Sternfahrt

Tausender Radler auf Berliner Autobahnen

Fahrverbot für Autos - 150.000 Radler waren bei der Sternfahrt quer durch die Stadt dabei. Auch über zwei Autobahnen durfte gerollt werden.

Foto: Frank Lehmann

Auf Berlins Straßen sind immer mehr Fahrräder unterwegs. Radfahrer forderten deshalb am Sonntag bei der größten Fahrraddemonstration weltweit mehr Radwege in der Hauptstadt. Mehr als 150.000 Menschen haben nach Veranstalterangaben an der Sternfahrt des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC) und am Umweltfestival der Grünen Liga teilgenommen.

Mehr als 200 Aussteller informierten auf dem 17. Umweltfestival am Brandenburger Tor über nachhaltigen Konsum und klimafreundliche Innovationen. Der ADFC rechnete ursprünglich mit 250.000 Teilnehmern, doch der leichte Regen hielt wohl viele ab. Auch Eva Lindner nahm eine der 19 Routen durch die Stadt.

Hermannplatz: Hier ist alles wie immer, Autos preschen über die Kreuzung und hupen nervös die Fahrradfahrer zur Seite. An einer Ecke haben sich etwa 20 Radler versammelt. „Fahren die hier vorbei?“, frage ich ein junges Pärchen. „Keine Ahnung, wir haben uns auch nur dazu gestellt, weil hier schon Leute stehen“.

Aha, na dann warte ich mal mit. Nach zehn Minuten kommt eine Frau im gelben Organisations-T-Shirt und winkt uns über den Platz.

Wir standen an der falschen Ecke, aber jetzt kommen sie auf uns zu: Tausende Fahrradfahrer rollen den Kottbusser Damm entlang, Familien mit Kindersitzen und Sturzhelmen, Senioren auf Klapprädern, Jugendliche mit Blumenketten am Lenker und Studenten mit hochgerüsteten Rennrädern.

Fahrverbot für die natürlichen Feinde

Manche haben Boxen in ihren Anhängern, aus denen elektronische Musik tönt, andere sind verkleidet oder fahren selbstbemalte Räder. Nur mühsam setzt sich die Kolonne in Bewegung, wir fahren in Schrittgeschwindigkeit die Sonnenallee entlang.

Kurzzeitig frage ich mich, ob ich irrtümlich vielleicht auf der Kinderroute gelandet bin, denn mehr als sechs Stundenkilometer haben wir definitiv nicht drauf. Weiter geht's durch die Karl-Marx-Straße, auf dem Gehsteig knien schon die ersten Liegengebliebenen vor ihren umgedrehten Rädern auf dem Boden und flicken Reifen.

Der ist heute die einzige Sorge der Fahrradfahrer in Berlin, denn alle anderen natürlichen Feinde haben im Großteil der Stadt Fahrverbot: Keine Autos, keine Busse, keine Lkw.

An der Grenzallee, vor der Auffahrt auf die Autobahn Südring, staut es sich. Also warten wir, 15 Minuten, eine halbe Stunde, 45 Minuten. Manche schieben ungeduldig ihre Klingeln hin und her, andere trinken Bier. „Mami, ich muss aufs Klo“, quengelt ein kleiner Junge neben mir.

Man sieht sein Gesicht kaum vor lauter Helm, die Fahne an seinem Hinterreifen hängt auch schon ganz traurig herunter. „Ich will heim“, stimmt seine kleine Schwester auf dem Kindersitz mit ein. Die Eltern werfen sich genervte Blicke zu. Andere haben noch ganz andere Probleme als eine schleifende Bremse oder eine klemmende Gangschaltung, denke ich.

Wahnsinnig schnell, wahnsinnig teuer

Ich schaue an meinem Fahrrad herunter, eigentlich bin ich ja sehr zufrieden. Ich fahre ein Single-Speed mit einem alten Original-Rennradrahmen. Wenn der nicht gerade von Pfützensaft besudelt ist, so wie heute, leuchtet er schön weiß, die Reifen sind unplattbar.

Meistens wiegt es weniger als meine Handtasche. Ein gutes Rad. Schräg vor mir mustert mich ein junger Mann. Er sieht an meinem Fahrrad runter, ich an seinem. Er trägt langbeinige Radlerhosen, am Po gepolstert, seine Füße stecken in Pedalschlaufen, das atmungsaktive Funktionsshirt ist knalleng, der Helm neongelb.

„Racer“ steht auf seinem Rahmen und sein Rad sieht tatsächlich wahnsinnig schnell und wahnsinnig teuer aus. Ich stelle mir vor, wie er es jeden Abend die Treppen hinauf in seine Wohnung trägt, es auf einen Schrein stellt und ihm dann einen Gute-Nacht-Kuss auf den polierten Rahmen schmatzt.

Meine Gedanken werden unterbrochen, als sich die Karawane endlich in Bewegung setzt und wir auf die Autobahn rollen. Ich habe „Racer“ im Blick und trete kräftig in die Pedale. Ha, denke ich, so schnell wie du, bin ich schon lange und ziehe rechts an ihm vorbei. Das Tempo-60-Schild lasse ich hinter mir und brause den Asphalt entlang.

Eine große Fahrradfamilie

Auf der Autobahn mit dem Fahrrad, das ist ein gutes Gefühl, sehr frei, sehr mächtig und vor allem irre schnell. Das ändert sich schlagartig, als mich „Racer“ plötzlich links überholt, er hält kurz im Tritt inne und schaut zu mir rüber, grinst, dann zieht er an und keine drei Sekunden später habe ich ihn aus den Augen verloren. Pah, ich hab dich doch absichtlich überholen lassen, denke ich mir und versuche, mich wieder auf mein Freiheitsgefühl zu konzentrieren.

Die ungeschriebenen Regeln auf der Autobahn scheinen auch heute zu gelten: Auf der rechten Spur fahren die Opel Corsas der Zweiräder, Omis, Tandems und Buddy Bikes, Räder für zwei Fahrer, die aber nicht hintereinander, sondern nebeneinander sitzen. Auf der linken Spur fahren die, die es wahnsinnig eilig haben und sinnlos drängeln, Rennräder und rüstige Rentner mit Fahrradhandschuhen und verspiegelten Sonnenbrillen, obwohl die Sonne gar nicht scheint.

Und auf der Mittelspur fahren alle, die von sich selbst glauben, sie gehören auf die linke Spur, aber alle anderen Verkehrteilnehmer sich sicher sind: Ihr gehört auf die rechte Spur. Unbeirrbar rollen da Klapp-, Hoch- oder Liegeräder. Aber egal, heute sind wir alle eine große Fahrrad-Familie.

In Tempelhof werden wir von der Autobahn gelotst, etwas später bremsen alle ab: Stau. Nach zweieinhalb Stunden auf dem Rad biegen wir in eine Seitenstraße ab. „Pfffff“, macht es plötzlich und ich kann es nicht glauben. Ich habe ein plattes Hinterrad, trotz Unplattbar-Reifen. Also steige ich ab und schiebe – und bin froh, dass „Racer“ mich jetzt nicht sehen kann.