Fassade

Was Berliner zum Streit um das Jagdschloss Glienicke sagen

Der moderne Glaserker von Taut oder die historische Fassade von Geyer? Für viele Berliner ist diese Frage eindeutig zu beantworten.

Foto: Sven Lambert

In dem Fassadenstreit melden sich vor allem die Befürworter der historischen Ansicht mit Freitreppe von Albert Geyer aus dem Jahr 1889 zu Wort.

Zahlreiche User haben sich an unserem Aufruf zum Jagdschloss Glienicke beteiligt. Die Antwort auf die Frage, ob der moderne Glaserker von Max Taut aus dem Jahr 1963 oder die historische Fassade von Albert Geyer aus dem Jahr 1889 wiederaufgebaut werden soll, ist eindeutig. Die, die sich zu Wort gemeldet haben, plädieren für die historische Ansicht mit Freitreppe zum Garten. Hier eine Auswahl der Briefe und Argumente.

Geht in einer Demokratie nicht der Wille vom Volke aus? Wenn es der Wille des Volkes sein sollte, dann muss die historische Fassade wiederhergestellt werden. Der Glaserker war nach ein paar Jahren schon verkommen, das Schloss aber steht immer noch. Warum muss ein optisch stimmiges Gebäude derart verschandelt werden?

Karin Moede, per E-Mail

Der Einbau des Glaserkers war ebenso wie die Zerstörung des Treppenhauses und der gläserne Eingang auf der Hofseite ein bewusster Akt von Denkmalstürmerei und Kulturbarbarei. Max Taut war definitiv kein "Mittler zwischen Geschichte und Moderne", sondern ein reiner Apologet der Nachkriegsmoderne, und die Verschandelung des Bauwerks ein Schlag ins Gesicht all derer, die die Kulturlandschaft rund um die Glienicker Brücke lieben. Es ist bedauerlich, dass der Regierende Bürgermeister – der angeblich die Geyer-Variante favorisiert – nicht in der Lage ist, seine Richtlinienkompetenz gegenüber dem Landeskonservator durchzusetzen.

Matthias Barth, per E-Mail

Ihr Gastautor Gerhard Hoya hat es auf den Punkt gebracht: Mit dem Umbau von Max Taut wurde dieses geschlossene Schloss-Ensemble zerstört. Die große Glasscheibe verschandelt das Schloss.

Hagen Kauffmann, Zehlendorf

Seit wir im Dezember 2010 erfuhren, dass der marode Glaserker von Max Taut an dem Jagdschloss Glienicke nicht zu sanieren ist und abgerissen werden muss, hofften wir auf den Bau der historischen Fassade von 1889. Fassungslos hörten wir aber, dass das an dieser Stelle überhaupt nicht passende Glasteil nachgebaut und in die inzwischen großartig rekonstruierte Fassade eingebaut werden solle. Damit würde zum zweiten Mal eine Bausünde aus den 60er-Jahren, die brutal in die Gartenseite des Schlosses eingegriffen hat, wiederholt. Seit anderthalb Jahren haben wir uns vom Verein für Kultur und Geschichte in Wannsee e.V. mit unserem Protest in vielen Briefen an die zuständigen Behörden gewandt, um den "Neubau" von Max Tauts Glasfassade zu verhindern.

Hannelore Bolte, per E-Mail

Der Berliner Morgenpost sei gedankt, dass sie das Thema "Max-Taut-Erker" immer wieder aufgreift und Fachleute zu Wort kommen lässt. Die Antwort zu diesem architektonischen Verbrechen am Gesamtwerk von Albert Geyer kann nur lauten: nein, nein, nein. Man tut Max Taut und seinem imponierenden Gesamtwerk (zum Beispiel Max-Taut-Schule mit Gesamtensemble in Lichtenberg, Humboldt-Oberschule in Köpenick) wirklich keinen Gefallen, diese Glaserker-Scheußlichkeit wiederaufzubauen und dann noch in sein Gesamtwerkverzeichnis aufzunehmen.

