Inselhopping

Wie die Insulaner am Tegeler See wohnen

Valentinswerder, Maienwerder, Reiswerder – Wo noch Waschbär und Kleiber leben, suchen immer mehr Mitte-Bewohner Erholung.

Foto: Amin Akhtar

„Zweifuffzich kostet die Rundfahrt und für den Hund nichts“, begrüßt Herr Mittulla einen Mann mit schwarz befelltem Begleiter auf der Odin IV. Seit 2005 steuert der ehemalige Frachtschiff-Eigner die Tegelfähre. Mittlerweile sticht er nur noch an Feiertagen und am Wochenende in See. Denn werktags verkehrt die Tegelfähre nicht mehr. Es hatte sich nicht rentiert. „Momentan erleben wir aber einen Generationswechsel“, sagt der 55-Jährige. „Es kommen so viele junge Leute wie schon lange nicht mehr.“

Die jungen Leute sitzen in funktioneller Outdoor-Bekleidung unter Deck und quengeln. Sie wollen mit Papi aufs Heck. Doch dort gibt es zunächst nicht viel zu entdecken. Denn die Odin IV pendelt gemächlich zwischen Tegelort und Hakenfelde hin und her. Erst als Herr Mittulla an keiner der beiden nahen Anlegestellen einen neuen Fahrgast erspäht, nimmt er Kurs auf die Tegel-Inseln.

Idyllisch – bis auf den Fluglärm

Über der einen, Valentinswerder, liegt der Duft von brennendem Holz. Vögel zwitschern. Eine grüne Wand satter Natur erlaubt nur einen Weg rechts- und einen linksherum. Auf der 13 Hektar großen Insel wohnen 120 Mietparteien. Zu einer von ihnen gehört Rolf. Der Spandauer lebt seit 16 Jahren auf dem Campingareal der Insel: zwei Wohnwagen, ein Pavillonzelt, ein Hund. Er hat auch einen festen Wohnsitz. „Einmal die Woche fahren wir noch rüber. Zum Einkaufen. Aber sonst bin ich bei Wind und Wetter hier draußen. Auch an Silvester.“ Auf seinem Vorplatz brennt ein kleines Feuer. „Hier hat man seine Ruhe“, sagt er. „Es ist idyllisch. Bis auf den Fluglärm.“ Seine Frau lugt mit dem Kopf um den Pavillon. Sie hat Fremde gehört. „Nicht den Hund anlocken“, ruft sie ärgerlich, „der geht doch überall mit.“

Ein paar Schritte weiter kniet Maria aus Prenzlauer Berg in ihrem Beet und ordnet Steine zu einer Schneckenform an. „Was Ausflügler hier machen können?“, sie zuckt mit den Schultern. „Es gibt hier einen Segelclub. Aber sonst? Keine Ahnung, was man hier machen will.“ Die 30-Jährige geht sich mit ihrem erdigen Handrücken über die Stirn: „Aber momentan vergeht kein Tag, an dem nicht mindestens eine tolle Prenzlauer Berg-Mitte-Familie über die Insel läuft. Doch die sind nicht als Touristen hier. Die gucken gierig, was sie kaufen können.“ Man muss wissen: Auch sie selbst hat ihr Grundstück und ihren Wohnwagen hier erst vor vier Wochen gepachtet.

In der Stadt sei alles eng, alles voll, alles laut, sie habe sich nach einem Rückzugsort gesehnt. „Ich habe sogar meinen Freunden verboten, Fotos von meinem Garten auf Facebook zu stellen. Das hier ist einfach meins.“ Die junge Frau hält inne, legt noch ein paar mehr Steine in die Beetschnecke. „Manche sagen, dass die Gemeinschaft auf Valentinswerder früher besser war. Das kann ich nicht beurteilen. Ich weiß einfach nur, dass es mir hier am besten gefällt, wenn nach 19 Uhr die letzte Fähre weg ist.“

Unweit vom Campingareal spritzen sechs Kinder mit ihren Eltern durch eine kleine Bucht. „Das ist das schönste Wasser der Weeeelt“, brüllt die kleine Liselotte. Und nur der entfernt am Horizont erkennbare Verkehr auf der Wasserstadtbrücke erinnert noch an die Großstadt.

