Falscher Waldjunge

"Ray" wird wegen Sozialmissbrauchs angezeigt

| Lesedauer: 7 Minuten
B. Schmiemann, M. Behrendt und R. Savelberg

Foto: POLIZEI

Das Rätsel um den geheimnisvollen Jungen ist gelöst. Wie es aber mit dem 20-jährigen Holländer weitergeht, ist noch unklar.

Bis Freitag war er ein Mysterium. Der „Waldjunge Ray“, der den Behörden eine Geschichte auftischte, die selbst renommierte psychologische Gutachter nicht aufklären konnten. Doch jetzt wurde der Waldjunge von Freunden enttarnt. Und das kam so: Nach neun Monaten Rätselratens hatten Polizei und Jugendamt das Foto des jungen Mannes veröffentlicht. Bekannte erkannten ihn. Der Waldjunge ist der Holländer Robin van H.

Das hat er bei einer Befragung der Polizei am Freitag selbst eingeräumt. Beamte der Berliner Vermisstenstelle (Landeskriminalamt 124) haben den Unbekannten in den frühen Morgenstunden in seiner Tempelhofer Wohngemeinschaft aufgesucht. Wie Morgenpost Online erfuhr, soll der junge Mann niedergeschlagen reagiert, aber sofort eingeräumt haben, dass er Robin van H. ist. Er gab zudem zu, seine Geschichte über einen jahrelangen Aufenthalt im Wald erfunden zu haben. Ermittler hatten ob seines gepflegten Aussehens – geschnittenen Haaren, sauberen Fingernägeln und Kleidung sowie einer kaum genutzten Zeltausrüstung – diese Version ohnehin nie geglaubt.

„Wir sind uns 100 Prozent sicher“

Van H. stammt aus dem holländischen Ort Hengelo. Auch die Polizei aus diesem Grenzort nahe der deutschen Stadt Gronau hat bestätigt, dass es ein Holländer ist, der die Berliner Polizei an der Nase herumgeführt hat. ,,Wir sind uns hundert Prozent sicher, dass es sich um den Jungen handelt, da seine Stiefmutter ihn eindeutig erkannt hat“, sagte Charlotte Westerhoff, Sprecherin der Polizei Twente. ,,Wir haben mit seiner Familie und Bekannten Kontakt aufgenommen. Wir sind sehr froh, dass er gefunden worden ist.“ Ein Foto, worauf man den Jungen mit einer Halskette und seinen Initialen darauf sah, lieferte den Beweis. Das Motiv für den Ausbruch aus seinem augenscheinlich normalen Leben will die holländische Polizei nicht preisgeben. ,,Das muss er wohl selber machen“, sagt Westerhoff.

Nach Informationen der Polizei hatte eine ehemalige Freundin das auch im niederländischen Fernsehen veröffentlichte Bild des bislang unbekannten Jungen gesehen und sich bei dem Sender gemeldet. Dieser informierte die holländische Polizei, die dann über die Kriminalpolizei Gronau die Berliner Behörden informierte. Zeitgleich identifizierte eine Verwandte den 20-Jährigen und machte Angaben zu seinen Personalien. Nach bisherigen Erkenntnissen wurde der damals 19-Jährige im September 2011 in den Niederlanden als vermisst gemeldet. Da er zu diesem Zeitpunkt bereits erwachsen war und somit seinen Aufenthalt selbst bestimmen konnte und keine Hinweise für eine Straftat oder eine Gefährdung vorlagen, wurde nicht weiter nach dem Mann gesucht. Schon nach dem Auftauchen des Unbekannten in Berlin waren sein Bild und die Beschreibung über Interpol an ausländische Behörden weitergegeben worden. Ohne Erfolg.

