Energiespeicher

Sibirisches Gas lagert 800 Meter tief unter Charlottenburg

Unweit des Olympiastadions in Berlin-Charlottenburg liegt das Herz der Gasnetze. Ein Rundgang durch den Erdgasspeicher.

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Das Zentrum der Berliner Gasversorgung liegt in Charlottenburg. Von hier aus werden die Gasleitungen, die nach dem Willen des neuen Volksbegehrens ab dem nächsten Jahr in Landesregie betrieben werden sollen, maßgeblich mit Energie gefüllt. In mehr als 800 Metern Tiefe unter dem Gelände rund um das Olympiastadion befindet sich einer der größten Erdgasspeicher Deutschlands. Er reicht von hier aus bis nach Spandau und Wilmersdorf.

Auf den ersten Blick könnten die rostroten Häuschen auf dem überschaubaren, eingezäunten Gelände in der Glockenturmstraße auch zu einem mittelständischen Betrieb gehören, Anzeichen auf einen Gasspeicher mit einem Volumen von einer Milliarde Kubikmetern gibt es hier nicht. Erst das Rauschen ist verräterisch, das gleichmäßig fließende Geräusch in den Rohren. Das Rauchverbot, das Verbot, elektrische Geräte mitzuführen und Hinweisschilder wie „Vor Schlauchanschluss Tankwagen erden“ geben weitere Hinweise darauf, dass hier mit einer Materie gearbeitet wird, die auch die kleinste Funkenbildung nicht toleriert.

Ein Tochterunternehmen der Gasag

Aus diesem Grunde ist der Berliner Erdgasspeicher im Normalfall für die Öffentlichkeit nicht zugänglich. Die Besuchergruppe, die von Geschäftsführer Holger Staisch an diesem grauen Tag im Juni über das Gelände geführt wird, ist eine Ausnahme. Der Spandauer SPD-Abgeordnete Daniel Buchholz hat sie organisiert, als umweltpolitischer Sprecher und Vorsitzender der SPD-Arbeitsgemeinschaft Daseinsvorsorge, bei der es viel um Energiepolitik geht, hat er einen kurzen Draht zur Gasag, deren Tochterunternehmen die Erdgasspeicher GmbH ist – ebenso wie auch die Gasnetze. Ab und zu führt Buchholz eine Gruppe Interessierter an „verborgene Orte“ Berlins, dieses Mal ist nun der Erdgasspeicher an der Reihe.

Innerhalb kürzester Zeit seien die knapp 50 Plätze der Erkundungstour belegt gewesen, sagt Buchholz. Eine zweite Tour ist geplant. Das Interesse der Berliner an diesem großen Erdgasreservoir zu ihren Füßen scheint riesig zu sein.

Schon seit Jahren zeigen die Berliner ein großes Interesse an der Infrastruktur ihrer Daseinsvorsorge. Das Engagement für das Volksbegehren zur Offenlegung der Wasserverträge war sogar so groß, dass im Februar 2011 der erste siegreiche Volksentscheid in die Berliner Geschichte einging. 665.000 Berliner hatten sich zuvor mit ihrer Stimme dafür eingesetzt, die jahrelang geheim gehaltenen Verträge über die Teilprivatisierung der Berliner Wasserbetriebe öffentlich zu machen. Nun ist der nächste Volksentscheid geplant, 30.000 Unterschriften wurden bereits dafür gesammelt, Gas- und Stromnetze künftig kommunal zu betreiben.

Auch beim Besuch des Erdgasspeichers drehen sich die Fragen der Berliner an Geschäftsführer Staisch vor allem um die Versorgung – und um die Sicherheit. Zumal es vor einigen Jahren an einem der Gassondenplätze am Brandensteinweg eine Explosion gegeben hat. Die Sonde sei mittlerweile dicht mit Zement verschlossen, sagt Staisch. Die Sicherheitsstandards und Prüfrichtlinien seien streng. Der studierte Bergbauingenieur gibt sich Mühe, die verschiedenen Sicherheitsmaßnahmen anschaulich zu erläutern und Verständnis für diese aus Laiensicht so schwer begreifbare Materie zu schaffen.

Kein riesiger Hohlraum wie etwa in einem Salzstock ist unterhalb Berlins mit Erdgas gefüllt, sondern massives Gestein. „Der Sandsteingrund ist porös und in den Poren wird das Gas gespeichert“, sagt Staisch. Gewöhnlich seien diese winzigen Hohlräume, die bis zu 24 Prozent des Gesteins ausmachen, mit Wasser gefüllt. „Das Wasser wird nach außen verdrängt, wenn das Gas injiziert wird“, so Staisch. Der Berliner Erdgasspeicher habe Kapazitäten für eine Milliarde Kubikmeter Gas, gefüllt würden derzeit 600 Millionen. Davon genutzt werden nur 150 Millionen Kubikmeter, der Rest ist sogenanntes Kissengas, das gebraucht wird um den nötigen Schub zu erzeugen, damit man auch wieder „ausspeichern“ kann. Bis zu 225.000 Kubikmeter in der Stunde können aus dem Erdgasspeicher bei Höchstleistung entnommen werden. Das Gas wird dann in der Anlage an der Glockenturmstraße wieder aufbereitet – auf den richtigen Druck gebracht und getrocknet – und ins Leitungsnetz eingespeist.

Lagerung in bis zu 950 Metern Tiefe

Im Sommer wird allerdings eher eingespeichert als ausgespeichert. Eine Woche rauscht das Gas bereits durch Rohre quer über die halbe Erde, bis es in Berlin zwischen Mai und Oktober mit hohem Druck in den Boden gedrückt wird. Es kommt aus Sibirien. Mit gut 100 bar wird es in 850 bis 950 Metern Tiefe gelagert.

Im Kalten Krieg wurde der Speicher zur Versorgung West-Berlins geplant, in Betrieb ist er allerdings erst seit Anfang der 90er-Jahre. Damals war geplant, Berlin ein Jahr lang autark mit Gas versorgen zu können. Heute wäre das auch mit der großen Menge gespeichertem Gas nicht mehr möglich, meint Staisch, dafür sei der Verbrauch inzwischen zu hoch. Der Gasspeicher sei aber dennoch wichtig für die Versorgung. Schließlich schwanke der Verbrauch oft stark und darauf müsse flexibel reagiert werden. Außerdem müsse das Gas aus weit entfernten Produktionsgebieten nach Deutschland geholt werden, dadurch sei der Speicherbedarf hoch.