„Wir sind drei Ärzte-Familien. Und ja, es ist stereotyp, aber wir kommen aus Friedrichshain, Prenzlauer Berg und Mitte. Wir teilen uns eine Laube“, sagt Liselottes Mutter. „Jedes Mal, wenn wir hier rauskommen, ist es wie Urlaub. Man lässt seinen Alltag komplett hinter sich.“ Einer der Väter steht in Boxershorts auf dem kleinen Strandstück. „Als wir unsere Laube frisch gekauft hatten, konnten wir uns vor Freunden, die uns besuchen wollten, nicht retten“, erinnert er sich. „Da musste man auch mal durchgreifen und sagen: Dieses Wochenende verbringen wir ohne Gäste. In Ruhe.“

Insulaner im Hemd

Zwanzig Minuten dauert ein ausgedehnter Spaziergang durch die Ruhe der Privatinsel. Bis man einen Insulaner im Nachthemd erspäht, der schüchtern grüßend über seine Veranda huscht. Dann ereilt den Besucher das Gefühl zu stören.

Ein Paar in Büro-tauglicher Kleidung schiebt einen Buggy über den lehmigen Boden. „Wir hätten gern ein kleines Häuschen. Das wäre für die Kinder ideal. Und für uns auch viel zentraler als die Uckermark“, sagt der Vater. Das Paar kommt aus Mitte. Sie werden wohl kein Glück haben mit ihrer Grundstücksuche. Die Insel ist ausgebucht, beteuert der stellvertretende Inselwart Gerd Kosewsky. Nur auf dem Campingplatz könne man noch etwas pachten.

Die Odin IV kommt pünktlich und spült eine Handvoll neuer Besucher an Land. Sie tragen Kühltaschen. Man muss sich was zum Essen mitnehmen nach Valentinswerder. Es gibt weder Lokale hier noch Imbissbuden. Dann geht es weiter.

Wenige Fährminuten später die Nachbarinsel Maienwerder. Darauf ein gelbes Schild „Privatbesitz. Das Betreten der Insel ist Unbefugten strengstens verboten.“ Eine Insulanerin mittleren Alters schüttelt den Kopf: „Niemand reißt Besuchern hier den Kopf ab.“

Schmale Pfade führen am ordentlich abgesteckten Zaunparadies vorbei. Zwischen den Lauben ein blau-weißes Pavillonzelt. Inselwart Gerhard Neitzels feiert eine Party. „Maienwerder ist nichts für Touristen“, stellt er klar. Und erzählt: „Der alte Fährmann hat sich häufiger einen Witz daraus gemacht, Nicht-Anlieger hier rauszulassen. Sogar mit dem Fahrrad.“ Großes Gelächter.

Wiesen und Stege sind privat

Eine hübsche Blonde lugt über Neitzels Schulter: „Wenn ich so etwas sehe, frage ich: Was wollt ihr denn hier? Die sagen dann meistens: Eine Runde Rad fahren. Und ich sage dann: Ja, und was wollt ihr die restlichen 55 Minuten machen, bis die Fähre wieder kommt?“ Wieder Gelächter.

„Wir wollen hier unter uns bleiben. Die Wiesen und Stege sind alle privat. Da kann eh keiner seine Decke hinlegen. Und zu Essen gibt es hier auch nichts. Also wenigstens nicht für Fremde“, schiebt die Blonde hinterher.

Rund 56.000 Quadratmeter fasst die Gartenanlage. Nur ein Drittel der 117 Parzellenparteien sei aber zeitgleich auf der Insel. „Momentan bemühen wir uns um einen Generationswechsel. Junge Familien sind sehr willkommen“, beteuert der Inselwart. Die Blonde wirft ein: „Wir wollen aber keine Familien, die sich alles rausnehmen und dann rotzig fragen: ‚Hast'n Problem damit? ' Denn, ja, wir haben ein Problem damit. Wir sind die piefige Spießerinsel. Wem das nicht passt, der gehört nach Valentinswerder.“ Gelächter. Die Fronten sind geklärt.

