Prenzlauer Berg

Oderberger Straße wird zur grünen Meile

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Philip Volkmann-Schluck

Foto: Amin Akhtar

Anwohner kämpfen seit Jahrzehnten für die Begrünung der Oderberger Straße. Endlich sind sie am Ziel.

Sauerkraut, wer denkt schon daran, hier vor diesem Straßenbaum? Dabei passen die jungen Blätter des Feldahorns gut zu Kohl: einfach in den Trog werfen und mit nackten Füßen darauf rumtrampeln. Die Bakterien zwischen den Zehen, Milchsäurebakterien, leiten die Gärung ein. Es gab sogar Zeiten, da aßen Menschen nur diese Blätter. Statt Sauerkraut. Wer das eklig findet, die Bakterien, sollte mit Oskar Neumann sprechen.

Unangenehme Schritte

„Sind ja bloß zwei Füße“, sagt er. „Aber ganz viel leckeres Sauerkraut.“ Er sitzt in der Sonne und schaut in seine 600 Meter lange Heimat: die Oderberger Straße. Mit ihr war es auch ein bisschen wie mit saurem Gemüse. Einige unangenehme Schritte waren nötig, aber das Ergebnis ist gesund: Sie ist fast fertig, die grüne Straße mitten in Berlin. Sie zeigt, was aus jahrzehntelangem Engagement werden kann, wenn Bürger mehr zu bieten haben als nur Ablehnung.

Ein alter Hund liegt im Schatten neben Neumann, langsam steht er auf, um sich streicheln zu lassen. Er möge graue Schnauzen, sagt Neumann, zu denen müsse man noch mal richtig lieb sein. Auch Bäume sind wichtig für sie. Wo sollen die Tiere sonst im Schatten liegen?

Kampf begann in 80er-Jahren

Neumann (40) ist Pädagoge im Naturkundemuseum und Geograf. Bäume sind für ihn wie gute Filme, er muss sie immer wieder anschauen. Der Amberbaum an der Ecke etwa. Langsam wächst der, aber eines Tages könnten seine feuerroten Blätter aussehen wie ein indianischer Sommer an der US-Ostküste. In 100 Jahren schwärmen vielleicht Anwohner und sagen: „Ja, damals, diese Bürgerinitiative.“

Sie startete 2007, als die Oderberger Straße umgebaut werden sollte. Neumann war von Anfang an dabei. Damals sollten auch Bäume verschwinden und die vielen Kübel für Sträucher. „Wie für eine hässliche Kreisstadt, so sahen die Pläne aus.“ Also protestierten die Anwohner, sie entwarfen eigene Pläne. Aber das war nur eine Episode. Der Kampf um die Oderberger begann in den 80er-Jahren, als am nahen Mauerpark noch die Mauer stand. Damals sollten Plattenbauten die Gründerzeithäuser ersetzen. Der DDR-Verwaltung ging es natürlich nur um die Bausubstanz. Die Anwohner sperrten sich, zu einer Zeit an einem Ort, an dem es eigentlich keine Bürgerinitiativen gab. Geschützt hat sie vielleicht der Hirschhof hier; dieser grüne Freiraum, der bereits vor der Wende beliebt war bei Touristen. Derzeit entsteht dort ein Spielplatz für die Kinder. Mit Bänken für Erwachsene, die in der Sonne sitzen wollen, ohne eine Tasse Kaffee für 2,80 Euro zu bestellen.

Gepflastert mit Charlottenburger Schweinebäuchen

Neumann spitzt die Lippen: „Zzzt-T-T-T zzzt-T-T-T“, er unterhält sich mit einem Vogel, ein Hausrotschwänzchen. „Hoffentlich erschrickt es nicht“, sagt er.

Die Oderberger war wohl nie als jene grüne Meile geplant, die sie geworden ist. 100 Jahre alte Bilder zeigen eine kahle Straße, ungewöhnliche 35 Meter breit; viel Platz für Pferdekutschen, die Waren vom damaligen Güterbahnhof im heutigen Mauerpark transportierten. Die Straße war fest gepflastert, mit Charlottenburger Schweinebäuchen. Das sind dicke Felsplatten, die oben glatt sind und unten rund. Wie fette Rüsseltiere eben.

Nicht giftig, dornig oder zu groß

Der Kampf um die Oderberger Straße scheint beendet zu sein. Für Neumann ist es eher ein gemeinsames Projekt von Bürgern und Stadt. „Es bringt nichts, jahrelang nur Kontra zu geben.“ Mitgefühl zeigt er vor allem für die Mitarbeiter des Grünflächenamtes. „Die würden doch auch lieber Bäume gießen, statt sie zu fällen.“

Kürzlich noch liefen Bauarbeiter durch die Oderberger Straße. Neumann grüßte sie freundlich, aber achtete auch darauf, dass die Bagger keine Baumwurzeln verletzen, nicht schon wieder. Auch die meisten Blumenkübel für das Projekt „Oderbeet“ stehen nun. Anwohner übernehmen Patenschaften. Erlaubt ist, was nicht giftig, dornig oder zu groß ist.

Paten für Kommunistenkübel

Wer hier mitmacht, sollte die Kübel unterscheiden können. Die „Kommunistenkübel“, aus Waschbeton, stammen aus der DDR. Als in den 80er-Jahren von Stadtgas auf Erdgas umgestellt wurde, floss das Gas aus den undichten Rohren. Die Bäume gingen ein. Als Ersatz stellten die Behörden Kübel auf den verseuchten Boden und pflanzten darin „irgendwas Grünes“, wie Neumann sagt. Das war damals wohl Politik der Nachhaltigkeit. Die „Amtshochbeete“ schließlich wurden nach der Wende aufgestellt, als Anwohner zum ersten Mal um ihr Grün kämpften.

Keine Verbitterung über Fluktuation

Oskar Neumann kam in einem der Häuser an der Oderberger zur Welt. Eine Hausgeburt, 1971 war das in Prenzlauer Berg noch kein Trend. Er hat hier gewohnt, als nach der Wende alte Bekannte wegzogen und die jungen Alternativen aus dem Westen kamen. Er hat erlebt, wie neue Kneipen eröffneten und der traditionsreiche Schlachter dichtmachte. Er hat Künstler wieder ausziehen und „Nimbys“ einziehen sehen. Das ist die Abkürzung für „Not in my backyard“, sie steht für Menschen, die szenigen Flair schätzen, aber ihre Ruhe haben wollen. Jene Anwohner, die Bäume vor allem mögen, wenn sie nicht ihre Eigentumswohnung verdunkeln. Verbittert sei Neumann über diese Fluktuation nicht: Er wolle bleiben, und mit ihm auch die Bäume.

Neumann wechselt die Straßenseite und geht zu einem Pfaffenhütchen. An einem Zweig kleben weiße Fäden, von einer „Gespinstmotte“, sagt er. Eine Raupenart, die dem Strauch ziemlich zusetzen könne. Er klappt sein Taschenmesser aus und schneidet den Zweig ab. Er sagt: „Wehret den Anfängen.“