„Das Problem für die lange ausbleibende Identifizierung des Mannes liegt darin, dass er in den Niederlanden als Erwachsener gesucht wurde, in Berlin aber angab, er sei minderjährig“, so ein Polizeisprecher. „Europol hat nach vermissten Jugendlichen gefragt, weil er in Holland als Erwachsener gesucht wurde, fiel die Abfrage durchs Raster.“

„Rays“ Geschichte begann am 5. September 2011, als er mit Rucksack und Zelt am Roten Rothaus in Mitte erschien und Polizisten auf Englisch eine unglaubliche Geschichte erzählte. Er kenne nur seinen Vornamen, sei am 20. Juni 1994 geboren. Seine Mutter sei vor fünf Jahren bei einem Unfall gestorben, seitdem sei er mit seinem Vater „Ryan“ in Wäldern unterwegs gewesen. Im August sei auch der Vater gestorben. Wo das gewesen sei, wisse er nicht. Er habe ihn unter Steinen in einer Grube beerdigt. Ein halbes Jahr sei er mit Kompass und Karte allein unterwegs gewesen. In Berlin angekommen, konnte er sich an seinen Nachnamen, Geburts- und Wohnort nicht mehr erinnern.

Zunächst kümmerte sich der Jugendnotdienst um den angeblich 17 Jahre alten Jugendlichen, der nach seiner Version der Geschichte nächste Woche volljährig geworden wäre. Er erhielt einen Vormund und kam in die Obhut des Jugendamtes von Tempelhof-Schöneberg. Der Bezirk war an der Reihe. Trebergänger wie „Ray“ werden von der Senatsverwaltung nach einem bestimmten Schlüssel in den Bezirken verteilt.

Neun Monate lang lebte er in einer von Sozialarbeitern betreuten Wohngemeinschaft. Kosten pro Monat: 1800 Euro für die Jugendhilfe, inklusive Verpflegung sowie rund 240 Euro Taschengeld. „Wie jeder Deutsche auch hatte er Anspruch auf Hilfe zum Lebensunterhalt“, sagt der zuständige Stadtrat Oliver Schworck (SPD).

Seit Freitag muss Robin van H., der nach eigenen Angaben eine Lehre nach der Hauptschule abgebrochen hat, wieder selbst für sich sorgen. Nachdem seine wahre Identität bekannt wurde, hat der Bezirk die Hilfe sofort eingestellt. Das Jugendamt wird ihn wegen Sozialmissbrauchs anzeigen. Die finanzielle Unterstützung muss er zurückzahlen. Und er wird sich in einem Strafverfahren wegen Erschleichens von Sozialleistungen verantworten müssen.

Alle Gutachten nicht eindeutig

Die Behörden hatten neun Monate lang versucht, die wahre Geschichte von „Ray“ herauszubekommen. Drei Gutachten waren verfasst worden, darunter auch ein psychologisches sowie ein rechtsmedizinisches, erstellt von einem Charité-Professor. „Alle Gutachten waren nicht eindeutig, es blieben immer Zweifel an der Geschichte“, so Jugendstadtrat Schworck. Vor einigen Wochen schließlich habe man „Ray“ gebeten, eine Pressekonferenz zu geben, um die Zweifel auszuräumen. Das habe er abgelehnt. „Weil wir nicht glauben konnten, dass sich wirklich niemand an ihn erinnert, haben die Behörden dann noch einmal eine Abfrage gestartet“, berichtet Schworck. Als letztes Mittel sei das Foto an die Medien gegeben worden, um den Kreis der Befragten größer zu ziehen. „Es ist unsere Aufgabe, die Jugendlichen zu schützen. Durch eine Fotoveröffentlichung werden sie erkannt, auf der Straße angesprochen. Damit dürfen wir nicht leichtfertig umgehen. Deshalb haben wir damit gewartet“, erklärt Schworck.

Die getrennt lebenden Eltern waren inzwischen völlig ratlos. Der Vater war gar nicht tot, lebte im Osten der Niederlande. Beide hatten versucht, Kontakt zu ihrem Sohn zu finden. Über Twitter schrieben sie im Dezember 2011: ,,Wer weiß, wo Robin van H. ist?“ Laut Polizei hat Robin den Eltern einen Brief aus Berlin geschrieben. Tragischerweise starb Vater Jan im Februar dieses Jahres tatsächlich.