Doppelstockzüge

Bahn erneuert Fahrzeugflotte für Berlin und Brandenburg

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Thomas Fülling

Foto: DB / Jet

Da einige Wagen bis zu 40 Jahre alt sind, werden sie modernisiert. Das 24 Millionen teure Programm ist allerdings nicht ganz freiwillig.

Es ist nicht zu übersehen, die Züge der Deutschen Bahn sind in die Jahre gekommen. Bis zu 40 Jahre alt sind etwa die Doppelstockwagen, die das bundeseigene Eisenbahnverkehrsunternehmen durch Berlin und Brandenburg fahren lässt. Zumindest ein Teil der Flotte erhält nun eine Frischzellenkur. 15 Züge mit insgesamt 75 Waggons sollen bis Anfang 2013 umfassend modernisiert werden. Der erste erneuerte Doppelstockzug ist nun im bahneigenen Instandhaltungswerk im brandenburgischen Wittenberge fertiggestellt und an die Bahn-Tochter DB Regio übergeben worden. Ab Mitte Juli soll der Dosto WWX – so die bahninterne Bezeichnung – auf der Strecke der Regionalexpress-Linie 1 zwischen Frankfurt (O.), Berlin, Potsdam und Magdeburg fahren.

Bahn investiert 24 Millionen Euro

Das 24 Millionen Euro teure Modernisierungsprogramm ist allerdings nicht ganz freiwillig. Die Forderung nach neuen oder zumindest neuwertigen Zügen war Bestandteil einer europaweiten Ausschreibung der Länder Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt, die 2008/09 zum „Netz Stadtbahn“ erfolgte. Dabei wurde von den Ländern der Betrieb von 16 durch Berlin führende Regionalbahnstrecken – darunter die umsatzstärksten Regionalexpress-Linien RE1 und RE2 – für die kommenden zehn Jahre neu vergeben. Ein Auftragsgesamtwert von 1,3 Milliarden Euro.

Im Ergebnis des derzeit für die Berliner S-Bahn politisch heiß umstrittenen Verfahrens wird mit der Ostdeutschen Eisenbahngesellschaft (Odeg) erstmals in der Region ein privater Anbieter nennenswert zum Zuge kommen. Während die Odeg ab Dezember auf den von ihr gewonnenen Regionalexpress-Linien RE2 (Wismar-Berlin-Cottbus) und RE4 (Rathenow-Berlin-Jüterbog) ausschließlich neue Triebwagenzüge von Stadler einsetzen wird, darf die Deutsche Bahn auf der RE-Linie 1 weiterhin ihre lokbespannten Doppelstockzüge einsetzen. Bedingung dafür war die umfassende Modernisierung der ab 1998 ausgelieferten Waggons.

Behindertengerechtes WC

Das in Wittenberge vorgestellte Ergebnis kann sich nach Meinung vieler Experten durchaus sehen lassen. Außen im vertrauten Design, jedoch frisch lackiert, präsentiert sich der Musterzug im Innern komplett runderneuert. Die Wagen haben mehr und besser gepolsterte Sitze, sie bieten mehr Platz für Rollstühle und Fahrräder und verfügen über bessere Informationssysteme. „Die Doppelstockzüge sind ja schon jetzt die beliebtesten Fahrzeuge im Regionalverkehr. Die modernisierten Wagen werden spürbar den Komfort und den Service für die Fahrgäste verbessern“, sagt Hans-Werner Franz, Chef des Verkehrsverbundes Berlin-Brandenburg (VBB), der das Ausschreibungsverfahren einst geführt hatte. Laut Franz gibt es bei vielen aktuell von der Bahn eingesetzten Fahrzeugen „einen erheblichen Nachholbedarf für Fahrgäste mit Gepäck und Behinderungen“. Der könnte mit den umgebauten Wagen deutlich verringert werden.

Kern- und Vorzeigestück des Dosto WWX ist ein sogenannter Servicewagen, der sich stets in der Mitte des fünfteiligen Zuges befinden wird. „Das erleichtert gerade mobilitätseingeschränkten Fahrgästen erheblich die Orientierung“, so VBB-Chef Franz. Der Servicewagen verfügt nicht nur über zwei speziell eingerichtete Plätze für Rollstuhlfahrer nebst Begleitern, sondern auch über ein besonders großzügiges behindertengerechtes WC, wie es in Regionalzügen bislang nicht Standard ist. Im Obergeschoss des Wagens befindet sich zudem die 1. Klasse mit verbessertem Komfort. So sind dort alle Sitze mit Leder statt mit Velourstoff bezogen.