Wolfgang Leder, Charlottenburg

Es hat mich äußerst geärgert, dass der hässliche und völlig unpassende Glasvorbau im Rahmen der Renovierungsarbeiten nicht etwa beseitigt, sondern auch noch neu gebaut werden soll, und das mit den Steuergeldern des erbosten Berliners.

Claudia Regener, Zehlendorf

Die Wiederherstellung des Glaserkers ist ebenso unpassend wie die geplante moderne Ostfassade des Humboldt-Forums Stadtschloss Berlin.

Burkhard Witte, Hermsdorf

Die unverständliche Entscheidung des Landeskonservators, die das Jagdschloss Glienicke furchtbar entstellende Glasfront als Kopie zum zweiten Mal zu errichten, obwohl sich die einmalige Gelegenheit ergibt, diese Barbarei mit noch geringerem Aufwand rückgängig zu machen, muss auch angesichts der zahlreichen prominenten und fachlichen Opposition umgehend kassiert werden. Da der Landeskonservator schließlich nur ein Behördenleiter ist, wäre das für den Regierenden Bürgermeister eine Gelegenheit, sich durch ein entsprechendes Machtwort – und diesmal auch noch kostengünstig – profilieren zu können.

Jörg Görn, Moabit

Unabhängig von den Verdiensten von Max Taut habe ich die Glasfassade immer für ein Provisorium gehalten, das nicht zum Schloss passte.

Hannelore Klysynski, Steglitz

Es ist für mich völlig unverständlich, wie das Landesdenkmalamt für eine Rekonstruktion der Gartenfassade den Wiederaufbau des Glaserkers überhaupt in Erwägung ziehen kann.

Ralf Jahnke, Wannsee

Die Glasvitrine von Taut erinnert mich fatal an die Bausünden und den sogenannten Modernismus der 60er-Jahre, wo die Moderne nun mal Althergebrachtes überwinden sollte. Denkmalschutz für Taut ist an diesem Bauwerk fehl am Platz.

Carl-Friedrich Theill, Charlottenburg

Etwas Hässlicheres als den Erkervorbau am Jagdschloss Glienicke habe ich selten gesehen. Schon damals, vor gut 50 Jahren, war die Empörung groß. Wie kann ein berühmter Architekt ein Gebäude so verschandeln! Mit unserem Kunstgeschichte-Professor hatten wir damals die Gelegenheit, dieses "Kunstwerk" zu bewundern. Ein wohl einmaliger Tiefpunkt im Schaffenswerk von Max Taut. Warum will der Landeskonservator Jörg Haspel den Ruf von Max Taut so schädigen? Es ist ein Glückszustand, dass der Erker Schrott und fort ist, um die Fassade von Albert Geyer als Kunstwerk wiederherzustellen.

Bernd Winkler, per E-Mail

Es ist wirklich dringend, dass das Jagdschloss Glienicke geheilt wird. Viele Jahre lang habe ich es gemieden, dort hinzugehen. Es tat mir körperlich weh, wie das arme Gebäude verunstaltet war, sorry, Herr Taut. Max Taut mag ich sehr, aber bitte pur: Sein Theater hier in Kreuzberg, sein Gewerkschaftshaus in Mitte, das Haus am Engelbecken, das ist Architektur vom Feinsten – die soll Herr Haspel pflegen, nicht diesen Ausrutscher am Jagdschloss.

Annette Ahme, per E-Mail

Auf den ersten Blick könnte man sicherlich vermuten, dass Taut mit der vorgezogenen Glasfront zum Park "Licht und Luft ins Schloss" gebracht hätte. Die Realität sieht jedoch anders aus. Deshalb ist der Raum bei den Nutzern so unbeliebt, dass er meistens leer stand. Die Gruppen, die dort eingeteilt wurden, haben immer nach anderen Räumen Ausschau gehalten. Woran liegt dies? Unmittelbar hinter den Glasscheiben war es zwar hell, aber auch kalt. Im eigentlichen Raum war es jedoch dunkel und bedrückend. Die Betonwände mit der Betondecke haben den direkten Lichteinfall behindert. Von Transparenz und Leichtigkeit im Sinne moderner Architektur kann keine Rede mehr sein. Vor diesem Hintergrund dürfte sich die Frage erübrigen, welcher Restaurierungsvariante aus Sicht der Nutzer der Vorzug zu geben ist.

