Studie

Jeder zehnte Berliner S-Bahn-Zug fällt aus oder ist zu spät

Die S-Bahn ist so unpünktlich wie seit 16 Monaten nicht mehr. Stellwerksausfälle und Kabel-Diebstähle verschärfen die Probleme

Foto: dpa

Abends, kurz nach acht im S-Bahnhof Potsdamer Platz: Der Bahnsteig ist gut gefüllt, am Gleis 14 warten Büroleute und Touristen in großer Zahl auf den nächsten Zug. Dann die ernüchternde Lautsprecher-Durchsage: „Der Zug nach Berlin-Buch, planmäßige Abfahrtszeit 20.26 Uhr, fällt ersatzlos aus.“ Bereits kurz zuvor war schon die S25 nicht gekommen. Unmut macht sich Luft. „Das kann doch nicht wahr sein“, empört sich einer der Wartenden lautstark. Wenigstens die S1 nach Oranienburg fährt pünktlich im Bahnhof ein. In den nicht klimatisierten Wagen wird es nun schnell eng und stickig.

Nicht nur im Nord-Süd-Verkehr, auch bei der S5 (Strausberg-Nord–Spandau) und der S7 (Ahrensfelde–Potsdam) häufen sich in diesen Tagen die Fahrgast-Beschwerden über Zugausfälle und Verspätungen. Auch im vierten Jahr der Krise, so die Erfahrung vieler Fahrgäste, ist die Berliner S-Bahn noch weit von alter Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit entfernt.

Angebot verschlechtert sich wieder

Nach einer kurzen Zeit der Stabilisierung hat sich die Angebotsqualität sogar wieder spürbar verschlechtert. Das bestätigt eine aktuelle Studie des Verkehrsverbundes Berlin-Brandenburg (VBB), der im Auftrag des Senats und der brandenburgischen Landesregierung regelmäßig die Qualität im öffentlichen Nahverkehr analysiert. Demnach sind die Züge der Berliner S-Bahn im Mai nur zu 90,9 Prozent pünktlich gefahren. Das heißt, jeder zehnte Zug hat sich gegenüber dem Fahrplan um mehr als vier Minuten verspätet.

Die Pünktlichkeit hat sich dabei gegenüber dem Vormonat um zwei Prozentpunkte verschlechtert und liegt sogar knapp vier Punkte unter dem Wert des Vorjahres. Dabei stehen der S-Bahn nach umfangreichen Reparatur- und Modernisierungsarbeiten deutlich mehr Züge zur Verfügung als noch vor einem Jahr. Laut VBB konnte die S-Bahn im Mai im Durchschnitt auf 483 Zwei-Wagen-Einheiten zurückgreifen, im Mai 2011 waren es gerade einmal 418 Viertelzüge (montags bis freitags, jeweils 7 Uhr). Die S-Bahn selbst spricht sogar von knapp 500 einsatzfähigen Doppelwagen. Der Soll-Wert liegt in den Sommerferien bei 528 Viertelzügen.

Doch der vergrößerte Fahrzeugbestand konnte offenbar kaum die Zuverlässigkeit des S-Bahn-Angebots erhöhen. Im Gegenteil: Die Quote von Mai ist der schlechteste Pünktlichkeitswert in den vergangenen 16 Monaten. Auch der Wert, der den Erfüllungsstand des Verkehrsvertrages beschreibt, ist wieder gesunken. Demnach sind im Mai nur 91,7 Prozent der bestellten Zugfahrten auch tatsächlich erbracht worden. Dabei haben die VBB-Experten die schon seit mehr als drei Jahren nicht mehr bediente Linie S85 (Waidmannslust–Grünau) sowie die teilweise entfallenden Verstärkerzugfahrten in der Hauptverkehrszeit bei ihren Berechnungen nicht einmal berücksichtigt.

„Die Krise ist noch nicht vorbei“

„Die Krise ist leider noch immer nicht vorbei“, kommentiert VBB-Sprecherin Elke Krokowski die aktuelle Studie. Als Hauptursache für die Angebotsmängel haben die Verkehrsexperten eine große Zahl an Infrastrukturstörungen ausgemacht. So habe etwa ein Kabelbrand am 22. Mai zu einer mehrtägigen Unterbrechung des Verkehrs auf den Ringbahn-Linien S41 und S42 sowie der S8 und S9 zwischen Ostkreuz und Treptower Park geführt. Auch Stellwerksstörungen, wie etwa am 18. Mai in Wannsee und am 21. Mai in Gesundbrunnen, hätten „beträchtliche Zugausfälle“ verursacht. Nicht an allen Problemen ist dabei die S-Bahn selber Schuld. So haben wiederholt Kabeldiebe den Zugverkehr teils erheblich gestört.

S-Bahn sieht keinen Abwärtstrend

Die S-Bahn sieht trotz der VBB-Zahlen keinen Abwärtstrend. „Richtig ist: Wir sind noch immer nicht dort, wo wir hinwollen. Aber eine deutliche Verschlechterung unserer Leistung kann ich nicht erkennen“, sagt ein S-Bahn-Sprecher. Nach seinen Angaben lag „die vom Fahrgast wahrnehmbare Pünktlichkeit“ im Juni bei 92,4 Prozent. Eine besondere Häufung von Zugausfällen habe es nicht gegeben.

Intern gibt es jedoch auch bei der S-Bahn viel Kritik, vor allem am Zustand der Zugsicherungs- und Stellwerkstechnik. „Da ist vieles marode und völlig veraltet“, so ein S-Bahner. Die für die Infrastruktur zuständige Bahn-Tochter DB Netz verweist auf jährliche Investitionen in dreistelliger Millionenhöhe. So wird bereits seit Jahren der Bahnhof Ostkreuz und die dazugehörigen Stellwerks- und Zugsicherungstechnik komplett erneuert.

Doch die vielen Baustellen im S-Bahn-Netz sorgen zusätzlich für Ausfälle und Verspätungen. Aktuell ist der Zugverkehr zwischen Nikolassee und Wannsee (Linie S1) und zwischen Marienfelde und Lichtenrade (S2) unterbrochen. Am Montag kommt eine weitere Baustelle hinzu. Dann fahren wegen einer Brückenerneuerung und Gleisarbeiten auf der Linie S8 (Zeuthen–Birkenwerder) bis 30. Juli keine Züge mehr zwischen Blankenburg und Mühlenbeck-Mönchmühle.