Zweierplätze mit Steckdosen

Ebenfalls neu: Alle Zweierplätze im Zug verfügen über Steckdosen (etwa für mobile Computer), die Beleuchtung erfolgt durch hellere und zudem energiesparende LED-Lampen, und alle Wagen sind mit Kameras zur Videoüberwachung ausgerüstet. Gleichfalls eine Forderung des Verkehrsverbundes, mit der vor allem das subjektive Sicherheitsgefühl der Fahrgäste verbessert werden soll. Die Komplettüberwachung ist unter Datenschützern durchaus umstritten, wird aber inzwischen bei allen neuen Nahverkehrszügen und auch bei Bussen und U-Bahnen der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) eingebaut. Laut VBB-Sprecherin Brigitta Koettel sollen die Fahrgäste aber nicht permanent überwacht werden. „Es gibt keinen, der permanent schaut, was in den Waggons passiert. Alle Aufzeichnungen der Kameras werden nach 48 Stunden gelöscht“, versichert Koettel. Gehen in dieser inzwischen von BVG, S-Bahn und Bahn einheitlich angewandten Frist Anzeigen wegen einer Straftat im Zug ein, kann die Polizei – und nur sie – die Bilder bei der Suche nach den Tätern nutzen. Mit einer zweiten Neuerung können Fahrgäste jedoch schon unmittelbar bei einem Vorfall Hilfe herbeiholen. Neben den Türen und in den Toiletten sind Notruf-Taster angebracht, über die das Zugpersonal alarmiert werden kann.

Durch eine Änderung der Anordnung erhöht sich im Dosto WWX die Anzahl der Sitzplätze um 44 auf mehr als 600 pro Zug. Für den Berliner Fahrgastverband Igeb ist dies ein Mangel der ansonsten als durchaus gelungen eingeschätzten Wagenmodernisierung. „Durch die engere Bestuhlung hat sich die Kniefreiheit um zwei Zentimeter verringert. Gerade für Großgewachsene wird die Fahrt unbequemer“, kritisiert Igeb-Vertreter Florian Müller.

Mehr Abstellfläche gibt es dagegen für mitgeführte Fahrräder (nun bis zu 50 pro Zug). Ob sich durch die Ausstattung der speziell zwischen Potsdam und Berlin häufige Platzmangel in den Zügen spürbar verringert, darf bezweifelt werden. Wirksamer dürfte die Taktverdichtung sein. Nach der gegenwärtigen Sanierung der Wannsee-Strecke werden ab Dezember nicht nur halbstündlich, sondern alle 15 Minuten Züge zwischen beiden Städten fahren.

17 Talent-2-Triebwagen ausgeliefert

Ein Großteil der eingesetzten Regionalexpress-Züge soll dann bereits den höheren Servicestandard bieten. Renado Kropp, Geschäftsführer von DB Regio Nordost, rechnet damit, dass bis Jahresende zehn der insgesamt 15 für den RE1-Einsatz vereinbarten Reko-Doppelstockzüge in Berlin eingetroffen sind. Der Musterzug wird voraussichtlich ab 14. Juli fahren.

Auf die übrigen Regionalbahn-Linien sollen künftig mehr neue Talent-2-Triebwagen, die ebenfalls nach den aktuellen VBB-Standards eingerichtet sind, unterwegs sein. Von den 48 bestellten Triebwagen sind laut Kropp vom Hersteller Bombardier bisher 17 ausgeliefert worden.

Die Doppelstockwagen, die noch aus den Beständen der DDR-Reichsbahn stammen, will die Bahn ausrangieren, später hergestellte Wagen werden schrittweise erneuert. Als Nächstes kommen die Züge dran, die auf den Regionalexpress-Linien 3 und 5 zwischen Berlin und der Ostsee fahren. Insgesamt 106 Doppelstockwagen werden bis 2014 in Wittenberge und Cottbus modernisiert. Neben dem Bahninstandsetzungswerk mit 1100 Beschäftigten profitieren auch viele kleinere Firmen in der Region von den zweistelligen Millionenaufträgen der Bahn.