Auch Hunde wolle man hier nicht. Ein Verbots-Begründungs-Mythos hat Neitzel auch parat: Einst habe ein Insulaner für seinen Dackel Kaninchen ausgesetzt. Der Dackel sei aber, entgegen aller Hoffnungen, nicht Herr über die sich schnell vermehrende Gattung geworden. Eine Kaninchenplage suchte die unter Naturschutz stehende Insel heim. Fortan war es dann vorbei mit den vielen Hunden auf der Privatinsel.

Besucher sind willkommen

Die nächste Insel, Reiswerder, erreicht man nicht mit der Odin IV. Ohne eigenes Boot muss das Inselhüpfen unterbrochen werden. Am Ufer des Volksparks Jungfernheide darf der Besucher auf die Fähre des Vereins der Naturfreunde steigen. Der Verein besiedelt seit 1914 die Insel. Lothar Dally, ihr erster Vorsitzender – im Inseljargon „Bürgermeister“ –, fährt sie momentan höchstpersönlich. „War das schön kühl im See gerade. Ich bin frisch gewaschen“, begrüßt Dally seinen Stellvertreter, Sebastian Jakobs, am von Seerosen umgebenen Ufer. Ironischerweise direkt neben einem Badeverbotsschild. „Die Insel gehört dem Bezirk, deswegen sind Besucher hier willkommen. Nur Baden ist für die nicht erlaubt“, erklärt Dally, und Jakobs zeigt rüber zum Volkspark-Ufer: „Wir wissen, wie der Strand da drüben abends aussieht. So was wollen wir hier nicht.“ Die Kolonie hat ihren Ursprung in der Arbeiterklasse, heute bewohne „ein Querschnitt durch die Gesellschaft“ die 128 Lauben. „Vom Anwalt bis zum Hartz-IV-Empfänger gibt's hier alles“, sagt Jakobs. „Und Kleiber, Kuckucke, Spechte, Baumpieper, Füchse, Enten und mindestens einen Waschbären.“ Der mindestens eine Waschbär bereite momentan Kopfzerbrechen. Er habe nicht nur eine Schwäche für Mülltonnen, sondern auch für das Gelege der Enten.

Aber nicht nur die Waschbären können sich auf dem Eiland den Magen vollschlagen, auch Besucher und Inselbewohner werden bewirtschaftet. Hinter der Theke der Insel-Baude steht Gaby aus Reinickendorf. Am liebsten kocht sie Kohlrouladen. Zehn bis zwanzig Nicht-Insulaner kämen durchschnittlich pro Woche, schätzt Gaby. Die meisten von ihnen seien Ruderer und Paddler. „Es ist so herrlich. Hier kann man einfach ganz man selbst sein.“ Eine kleine Mietlaube für Feriengäste steht auf der Vereinsinsel auch bereit. Für fünf Euro die Nacht kann man sich in dem tannengrünen Häuschen morgens von Frosch und Vogel wecken lassen. Noch ist sie ein Geheimtipp.

Vor dem Vereinshaus – einer Gartenlaube mit Turmuhr und Aufschrift „Rathaus“ – treffen sich zwei Reiswerderer im Rentenalter. Sie besprechen die Aushänge, wenden sich an Jakobs, mit Anliegen für den Kummerkasten. Später erklärt der zweite Vorsitzende des Vereins, dass Reiswerder ganz klar überaltert sei.

Auch Kinder erwünscht

Auch hier wünscht man sich junge Familien. „Denn für Kinder tun wir alles“, wiederholt Jakobs, der auf dem Festland als Sachbearbeiter im Öffentlichen Dienst tätig ist, gerne auch mehrfach. Aber auch unter den Erwachsenen sollte in der Idylle keineswegs Langweile aufkommen. Im Sommer veranstalten die Naturfreunde Partys mit Festbänken am Seeufer und im Winter mit Festbänken auf dem gefrorenen See. „Der harte Kern des Vereins sitzt aber auch so gern mal bis vier Uhr morgens zusammen“, meint Jakobs und sieht zufrieden aus.

Die öffentlich begehbaren Inseln des Tegeler Sees haben eines gemeinsam: Sie laden zum Loslassen, zum Vergessen des Alltags, zum Entspannen ein. Aber in erster Linie wohl die Menschen, die dort leben.

© Berliner Morgenpost 2019 – Alle Rechte vorbehalten.