Weniger Gäste

Berliner ADAC-Ball ist nach mehr als 100 Jahren Geschichte

Einst war er das größte Tanzvergnügen Deutschlands: der Berliner ADAC-Ball. Doch die Besucherzahlen sanken stetig. Nun soll Schluss sein.

Keiner der Gäste wusste, dass er zum letzten Mal auf dem ADAC-Ball tanzen würde. In festlichen Roben und Smokings flanierten die Gäste noch im vergangenen Januar durch das Maritim Hotel an der Stauffenbergstraße in Tiergarten. Doch der 87. Ball sollte auch tatsächlich der letzte sein. Der Vorstand des ADAC Berlin-Brandenburg habe das Ende des Balls beschlossen, sagte Sprecherin Izabela Grzywacz. Es seien keine Kostengründe, die zu der Entscheidung geführt hätten, teilte der Automobilklub mit. „Uns ist es immer gelungen, die Finanzierung in einem guten Rahmen zu halten“, so Grzywacz. „Die Kosten für den Ball wurden überwiegend mit Kartenverkäufen und Sponsorengeldern abgedeckt.“

Der Grund für das Ende sei vielmehr das veränderte Interesse der ADAC-Mitglieder. „Wir haben mit einem breiten Spektrum an Veranstaltungen allein im Jahr 2011 mehr als sechs Millionen Menschen erreicht.“ Motorsportveranstaltungen oder Kinder- und Jugendfeste spielten mittlerweile eine größere Rolle in der Veranstaltungsplanung des ADAC. Zum Beispiel findet vom 26. bis 28. Juli zum zweiten Mal die „Avus Classic“ statt, eine Rallye durch Berlin und Brandenburg.

Hinzu kam, dass immer weniger Menschen eine Ballkarte kauften. In den stärksten Zeiten – in den 80er- 90er-Jahren – bezahlten rund 8000 Ballbesucher Eintritt und feierten mitunter sogar an zwei Abenden. 2011 kamen noch rund 2800 Besucher, im Januar 2012 waren es 2538.

Rabatt für junge Besucher

Und das, obwohl der Ball, verglichen mit anderen, nicht zu den teuersten gehörte. Zuletzt kostete eine Flanierkarte 159 Euro, eine Platzkarte gab es ab 199 Euro und junge Besucher bis 28 Jahre zahlten für die Flanierkarte 99 Euro.

Rennfahr-Legende Heidi Hetzer findet es schade, dass es den ADAC-Ball nicht mehr geben wird. „Aber ich kann verstehen, dass gerade junge Leute heutzutage andere Interessen haben“, sagte sie. Und es bleibe ja nicht bei der Eintrittskarte. „Kleider, Lose und die Taxifahrten – das summiert sich doch sehr.“

Der Regionaldirektor der Maritim-Hotels, Bernhard Dohne, erfuhr erst am Montag vom Aus des ADAC-Balls. „Ich finde diese Entscheidung traurig“, sagte er. „Es war immer wunderbar, diese großartige Veranstaltung bei uns im Haus zu haben. Außerdem gehörte dieser Ball für mich zur Berliner Ball- und Kulturlandschaft dazu.“

Über Jahrzehnte war der ADAC-Ball für viele als Berliner Gesellschaftsereignis nicht wegzudenken. Erst vor sechs Jahren feierte er 100. Geburtstag. Nach dem Zweiten Weltkrieg, mit der Neugründung des Clubs, tanzten 1951 wieder Paare – diesmal im „Prälaten Schöneberg“. Der Berliner Schlagersänger und Schauspieler Bully Buhlan war als Stargast eingeladen. 1956 ging es dann in die Festsäle der Hochschulbrauerei in Wedding.

Ab 1958 trafen sich die Ballgäste schließlich laut ADAC im neu erbauten Palais am Funkturm. Immerhin blieb das Palais 22 Jahre lang Heimat des ADAC-Balls, 1980 wechselte der Ball erneut sein Quartier. Das ICC war neu erbaut und bot den Vorteil, mehr Ballgäste begrüßen zu können. Die rund 4000 Besucher schwoften zur Musik von Roland Kaiser, Wencke Myhre, Jennifer Rush, Marianne Rosenberg oder Harald Juhnke.

Ab 1969 mussten sich die Ballfans übrigens gleich ein ganzes Wochenende in ihrem Kalender vormerken. In dem Jahr wurde zum ersten Mal an zwei Abenden zum Ball geladen, die Nachfrage nach Karten überrollte das Berliner Clubbüro geradezu. Vom Jahr 2000 an wurde der Ball dann nur noch an einem Abend gefeiert.

Seit 2006 feierten die Mitglieder und Gäste des Clubs dann im Hotel Maritim in Tiergarten. Ehrengäste des Balls waren das damalige Bundespräsidenten-Paar Eva Luise und Horst Köhler, der damit seinen ersten ADAC-Ball erlebte. Zum damaligen 80. Ball wurde Gast Nummer 250.000 erwartet. Über zwei Etagen flanierten die Besucher im Maritim, im großen Saal traten Showacts auf. Unter anderem brachte Sänger Peter Kraus das Publikum zum Toben. Auch die Band „Die Puhdys“ sorgte für Stimmung.

Als die Sprinkleranlage losging

Seit rund 20 Jahren besuchte Detlef Friedebold (65) den ADAC-Ball. Der stellvertretende Vorsitzende des Allgemeinen Blinden- und Sehbehindertenvereins Berlin versäumte mit Ehefrau Frohmut keine Ballnacht, bekam sogar mit, wie 2005 wegen Pyrotechnik auf der Bühne versehentlich die Sprinkleranlage im ICC auslöste und die Gäste durchnässte. Seit 2006 nahm er auch seine Kinder samt Partnern mit. „Es hat immer großen Spaß gemacht, wir werden diese Nächte sehr vermissen.“

Doch die Entscheidung ist unumstößlich. Der ADAC möchte sich auf seinen eigentlichen Zweck besinnen, das Thema Autofahren und Verkehrssicherheit. „Wir sind ja eigentlich kein Entertainment-Veranstalter“, sagte Izabela Grzywacz. „So ein Ball ist eine völlig andere Veranstaltung, als das, was wir sonst machen. Wir unterstützen bei der Verkehrserziehung und beraten bei Straßenbau und Verkehrspolitik.“

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.