Wilmersdorf

Der Jüdische Campus soll Licht in die Dunkelheit bringen

Als Ort der Begegnung, der Gemeinschaft und des Feierns gedacht: Rabbi Yehuda Teichtal plant Schulen und ein Freizeitzentrum in Wilmersdorf.

Rabbi Yehuda Teichtal ist ein viel beschäftigter Mann. Wenn sein Telefon nicht ohnehin ständig klingelt, vibriert oder blinkt, dann sitzen draußen vor seinem Büro ein, zwei oder drei Menschen, die mit ihm reden wollen, über Religion, über Feste – und seit Neuestem auch immer wieder über einen gemeinsamen Traum, den sie haben.

Dieser Traum ist ein Haus, ein Jüdischer Campus, oder, wie er sagt: ein Ort des Feierns, der Begegnung und der Gemeinschaft. Auf 6000 Quadratmetern sollen entstehen: ein Kindergarten, eine Gesamtschule, eine Oberschule, ein Jugendklub, ein Sport- und ein Freizeitzentrum. Zudem soll noch ein Internat eingegliedert werden und eine Schule für Rabbis.

Ein Ort der Bildung an der Grenze von Charlottenburg zu Wilmersdorf, gleich beim Preußenpark, wo schon im Jahr 1997 das jüdische Bildungszentrum Chabad Lubawitsch entstand.

Lichtdurchfluteter Bau

Dieses Bildungszentrum hat Rabbi Teichtal mit seiner Frau Leah gegründet, ein Jahr nachdem sie aus dem New Yorker Stadtteil Brooklyn nach Berlin gezogen waren. Er war damals 24 Jahre alt, konnte kein Deutsch und wusste nur wenig über Berlin – außer dass hier die Vernichtung der Juden beschlossen wurde. Aber genau hier, mitten in der Stadt, wollte er beim Aufbau von einer jüdischen Kultur helfen. Inzwischen ist er 39 Jahre alt, Vater von fünf Kindern und Rabbi einer eigenen Gemeinde. „Hier war ein Ort von Dunkelheit“, sagt er, „und hier soll ein Ort von Licht sein.“

Nachdem Rabbi Teichtal das Chabad-Zentrum aufgebaut hatte, erweiterte er den Bau in den Jahren darauf Stück für Stück. Ein Ferienlager wurde eröffnet, eine Synagoge, ein Rabbiner-Ausbildungszentrum, ein Kindergarten und im September 2007 der prächtige Bau an der Münsterschen Straße. Der damalige Außenminister Frank Walter Steinmeier kam zur Eröffnung und schaute sich das Werk des russischen Stararchitekten Sergej Tchoban an. Es war das erste jüdische Bildungszentrum auf deutschem Boden nach dem Holocaust.

Bis heute werden im Chabad-Zentrum Rabbiner ausgebildet, gehen Kinder täglich in den Kindergarten, können Gäste koscheres Essen in einem Restaurant probieren, in der jüdischen Bibliothek stöbern – und in der Synagoge werden seit fünf Jahren am Sonnabend Gottesdienste gefeiert, bei denen bis zu 250 Menschen Platz finden. Alles unter einem Dach. Der Bau besticht durch seine moderne, lichtdurchflutete Architektur. Da passt es, dass Teichtal gern auf das Motto der Chabad-Gemeinde hinweist: „Jeder Mensch ist eine Kerze – zusammen können wir die Welt erleuchten.“

Diesen offenen Gedanken, dass jeder am Leben im Chabad teilhaben könne, will der Rabbiner auch im Jüdischen Campus fortführen. „Nicht nur Juden sollen hier eingeladen sein zu studieren“, sagt er. „Der Campus soll offen für alle Konfessionen sein.“ Es soll eben ein Ort werden, an dem sich Berliner begegnen können. „Um über Toleranz reden zu können, müssen wir Menschen zusammenbringen.“ Schon jetzt gibt es immer wieder Daten, an denen viele zusammenkommen, jetzt gerade im Mai war es das Fest „Lag BaOmer“, bei dem in Israel überall auf Höfen Menschen um ein Lagerfeuer zusammenkommen. Auch auf dem Gelände des Chabad-Zentrums gab es so ein Feuer, an dem auch Anwohner im Kreis saßen.

Am Traum weiterbauen

Am 10. Juni aber soll es ein großes Straßenfest geben auf der Münsterschen Straße, zum 15. Geburtstag des Chabad-Zentrums in Berlin. Der Sänger Avraham Fried kommt extra aus New York angereist, und den ganzen Tag soll das getan werden, was Rabbi Teichtal sich eigentlich immer für das Zentrum gewünscht hat: feiern, diskutieren, sprechen, voneinander lernen und – einfach zusammenleben.

Dabei wird er sicher auch wieder auf seinen Traum zu sprechen kommen und davon, dass dieser Traum nur dann in Erfüllung geht, wenn genug Spenden für den Campus zusammenkommen. Beim Chabad-Zentrum hatte er gesehen, dass es klappen kann – es wurde größtenteils von Spenden bezahlt. Für den Jüdischen Campus ist Teichtal da auch zuversichtlich.

Mut machte ihm ein älterer Herr, den er vor wenigen Wochen in der US-Botschaft getroffen hat. Der Mann hätte sich umgeschaut in Berlin, er habe manches wiedererkannt, weil er schon als Kind hier gelebt habe, aber 1938 ausgewandert sei. Die Entwicklung der jüdischen Kultur hat den alten Mann gefreut: „So viel Lebendiges in der Stadt“, hatte er gesagt und ergänzt: „Jetzt ist wirklich wieder Licht da, wo einst Dunkelheit war.“ Also weiter: Ärmel nach oben rollen und weiterbauen, an seinem Traum und dem seiner Unterstützer.