BVG-Baustelle

Die Berliner Friedrichstraße wird zur Staufalle

Die BVG baut einen Bahnhof unter der Kreuzung Unter den Linden und Friedrichstraße. Straßen werden gesperrt und die U6 unterbrochen.

Foto: DAPD

Die ersten Absperrgitter stehen bereits, doch erst am Wochenende wird es richtig eng an der Kreuzung Unter den Linden und Friedrichstraße. Zunächst einmal für die täglich bis zu 100.000 Nutzer der U-Bahn-Linie 6, die ab Sonnabend den Weg zwischen den Bahnhöfen Friedrichstraße und Französische Straße zu Fuß oder im Ersatzbus zurücklegen müssen.

Zwei Wochen später trifft es dann auch die Autofahrer, denn ab dem 13. Juli wird die Friedrichstraße für mindestens ein Jahr komplett gesperrt sein. Unter den Linden können Autos zwar noch fahren, allerdings bis Juni 2016 nur auf der Nordseite als Einbahnstraße in Richtung Westen.

Grund für die sehr umfangreichen Sperrungen an und unter Berlins wohl bekanntester Kreuzung sind die Arbeiten an der U-Bahn-Linie 5, die bis 2019 vom Alexanderplatz bis zum Brandenburger Tor verlängert werden soll. Für die neue, insgesamt 433 Millionen Euro teuere Strecke entsteht direkt unter dem Knoten eine komplett neue U-Bahn-Station, in der ein bequemes Umsteigen zwischen der U5 und der U6 möglich sein soll. Für den neuen Kreuzungsbahnhof mit dem Namen „Unter den Linden“ muss jedoch eine Baugrube aufgerissen werden, die in eine Tiefe von bis zu 45 Metern reicht.

16 Monate kein U-Bahnverkehr

Ursprünglich sollten die Arbeiten in einer offenen, mit bis zu 20 Meter hohen Schallschutzwänden umgebenen Grube erfolgen. Doch dagegen hatten sich die Anrainer – darunter das Westin Grand Hotel – erfolgreich gewehrt. Nun wird ein Großteil der Arbeiten in abgedeckten unterirdischen Baustellen ausgeführt. Da nach dem Einsturz der U-Bahn-Baustelle in Köln auch noch die Sicherheitsvorkehrungen für das Berliner Projekt deutlich nach oben gesetzt wurden, verlängert sich die baubedingte Unterbrechung der U6 spürbar. Statt zwölf werden auf der Linie nun voraussichtlich 16 Monate lang keine U-Bahnen mehr zwischen Friedrichstraße und Französischer Straße fahren.

Die Fahrgäste – in Spitzenzeiten sind es täglich mehr als 100.000 – müssen sich dann andere Wege suchen. „Wer kann, sollte laufen“, empfiehlt BVG-Sprecher Klaus Wazlak. So sei zwischen den Stationen lediglich ein Fußweg von etwa 500 Metern zurückzulegen. Zudem könne jeder Fußgänger gleich einen aktuellen Eindruck vom Fortgang der Bauarbeiten gewinnen. Denn die Bauzäume werden nicht nur mit Informationen zum Bauprojekt versehen sondern erhalten auch Fenster, die einen Blick in die Baugrube erlauben.

18.000 zusätzliche S-Bahn-Fahrgäste

Alternativ kann die U-Bahn-Großbaustelle entweder mit dem Bus (Linie 147), der U-Bahn (Linien U8 oder U9) oder mit der S-Bahn (S1, S2 und S25) umfahren werden. Auf der Umleitungsstrecke über die Glinkastraße soll der 147er zumindest tagsüber im Zehn-Minuten-Takt fahren. Allerdings dürften die barrierefreien Busse – wie alle anderen Autos auch – auf der halbseitig gesperrten Straße Unter den Linden schnell im Stau stecken bleiben. Wer es eilig hat, dem sei die S-Bahn als Alternative empfohlen. Deren Nord-Süd-Linien verkehren zwischen Friedrichstraße und Potsdamer Platz fast parallel zur U6. Die BVG selbst geht davon aus, dass etwa zwei Drittel der U6-Nutzer den gesperrten Streckenabschnitt weiträumig umfahren werden.

