riesige Seifenblasen. Ein vergoldeter Mensch mimt stumm eine Lenin-Statue.

Doch diese Bilder passen nicht zur Geräuschkulisse. Das babylonische Stimmengewirr der Touristen kommt auf einen Pegel von 60,5 dB. Beim Kichern der 14-jährigen Mädchen vor dem Mann im Monsterkostüm geht der Wert bis auf 81dB hoch.

Gleich neben dem Monster haben Vladimir und Jenkins ihren Arbeitsplatz. So jedenfalls nennen sich die jungen Männer in sowjetischer und amerikanischer Uniform, die auf etlichen Urlaubsbildern von Berlinbesuchern aus aller Welt wiederzufinden sind. „Es gibt bei der Lautstärke große Unterschiede zwischen den Nationalitäten“, meint Jenkins. Definitiv am lautesten würden die Spanier reden, am leisesten seien die Deutschen.

Das Nichts genießen

Wer am Brandenburger Tor Ruhe haben will, geht in den Raum der Stille. Im Stadttor tritt man durch eine Lärmschleuse ein abgedunkeltes Zimmer. Tageslicht schimmert durch die zugezogenen Vorhänge.

So neutral und schlicht wie möglich soll der Raum gehalten sein. Eröffnet wurde er 1994 nach dem Vorbild des Meditationsraumes im Gebäude der Vereinten Nationen in New York, den 1945 der damalige UNO-Generalsekretär Dag Hammarskjöld für die Mitarbeiter einrichten ließ.

Um 16.03 Uhr messen wir hier, im Raum der Stille, mit 27,6 dB den niedrigsten Wert unserer gesamten Versuchsreihe. Es ist leise, wenn auch nicht still. Sehr gedämpft durch die geschlossenen Fenster sind die Geräusche des Platzes vernehmbar. Täglich kommen 100 bis 300 Besucher, um das Nichts zu genießen und der Hektik der Großstadt zu entfliehen.

„Einige Touristen stecken nur den Kopf rein, andere bleiben eine halbe Stunde“, sagt Heidi Townsens, die ehrenamtlich am Empfang die Stille wacht. Es gebe auch Besucher, die die Stille nicht aushalten, weil sie dann ein inneres Rauschen oder Klingeln hören, erzählt sie.

Die Touristin Tamal aus Israel hat den perfekten Ort für ihre Ruhepause an einem Wasserbecken im Tiergarten gefunden. Wir messen 44,5 Dezibel. Der Schallpegel liegt damit höher als vermutet. Geräusche verursachen hier vor allem der Kies unter den Füßen der Fußgänger und die Blätter im Wind.

Krankheitsrisiko steigt

Auf dem Heimweg bekommen wir dann noch mal die volle Großstadtdröhnung zu hören. Die große Kreuzung am Potsdamer Platz hat selbst nach dem Berufsverkehr noch einen Lärmpegel zwischen 75 und 78 Dezibel.

Damit könnte sie sich getrost in die Top Ten der lautesten Berliner Straßen einreihen, die die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung erstellt hat. Die Spitzenwerte wurden demnach in der Leipziger Straße, an der Friedrichsruher Straße in Halensee und am Varziner Platz in Friedenau mit 80 dB registriert.

Die Tabelle ist Teil des sogenannten Lärmminderungsplans, der vom Senat 2008 vorgelegt wurde. In einem ersten Schritt wurde die Lärmbelastung jeder Straße systematisch ermittelt. Darauf aufbauend entwickelt die Senatsverwaltung für Gesundheit Aktionspläne zur Verringerung des Lärms, beispielsweise durch Flüsterasphalt oder Tempo-30-Zonen.

Noch lauter als an der Verkehrskreuzung ist es offenbar nur in der fahrenden U-Bahn. Zu unserer Überraschung zeigt das Messgerät außerhalb der Bahnhöfe dort fast auf der gesamten Strecke zwischen Potsdamer Platz und Spittelmarkt anstrengende 80dB an.

Das letzte Mal schalten wir das Gerät um 23.05 Uhr ein. Auf dem Balkon an der Pankower Kavalierstraße werden jetzt 38 dB angezeigt. Die Weltgesundheitsorganisation WHO setzt 40 Dezibel als Schwelle für eine gesunde Nachtruhe an.

Das heißt, wer nachts langfristig einen höheren Dauerschallpegel ertragen muss, bei dem wird das Risiko für Krankheiten steigen. Das geschlossene Fenster schluckt nach Angaben von Experten noch ein Mal 15 dB. 38 Dezibel bedeuten wohl eine leise Nacht.