Anette Benninghoff, per E-Mail

Die Ansicht des Landeskonservators können wir nicht teilen, denn wir brauchen keine weiteren Zeugnisse des Kalten Krieges, vor allem nicht an unpassender Stelle. Wir plädieren deshalb für die in den Garten führende ursprüngliche Freitreppe.

Gudrun und Horst Krause, per E-Mail

Der Wiederaufbau des Jagdschlosses Glienicke bietet die einmalige Chance, den historischen Zustand des Gebäudes als attraktives Highlight im Parkensemble der Parks von Glienicke und Babelsberg wiederherzustellen. Die Schlösser könnten auch als touristische Attraktion sowohl für auswärtige Besucher als auch für die Berliner und Brandenburger in historischem Kontext beschrieben und ausgewiesen werden. Das wäre mit dem hässlichen Glaserker aus den 60er-Jahren selbstverständlich nicht möglich.

Anne-Kathrin und Th. Stollorz, Buckow

Ich verstehe nicht, wieso ein solcher unsensibler Anbau Max Tauts wiederaufgebaut werden soll. Max Taut wird wahrscheinlich von vielen mit seinem bekannten Bruder Bruno Taut verwechselt, dessen Bauten von anderer Qualität sind.

Dieter Seeliger, per E-Mail

Gerade heute haben mein Mann und ich wieder einen Spaziergang durch den Glienicker Park gemacht – eine harmonische Einheit von Schloss-Ensemble und Park, da stimmt einfach alles! Zum gegenüberliegenden Jagdschloss habe ich seit Langem ein gespaltenes Verhältnis. Der Park ist sehr schön wiederhergerichtet, und wir gehen dort ebenso gern spazieren, dabei meiden wir jedes Mal den Anblick des Schlosses mit seiner trostlosen, immer noch im Bau befindlichen Eingangsfassade! Ich schließe mich mit meiner Meinung der Mehrheit zur Wiederherstellung der historischen Fassade von Albert Geyer an und hoffe, dass endlich Nägel mit Köpfen gemacht werden.

Inga Brückner, per E-Mail

Der Taut-Erker am Jagdschloss Glienicke symbolisiert einen Bruch, doch keinen schöpferischen, eher einen extrem ärgerlichen. Auch der Eiermann-Bau neben der ruinös gewordenen Gedächtniskirche entstammte seinerzeit der Idee eines Bruchs. Doch dort rücken sich die unterschiedlichen Bauten aufgrund des räumlichen Abstands nicht zu Leibe. Beim Jagdschloss ist der Gegensatz Zerstörung.

Helmut Krüger, Potsdam

Der Wiederaufbau des Tautschen Glaserkers wäre eine erneute unerträgliche Verschandelung. Zumal die stilstimmige geyersche Fassade zu annähernd gleichen Kosten wiederhergestellt werden könnte. Diese Meinung teilt mit uns ausnahmslos ein zahlenstarker Freundeskreis. Man sollte eine Volksbefragung initiieren. Die öffentliche Meinung würde wohl überwältigend eindeutig sein.

Birgit und Ulrich Grimmer, per E-Mail

Der Glaserker von Max Taut war ein Fremdkörper am Jagdschloss Glienicke. Es gibt wunderbare Zeugnisse dieses Architekten in unserer Stadt, der Glaserker von 1963 gehört nicht dazu. Nicht alle dem Zeitgeist geschuldeten architektonischen Aktivitäten haben zur Verschönerung der Städte geführt, man denke nur an die unselige Entstuckung der Gründerzeitfassaden in den 60er- und 70er-Jahren.

Lutz Meyer, Biesdorf

Wir stimmen, wie wir es schon 1963 getan hätten, für die Wiederherstellung der Fassade von Albert Geyer. Wir verstehen den von uns sehr geschätzten Landeskonservator nicht, wenn er auf dem Tautschen Glaserker beharren will, und verstehen auch nicht, warum der ein Zeugnis des Kalten Krieges sein soll.

U. und D. Todtenhaupt, Wilmersdorf

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