Sternfahrt

Auto besser stehenlassen - Berlin wird Radfahrer-Stadt

Am Sonntag gehört die Stadt den Radfahrern. Die Sternfahrt des ADFC führt über 19 Routen ins Zentrum. Auch die Avus ist zwei Stunden gesperrt.

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Für Berlins Radfahrer dürften wohl Weihnachten und Ostern auf den heutigen 3. Juni fallen. Denn an keinem anderen Tag im Jahr können sie so ungehindert durch die Stadt radeln wie an diesem Sonntag.

Kein Auto nimmt ihnen die Vorfahrt, kein Lastwagen bläst ihnen die Abgase direkt ins Gesicht und keine Tram stellt sich ihnen quer in den Weg. Überall in der Stadt werden ganze Straßenzüge – darunter auch Abschnitte der Stadtautobahn – teils schon in den Morgenstunden abgesperrt, damit die Fahrradfahrer an der traditionellen Sternfahrt des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC) teilnehmen können.

Das Nachsehen haben vor allem die Autofahrer, die sich heute andere Wege durch die Stadt suchen müssen. Unter dem Motto „Berlin auf der Radspur“ geht es bei der 36. ADFC-Sternfahrt vor allem um den Ausbau der Infrastruktur für Radfahrer, aber auch um ein besseres Miteinander aller Verkehrsteilnehmer.

Die Organisatoren rechnen mit bis zu 250.000 Teilnehmern aus ganz Europa. Die Veranstaltung sei damit die größte Fahrraddemonstration weltweit, heißt es. Vergangenes Jahr waren etwa 150.000 Radfahrer für bessere Verkehrsbedingungen unterwegs. Die erste Sternfahrt fand 1977 mit gerade einmal 8000 Teilnehmern statt, damals nur im Westteil der Stadt.

Längst jedoch rollt die Karawane der Radfahrer durch ganz Berlin. Über 19 Routen können die Teilnehmer von verschiedenen Startpunkten im Brandenburger Umland sowie in den Berliner Außenbezirken aus in die Innenstadt zum Großen Stern fahren (Startzeiten siehe Karte). Dort ist gegen 14 Uhr die große Abschlusskundgebung geplant.

Umweltfest am Brandenburger Tor

Anschließend können die Radfahrer gleich hinüber zum 17. Umweltfestival der Grünen Liga wechseln. Mehr als 250 Aussteller wollen am Brandenburger Tor über nachhaltigen Konsum und klimafreundliche Innovationen informieren. Es geht unter anderem um artgerechte Tierhaltung und sanften Tourismus.

Das Festival verwende ausschließlich Mehrweggeschirr und zeige damit richtungsweisend, dass Umweltschutz auch bei Großveranstaltungen möglich sei, sagte Stefan Richter, Geschäftsführer der Grünen Liga Berlin.

Die Polizei empfiehlt den Berlinern, am Sonntag möglichst das Auto stehen zu lassen und stattdessen auf öffentliche Verkehrsmittel umzusteigen. Insgesamt führt die Fahrrad-Sternfahrt über ein Streckennetz von mehr als 1000 Kilometern Länge. Im Angebot ist auch eine Kinderroute, auf der entsprechend langsam gefahren wird (nicht schneller als 6 Stundenkilometer).

Start ist für die Kleinen und ihre Eltern um 12.30 Uhr am S- und U-Bahnhof Jannowitzbrücke in Mitte. Für sportliche Fahrer gibt es zudem eine „Expressroute“ (Tempo 25), die im ostbrandenburgischen Frankfurt (Oder) beginnt. Die Abfahrt dort ist für 6.45 Uhr geplant.

Anteil der Radfahrer schon bei 15 Prozent

Besonders beliebt dürfte wie schon in den vergangenen Jahren eine Fahrradfahrt über die sonst ausschließlich den Kraftfahrzeugen vorbehaltene Autobahn sein. Von 12.30 bis 14 Uhr werden dafür die derzeit ohnehin wegen Bauarbeiten nur eingeschränkt nutzbare A115 (Avus) zwischen Spanischer Allee und dem Autobahndreieck Funkturm sowie der Südring der A100 zwischen Buschkrugallee und Alboinstraße in beide Richtungen für den Autoverkehr gesperrt.

Erstmals werden Lastenradler mit unterwegs sein, die sich an der Versorgung der Teilnehmer mit Getränken beteiligen werden. Zudem sind 700 Polizisten und mehr als 100 Ordner in Berlin im Einsatz, um die Sternfahrt-Routen zu sichern.

Mit der Sternfahrt will der ADFC vor allem seiner Forderung nach mehr Radspuren auf Berlins Straßen Nachdruck verliehen. Der Anteil der Radfahrer am Straßenverkehr habe in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen und liege inzwischen bei etwa 15 Prozent, so der ADFC.

Disziplinlosigkeit der eigenen Klientel

„Die Neuausweisung von Radspuren kommt dem steigenden Bedarf nicht hinterher“, sagte die Landesvorsitzende Eva-Maria Scheel. Es gehe aber nicht allein um die Markierung neuer Radspuren.

Auch müssten die Bezirke mehr dafür tun, dass vorhandene Spuren von Falschparkern freigehalten werden. „Fatalerweise werden Fahrradspuren und Kreuzungen oft zugeparkt. Das führt zu Sichtbehinderungen und Ausweichmanövern mit teils tödlichem Ausgang“, kritisierte Scheel.

Wie schon in den vergangenen Jahren ließ der ADFC jedoch offen, was er gegen die um sich greifende Disziplinlosigkeit der eigenen Klientel tun will. Während Fußgänger immer häufiger unter Radfahrern leiden, die rücksichtslos und mit hohem Tempo über Gehwege fahren, beschweren sich Autofahrer zunehmend über Fahrradfahrer, die trotz roter Ampel über die Kreuzung fahren würden.