Für die S-Bahn wird pro Tag allein mit 18.000 zusätzlichen Fahrgästen auf den Nord-Süd-Linien gerechnet. Um den zusätzlichen Ansturm auch bewältigen zu können, wird die S-Bahn ab dem 2. Juli auf der Linie S25 mehr Verstärkerzüge als sonst von Teltow bis Gesundbrunnen fahren lassen, auf der S2 (Bernau–Marienfelde) fahren ab Montag sogar wieder Vollzüge mit acht statt mit nur sechs Wagen.

Sieben Wochen Pendelverkehr

Wer dennoch weiter mit der U6 fahren will, muss sich von 30. Juni, 21 Uhr, bis zum 21. August Betriebsschluss neben der Vollsperrung zwischen Friedrichstraße und Französischer Straße noch auf weitere Einschränkungen einstellen. Zwischen Schwartzkopffstraße und Friedrichstraße sowie Hallesches Tor und Französische Straße werden die Züge gut sieben Wochen lang nur im Pendelverkehr fahren.

Statt alle sechs kommt dann nur alle zwölf Minuten ein Zug. Der Grund: Weil die U6 sich in zwei separat betriebene Linien im Norden und Süden teilt, muss die gesamte Sicherungs- und Stellwerktechnik angepasst und teilweise auch erneuert werden. Für die BVG-Mitarbeiter wird zudem im gesperrten Streckenabschnitt noch ein sogenannter Rettungscontainer eingebaut. Die mit einer Sauerstoffversorgung ausgestatteten Container ermöglichen die Zuflucht, falls ein Feuer im Tunnel den U-Bahn-Mitarbeitern den Weg ins Freie abschneiden sollte.

Der Berliner Fahrgastverband Igeb zeigt sich relativ zufrieden mit dem von der BVG vorgestellten Umleitungskonzept „Nun muss es sich noch in der Praxis bewähren“, sagt Igeb-Sprecher Jens Wieseke. 16 Monate Vollsperrung für eine U-Bahn-Linie sei allerdings eine lange Zeit, zudem könnten Komplikationen im Bau die Sperrzeit noch verlängern. In anderen Großstädten Europas würden ähnliche Bauprojekte mit weniger Einschränkungen realisiert. „Wir hoffen sehr, dass spätestens zum 1. Advent 2013 die U-Bahn auf der U6 wieder durchfährt“, sagt Wieseke.

Umsatzeinbuße der Geschäfte

Das dürfte sich auch die Geschäftsleute an der Friedrichstraße wünschen. Schon jetzt würden einige Händler über Umsatzeinbußen klagen, berichtet Mateusz Hartwich von der Interessengemeinschaft Friedrichstraße. Er schlägt der BVG vor, zum Beispiel mit dem Anbringen von QR-Codes den vielen Touristen der Einkaufsstraße die Orientierung zu erleichtern. QR-Codes sind Pixel-Zeichen, die Nutzern von Smartphones oder Laptops den schnellen Zugriff auf aktuelle Informationen aus dem Internet ermöglicht.

Die Umsetzung dieser Idee will BVG-Marketing-Chef Wilfried Kramer prüfen lassen. Ansonsten setzt das Unternehmen auf viele bewährte Methoden zur Fahrgastinformation, darunter zweisprachige Info-Broschüre und großflächige Aushänge in den Bahnhöfen. Zudem sollen aufgeklebte Fußspuren den Fahrgästen den Weg zum nächsten U-Bahn-Anschluss weisen. Die BVG lässt sich die Info-Kampagne 50.000 Euro kosten.