Kunstprojekt

Ein Monolith im Tiergarten wird zum Stein des Anstoßes

Indianer-Vertreter aus Venezuela fordern die Rückgabe eines Steins aus dem Tiergarten. Der Künstler glaubt nicht an die religiösen Motive.

Foto: DPA

Er ist fünf Meter lang, einen Meter breit, zwei Meter hoch, 35 Tonnen schwer – und sorgt für mindestens genauso schwer wiegenden Ärger. „Kueka Abuela“ heißt der Sandquarz-Monolith, der bereits seit 1999 als Teil eines globalen Kunstprojektes im Großen Tiergarten liegt und jetzt wieder in seine Heimat, zu den Indianern nach Venezuela, zurückkehren soll. Das fordert zumindest eine kleine Gruppe von etwa 15 Südamerikanern, die sich am Donnerstagnachmittag im Tiergarten trafen. Die ursprünglich geplante Demonstration vom Brandenburger Tor zu dem rostroten Koloss wurde wegen der Fanmeile zur Fußball-Europameisterschaft abgesagt.

„Kueka Abuela möchte zurückkehren“ steht auf dem großen Stoffbanner, das auf der grünen Wiese vor dem riesigen Stein liegt. „Ja, wir wollen, dass dieser Stein wieder dorthin zurückgebracht wird, wo er hingehört, in den Nationalpark nach Venezuela. Für die Pemón-Indianer ist er heilig“, sagt Luiraima Salazar. Sie selbst habe keinen Kontakt zu ihnen, wisse aber, dass die Ureinwohner Venezuelas diesen Stein wiederhaben wollen. Die 35-jährige Geowissenschaftlerin, die zurzeit in Jena lebt, ist für die Protestveranstaltung in Tiergarten eigens nach Berlin gereist. Gemeinsam mit dem Wahlberliner Carlos Carreao aus Venezuela und „anderen, die sich mit den Indianern solidarisieren“, hat sie die kleine Protestrunde organisiert. Ihr Vorwurf: „Der Stein wurde den Menschen weggenommen, ohne dass man mit ihnen gesprochen hat. Das ist das Eigentum der Menschen“

Diesen Vorwurf und auch die Rückgabe-Forderung kann der Künstler Wolfgang von Schwarzenfeld nicht nachvollziehen. „Der Stein ist ein Geschenk Venezuelas. Ich habe alle Papiere und Genehmigungen, die das belegen“, sagt von Schwarzenfeld.

Dass er ausgerechnet mit „Global Stone“ – seinem Kunstprojekt für den Frieden – in eine solche Auseinandersetzung geraten ist, missfällt dem Bildhauer aus Michendorf. Der heute 79-Jährige brachte den Monolithen vor 13 Jahren nach Berlin, wo er als Teil seines Projektes im Großen Tiergarten auf der Rasenfläche zwischen Brandenburger Tor und Sony Center abgelegt wurde. Zusammen mit weiteren Steinen aus allen Kontinenten will von Schwarzenfeld mit seiner Installation der Hoffnung auf Frieden zwischen den Völkern gewichtigen Ausdruck verleihen. Doch mit dem Frieden ist es nicht weit her. Der Stein im Großen Tiergarten löst stattdessen mittlerweile sogar schon in Südamerika Straßenproteste aus. So zogen bereits vergangene Woche etwa 50 Pemón-Indianer vor die deutsche Botschaft in Caracas und forderten dort die Rückgabe des Steins. Der Monolith sei heilig, skandierten sie.

Auch die Demonstranten in Berlin begründen ihre Forderung nach Rückgabe damit, dass es sich um einen heiligen Stein handle. Zudem, so Geowissenschaftlerin Luiraima Salazar, sei der Stein einem Nationalpark entnommen worden. „Auch wenn alles legal abgelaufen ist, hätte man doch die Menschen fragen müssen, ob sie damit einverstanden sind“, sagt die Demonstrantin. „Der Stein hat eine große Bedeutung für die Indianer. Wenn ich nach Deutschland käme und mir die Regierung die Siegessäule schenken würde, wäre das doch für die Berliner auch nicht in Ordnung, wenn ich dieses Wahrzeichen einfach für ein Kunstprojekt nach Venezuela schaffen würde“, argumentiert die angehende Doktorandin.

„Hat nichts mit Religion zu tun“

„Seit dem ersten Tag liegen alle Genehmigungen vor“, betont hingegen von Schwarzenfeld. Für den Künstler steht fest: „Der Streit um den Stein wird politisch instrumentalisiert.“ Venezuelas Präsident Chávez stehe schließlich vor der nächsten Wahl und sei auf Stimmenfang. Diese Ansicht teilt auch Bruno Illius. „Die ganze Argumentation ist total lächerlich. Es gibt bei den Pemón-Indianern überhaupt keine feststehenden Heiligtümer.“ Illius forscht seit Jahren über die Kultur der Ureinwohner und hat während seiner bislang sechs Besuche dort insgesamt 20 Monate mit ihnen verbracht. „Ich habe dort mit ganz vielen Indianern gesprochen, was hier behauptet wird, stimmt einfach nicht, dieser Stein ist kein Heiligtum“, sagt der Ethnologe, der neben den Recherchen vor Ort auch die relevante Fachliteratur nach Hinweisen darauf durchsucht und kompetente Kollegen befragt habe.

Stattdessen habe er Hinweise erhalten, wonach die protestierenden Venezueler für ihre Proteste von der Regierung bezahlt wurden. Nach seiner Einschätzung gebe es nur ein Dutzend Personen, die protestieren. Sie werden von Umweltschutzverbänden und der Chávez-Partei gesteuert. Unter anderem seien Plakate vorgefertigt worden, sie tragen das Logo von Regierungsbehörden. Das Fazit von Professor Illius: Dieser Stein hat überhaupt nichts mit der Mythologie oder Religion der Pemón zu tun.

Die Demonstranten im Großen Tiergarten hoffen unterdessen auf eine friedliche Lösung. Venezuelas Regierung werde den Abtransport des Steines bezahlen, beteuern die jungen Leute. „Es gibt doch auch noch andere große Steine, warum muss es ausgerechnet dieser sein?“, sagt Luiraima Salazar.

Infos über das Kunstprojekt im Internet: www.globalstone.de