Restaurant Heising

Das Berliner Restaurant, das aus dem Rahmen fällt

Gemälde, Kamin, französische Küche – das Restaurant von Ehepaar Heising bietet eine Auszeit vom Alltag der Hauptstadt.

Foto: Massimo Rodari

„Unser Restaurant fällt sicher aus dem Rahmen – aus dem heutigen sowieso“, sagt Bernhard Heising (80) und legt noch einen Klotz Holz ins Feuer. Es knistert, die Flammen umzüngeln den Scheit; der weiße Marmorkamin verströmt das Ambiente einer gemütlichen Almhütte. Aus den Boxen scheppern die Comedian Harmonists „Veronika, der Lenz ist da“, aber da haben sie sich vertan, es ist ein kühler Maitag.

Draußen tiefes West-Berlin, eine Seitenstraße des Kurfürstendamms. Blickentfernung zur Gedächtniskirche, Touristen, Trubel, Tauentzien. Hier drinnen bekommt man von alledem nichts mit. Um das Restaurant Heising betreten zu können, hatte man am Eingang auf eine Klingel drücken müssen, „in den 80er-Jahren gab es mal eine unruhige Phase in der Straße, da sind hier Gruppen durchgezogen und haben drüben am „Steigenberger“-Hotel Rauschgift vergraben“, erinnert sich Edelgard Heising.

Wer hineinwill, der muss klingeln

Auch wenn diese Zeiten lange vorbei sind, die Klingel ist geblieben, und auch nach dem Eintreten scheint die Zeit still zu stehen. 1979 war es, als das Ehepaar Heising die Rankestraße entlanglief. „Wir hatten uns schon ein wenig zurückgezogen, kamen nicht aus der Gastronomie, und dann sahen wir plötzlich diesen Laden hier“, erzählt Edelgard Heising. Er stand leer, ein Delikatessengeschäft war gerade ausgezogen, und der Entschluss, hier ein Restaurant zu eröffnen, schnell gefasst.

Anhand von Bildbänden über Berliner Wohnungen um die Jahrhundertwende, die Heising von seinem Urgroßvater geerbt hatte, richteten die beiden den neuen Laden ein. Ölgemälde an den Wänden, die mit amerikanischem Nussbaumholz vertäfelt sind. Wandleuchten daneben, die so auch im Charlottenburger Schloss hängen. Weißes KPM-Porzellan auf den Intarsientischen, ein großer Bund frischer Rosen daneben. Seidentapeten. Ein Eichenbuffet aus der Gründerzeit. „Viele Gäste, die zum ersten Mal hier sind, sagen: ‚Das gibt's doch gar nicht!'“, sagt Edelgard Heising. Und tatsächlich hat man in dem lang gezogenen Raum nach kurzer Zeit das Gefühl, weit weg vom heutigen Berlin zu sein.

Der Start ins neue Gastro-Leben misslang dem Ehepaar, „das ist eine ulkige Geschichte“: Freunden und Bekannten habe man von den Plänen erzählt, aber nie den offiziellen Eröffnungstermin genannt – als es dann schließlich losgehen sollte, im Oktober 1979, saß das Paar allein in seinem Restaurant. Die Einweihung wurde nachgeholt, die ersten Monate liefen trotzdem schleppend. „Im ersten Jahr haben wir mit fremdem Servicepersonal gearbeitet. Uns fehlte aber der Kontakt zu unseren Gästen, deswegen haben wir uns schnell dazu entschieden, selbst zu bedienen.“

So halten sie es bis heute, in der Küche arbeiten zwei französische Köche, im Gastraum das Ehepaar Heising. Aus dem direkten Austausch mit den Gästen ziehen sie ihre Motivation, auch nach über drei Jahrzehnten an 363 Tagen im Jahr geöffnet zu haben. „Nur an Heiligabend und an Neujahr ist unser Restaurant geschlossen – an allen anderen Tagen haben wir ab 19 Uhr geöffnet“, sagt Bernhard Heising.

Überwiegend Stammgäste finden ihren Weg in die Rankestraße, was am unscheinbaren Äußeren des Restaurants in der bunt kreischenden Nachbarschaft des Kudamms liegen kann, oder an den Preisen, die bei 46 Euro für ein Drei-Gänge-Menü beginnen: „Touristen sind selten bereit, dieses Geld für ein Essen zu bezahlen.“ Akademiker, Künstler, Wissenschaftler schon eher, Marek Janowski zum Beispiel, der Dirigent und künstlerische Leiter des Berliner Rundfunk-Sinfonieorchesters.

Zum Abschied eine Rose

Dafür gibt es dann französische Küche, Wildhasenfilet mit Granatapfelvinaigrette als Vorspeise etwa oder Petersilienwurzelrahmsuppe mit warmem Kalbskopf. Auf gute Umgangsformen wird Wert gelegt, man hilft den Damen aus dem Mantel und schenkt ihnen zum Abschied eine Rose. „Wir sind jung geblieben, aber haben unsere Wertevorstellungen, die wir erhalten wissen wollen“, so Edelgard Heising. Und der Betrieb soll noch lange weitergehen, „wenn ich mal einen Abend nicht hier bin, fehlt mir schon etwas“, sagt sie.