Krankheitswelle

Schulkinder ohne Impfung müssen zu Hause bleiben

Eine Masernepidemie hat drei Schöneberger Grundschulen erfasst. Das Gesundheitsamt reagiert mit außergewöhnlichen Maßnahmen.

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Im Bezirk Tempelhof-Schöneberg befürchten die Behörden eine Masernepidemie und reagieren mit ungewöhnlichen Mitteln. Wegen des Auftretens von Krankheitsfällen an drei Grundschulen hat das Gesundheitsamt angeordnet, den Impfstatus der Schüler zu überprüfen.

So haben Eltern, deren Kinder die Finow-Grundschule in Schöneberg besuchen, am Donnerstag die Aufforderung bekommen, deren Impfbücher in der Schule vorzulegen. Grund sei eine Masernepidemie, heißt es. „Ohne nachweisliche Impfung darf Ihr Kind nicht die Schule besuchen“, erfahren die Eltern in einer E-Mail von der Schule.

Andreas Dinter, stellvertretender Amtsarzt des Bezirks Tempelhof-Schöneberg, bestätigt den Ausbruch der Masern im Bezirk. „Bisher gab es sieben Fälle, zwei davon mussten im Krankenhaus behandelt werden“, sagt er. Die erste Erkrankung sei am 4. Mai festgestellt worden.

Ausbruch bisher nur im Kiez

„Der Ausbruch der Masern ist bisher auf den Kiez rund um die Finow-Grundschule beschränkt geblieben“, sagt Dinter. Neben der Finow-Schule seien die Werbellinsee-Grundschule und die Scharmützelsee-Grundschule betroffen gewesen. An den beiden letztgenannten Schulen habe das Schulverbot für nicht geimpfte Kinder inzwischen aber wieder aufgehoben werden können, so Dinter. Das geschehe, wenn es 14 Tage lang keine weiteren Infektionen mehr gebe. So lange dauere die Inkubationszeit.

An der Finow-Schule ist laut Amtsarzt Dinter der letzte Masernfall vor sieben Tagen aufgetreten. Nicht geimpfte Schüler müssen deshalb jetzt noch mindestens eine Woche zu Hause bleiben. Wenn in dieser Zeit kein neuer Krankheitsfall mehr auftritt, wird auch an der Finow-Grundschule das Schulverbot für Kinder, die nicht gegen Masern geimpft sind, wieder aufgehoben werden.

Die Regelungen zur Verhütung einer Epidemie sind in Deutschland im Infektionsschutzgesetz geregelt. Dort wird unter anderem festgelegt, dass Personen, die an Masern „erkrankt oder dessen verdächtig“ sind, unter bestimmten Umständen die Schule nicht betreten oder an Gemeinschaftsveranstaltungen nicht teilnehmen dürfen. Zudem wird geregelt, dass die zuständigen Behörden auch für „Ansteckungsverdächtige“ Schutzmaßnahmen ergreifen dürfen, „soweit und solange es zur Verhinderung der Verbreitung übertragbarer Krankheiten erforderlich ist“. Dazu kann auch der Ausschluss von bestimmten Orten zählen. Eine Heilbehandlung darf aber nicht angeordnet werden.

Einige Eltern lehnen Impfung ab

Manche Eltern lehnen die Masernimpfung ab, weil sie glauben, ihr Kind müsse die Krankheit durchmachen, damit sein Immunsystem reift. Immer wieder kommt es deshalb zu Ausbrüchen der Krankheit. So hat sich die Zahl der Masernerkrankungen in Deutschland 2011 rasant erhöht. Das Robert-Koch-Institut (RKI) in Berlin registrierte bis Jahresende 1607 Fälle, 2010 waren es nur 780. Betroffen sind inzwischen besonders häufig Jugendliche und junge Erwachsene, wie RKI-Präsident Reinhard Burger sagte.

Denn bei Kindern sei die Impfquote relativ hoch. Bei der Schuleingangsuntersuchung hätten 96 Prozent aller Kinder mindestens eine Masernimpfung im Impfausweis stehen, sagte Burger. Allerdings liege die Impfquote für die wichtige zweite Masernimpfung unter 90 Prozent. Sie werde auch häufig nicht, wie empfohlen, im zweiten Lebensjahr gegeben, sondern erst später. „Dies deutet darauf hin, dass die Masernimpfung in vielen Fällen nicht grundsätzlich abgelehnt wird, sondern die zweite Impfung öfter mal vergessen wird.“

Auch Andreas Dinter rät den Eltern, ihre Kinder impfen zu lassen. „Wer die beiden notwendigen Impfungen bislang versäumt hat, sollte sie nachholen“, sagt der Amtsarzt. Masern seien keine Lappalie. So müsse jeder sechste Erkrankte im Krankenhaus behandelt werden. Bei etwa einem von 1000 Infizierten komme es zu einer bedrohlichen Gehirnentzündung.

Kinderärzte warnen, dass besonders Säuglinge und Kleinkinder durch einen komplizierten Verlauf der Masern gefährdet seien. Es könne zu Lungen- oder Mittelohrentzündung kommen. Auch Enzephalitis, eine Entzündung des Gehirns, könne die Folge einer Maserninfektion sein. Neben bleibenden Schäden, die Kinder davontragen, ende eine von 1000 Erkrankungen tödlich. Für Beratungen zur Masernimpfung stehen neben den niedergelassenen Ärzten auch die Gesundheitsämter und die Kinder- und Jugendärztlichen Dienste der Bezirke zur Verfügung.

Laut Amtsarzt Dinter verlaufen Masern in zwei Stadien. Etwa vier Tage lang hätten die Erkrankten Symptome eines grippalen Infektes, Schnupfen, Husten und Fieber. Dann steige das Fieber meist an, und ein Hautausschlag sei erkennbar. Nach zwei Wochen klinge die Krankheit meist wieder ab.