Hells Angels

Rocker wollen seit Wochen von Razzia gewusst haben

Vor Wochen schon sollen die Hells Angels von Polizeiaktionen gewusst haben. Wie das passieren konnte, soll nun ermittelt werden.

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Mit der Verbotsverfügung gegen den mächtigsten Berliner Rockerklub Hells Angels MC Berlin City sollte endlich ein wirkungsvoller Schlag gelingen. Doch die Preisgabe hochsensibler Polizei-Interna schmälerte den Erfolg beträchtlich.

Jetzt sind interne Ermittler der Polizei auf der Suche nach dem Maulwurf, der die Rocker warnte. Nach Ansicht von Berlins amtierender Polizeipräsidentin Margarete Koppers sei die Weitergabe von vertraulichen Informationen über geplante Einsätze an die Presse in einer so großen Behörde nicht absolut zu verhindern.

Es sei bei allen getroffenen Regelungen nicht möglich, solche Lecks absolut abzudichten, sagte Koppers in der RBB-„Abendschau“.

Rocker spähen Unterkünfte aus

Unterdessen mehren sich die Anzeichen, dass mehrere Rockergruppen bereits seit Wochen mit Razzien und Verboten in der Hauptstadt gerechnet haben mussten. Nach einem Bericht von „Spiegel-Online“ erwarteten neben den nun verbotenen Hells Angels Berlin City unter Führung von Kadir P. auch die Bandidos-Gruppe „Southside“ in Weißensee und die Hells Angels „Nomads“ Durchsuchungen und mögliche Verbotsverfügungen.

Unklar war nur, ob Innensenator Frank Henkel (CDU) gegen alle drei Gruppen Verbote umsetzen würde. „Für alle genannten Gruppen gilt, sie waren bereits seit Mitte April gewarnt“, sagte „Spiegel“-Autor Thomas Heise am Sonnabend. Die genannten Gruppen hätten Konten leer geräumt, Dokumente vernichtet und Motorräder umgemeldet.

Heise selbst hatte vergangenen Dienstag über die bevorstehende Razzia in Reinickendorf berichtet. Als die Polizei Mittwochfrüh mit 50 Beamten am Klubhaus in der Residenzstraße anrückte, hatte sich der Charter bereist aufgelöst. Die Polizei konnte neben Schlagwaffen, Messer und einem Gewehr nur noch Motorräder und das Inventar beschlagnahmen.

Weiter heißt es in dem Bericht, die Rocker hätten genau jene Hotels ausgespäht, in denen die zur Unterstützung herangezogenen Polizeikräfte aus Mecklenburg-Vorpommern und Niedersachsen untergebracht waren.

Allein zehn Personen aus dem Rockermilieu

Unter anderem hatte sich auch die Bandido-Gruppe „Southside“ rechtzeitig aufgelöst und sich den bis dato rivalisierenden Hells Angels in Potsdam angeschlossen. Wie berichtet, hatten vor allem der gewachsene Einfluss von Kadir P. und finanzielle Aspekte dazu geführt, das sich „Southside“-Anführer Grischa V. den zuvor verhassten Höllenengeln in Potsdam angeschlossen hat.

Kaum war der Zusammenschluss mit den ehemaligen Bandidos aus Berlin vollzogen, wurde das Klubdomizil der Hells Angels in der Charlottenstraße in Potsdam am Mittwochabend zum Ziel einer Razzia. 200 Polizisten aus Brandenburg und Berlin riegelten die Umgebung ab und nahmen die Personalien aller Anwesenden auf. Wie Morgenpost Online erfuhr, waren von 23 kontrollierten Personen allein zehn aus dem Berliner Rockermilieu bekannt.

Die Hells Angels „Nomads“ aus Berlin, angeführt von Andre S. und sechs seiner noch nicht vorbestraften Mitstreiter, setzten sich ebenfalls nach Brandenburg ab und schlossen sich kurzfristig einer Rocker-Gruppierung in Oranienburg (Havelland) an.

Polizisten gezielt bedroht

In Brandenburg, das durch die Berliner Verbotsverfügung einen akuten Zuwachs an Rockern verzeichnet, sind Polizeibeamte von den Kuttenträgern massiv bedroht worden. Für die betroffenen Beamten würden Schutzmaßnahmen umgesetzt, bestätigte das Innenministerium Morgenpost Online.

Ministeriumssprecher Ingo Decker sagte, dass solche Taten nicht neu und außerdem von unterschiedlichsten Kriminellen verübt würden. So seien Fälle bekannt, in denen Polizisten von Kriminellen mit dem Wagen bis zur eigenen Haustür verfolgt wurden.

Oder es würden obszöne Parolen an Häuser geschmiert, in denen Polizeibeamte leben. „Wir nehmen solche Vorgänge sehr ernst, da gibt es eine klare Grenze. Das sind keine Kleinigkeiten“, betonte Decker.

In solchen Fällen gebe es eine Reihe von Optionen entsprechend den Dienstvorschriften, um die Betroffenen vor Nachstellungen zu schützen. Einzelheiten zu den Vorkehrungen wollte Decker nicht nennen.

Gefahr für Staat und Gesellschaft

Wie die Berliner Morgenpost aus Polizeikreisen erfuhr, gehörten zu den Schutzmaßnahmen die Bewachung von Objekten durch zivile Beamte, das Löschen von entsprechenden Personendaten aus Melderegistern, der Wechsel von Rufnummern bis hin zur Versetzung in andere Dienststellen.

In Berlin sind solche Bedrohungen durch Rocker oder andere Straftäter offenbar noch nicht an der Tagesordnung. „Von solchen Anfeindungen gegen Berliner Kollegen habe ich bislang nicht gehört.“

Die Gefahr bestünde aber auch hier, sagte Klaus Eisenreich, Landesgeschäftsführer bei der Gewerkschaft der Polizei (GdP) am Sonnabend. Gerade bei Rockern gehe es um Berufskriminelle, die Syndikate bilden und ihre finanziellen und Machtinteressen rücksichtslos durchsetzten.

„Solche Gruppierungen innerhalb der organisierten Kriminalität stellen eine Gefahr für Staat und Gesellschaft dar“, sagte der GdP-Funktionär.