Prozess in Berlin

Wie Mehmet Y. zum Doppelmörder wurde

Mehmet Y. hat 2011 zwei Frauen in Wedding getötet. Zuvor war er von seiner Frau verlassen worden.

Foto: DAPD

Es war ein dumpfes Knallen. Zehn Mal oder öfter. „Ich dachte, es handelt sich um übrig gebliebene Silvesterknaller“, sagte der 23-jährige Johannes R. vor Gericht. Der Ergotherapeut ist in Wedding unterwegs zu einem Patienten. Es ist der 4. August 2011. Er wird diesen Tag nie vergessen. Sekunden später kommt ihm aus der Kolberger Straße ein schlanker, dunkelhaariger Mann entgegen. Aufgeregt. Aufgewühlt. In der Hand eine Pistole. Knapp zehn Monate später begegnet Johannes R. diesem Mann erneut. Dieses Mal im Saal 500 des Moabiter Kriminalgerichts. „Ja, ich habe ihn sofort wiedererkannt“, beantwortet er die Frage des Schwurgerichtsvorsitzenden Olaf Arnoldi. „Er trug damals die Haare etwas kürzer, aber er ist es.“

Mehmet Y., der Angeklagte, blickt interessiert zu dem Zeugen. Vermutlich hat er an den groß gewachsenen jungen Mann keine Erinnerung. Zu viel ist geschehen an diesem Morgen des 4. August. Er hatte mit einer Pistole Ceska Modell 75 immer wieder auf einen blauen Mitsubishi geschossen, hatte zwei Frauen getötet und den Fahrer schwer verletzt. Er ist nun angeklagt wegen Mordes aus niedrigen Beweggründen und Heimtücke. Ein eiskalter Killer also. Vieles spricht dafür, dass er zwar ein hochgefährlicher, aber keineswegs ein planvoll agierender Täter ist: unberechenbar, auch für sich selbst, wehleidig, egozentrisch, von Empfindungen und Ahnungen geleitet. Ein Mensch, der sich ständig ungerecht behandelt fühlt. Und der das Glück hatte, eine Liebe zu finden – und am Ende auch diese Liebe zerstörte.

Es gab nach diesem schrecklichen Vorfall die üblichen Erklärungsversuche: mangelnde Integration, Versagen der Behörden, archaische Verhältnisse in kurdischen Familien. Aber letztlich ist es wohl doch die ganz eigene Geschichte des Mehmet Y. Er stammt aus einem abgelegenen Dorf in der Nähe der syrischen Grenze. Wächst dort in ärmlichen Verhältnissen auf. Er arbeitet mit seinem Vater in der Landwirtschaft, übernimmt Jobs als Baumwollpflücker, als Aushilfskellner oder Helfer bei der Melonenernte. Als sein Vater 2002 stirbt, übernimmt der ältere Bruder den Hof. Mehmet Y. will nun nicht mehr bleiben. Er reist nach Frankreich. Dort soll er die Tochter des Onkels heiraten. Das will er nicht.

Die Möglichkeit, auszubrechen, ergibt sich, als er zu einem anderen Onkel nach Berlin eingeladen wird. Der hat ein Baugeschäft. Es könnte also Arbeit für ihn geben. Im Dezember 2002 fährt er nach Deutschland. In einem Lastwagen, ohne Einreisegenehmigung. Aber er ist ja Kurde und hat die Möglichkeit, einen Antrag auf Asyl zu stellen. Es folgt das übliche Prozedere: Antrag in der Zentralen Aufnahmestelle für Asylbewerber in Eisenhüttenstadt und Einweisung in ein Übergangswohnheim – in seinem Fall ist es eine Einrichtung im brandenburgischen Luckenwalde. Er bleibt dort nicht, fährt immer wieder heimlich nach Berlin. Fuß fassen kann er nicht. Das ist auch schwer möglich, weil er mit seinem Aufenthaltsstatus ja offiziell nicht arbeiten darf.

Liebe auf den ersten Blick

Schließlich lernt er über eine Bekannte Feride kennen. Eine Kurdin, deren Familie schon seit Jahrzehnten in Berlin lebt. Er soll sich sofort in sie verliebt haben. Und sie sich wohl auch in ihn. Sie tauschen ihre Handynummern aus, telefonieren, treffen sich heimlich. Im März 2005 soll sie ihm mitgeteilt haben, dass ihre Familie von der Freundschaft erfahren habe und sie sich mit ihm nicht mehr treffen könne. Die beiden fliehen, finden Unterschlupf in einem Heim für Ledige, zwischendurch auch in einem billigen Hotel. Sie planen sogar, heimlich in die Türkei zu ziehen. Aber dann soll von einem Mitglied der Familie eine SMS gekommen sein: Sie könnten zurückkommen. Ferides Vater Halil C. sei mit einer Heirat einverstanden.

Halil C. soll über diese Entwicklung nie glücklich gewesen sein. Der 45-Jährige hatte anderes vor mit seiner Tochter, fühlte sich jedoch zur Duldung dieser Beziehung gezwungen. „Mehmet kam damals durch die Tür, und ich wusste, da ist kein guter Junge“, sagte er in einem Interview. „Aber was hätte ich machen sollen?“ Im Mai 2005 mietet das junge Paar eine Wohnung in der Koloniestraße in Wedding. Einen Monat später heiraten sie im türkischen Generalkonsulat. Ende August 2005 findet die Hochzeitsfeier statt. Mehmet Y. hat nun alle Chancen, ein gesichertes Leben aufzubauen. Er besucht eine Sprachschule, arbeitet als Küchenhelfer und Verkäufer. Später machen er und Feride in Wedding in der Badstraße einen eigenen Imbissstand auf. Doch die Konkurrenz ist groß. Nach einem Jahr müssen sie dieses Geschäft wieder aufgeben. Er ist unfreundlich, ungerecht, jähzornig.

Zwischen Angst und Obsession

Auch sein Verhalten zu Feride hat sich geändert. Von geradezu krankhafter Eifersucht ist die Rede, von Beleidigungen, Schlägen. Im Februar 2007 flüchtet sie zum ersten Mal zu ihren Eltern. Mehmet Y. soll damals schon zum ersten Mal per SMS massiv gedroht haben: Er werde sich mit einem Mann wegen einer Pistole treffen. Sein Schwiegervater Halil C. erstattet Anzeige wegen Bedrohung, will später bei den Ermittlern dazu aber nicht aussagen. Das Verfahren wird eingestellt. Und Feride kehrt zu ihrem Mann zurück, nachdem dieser immer wieder flehte, ihm zu verzeihen, und versprach, sich wegen seines Verhaltens von Fachleuten helfen zu lassen. Von Juli 2007 bis Mai 2008 soll er dann auch tatsächlich bei einem Psychiater in Behandlung gewesen sein. Aber die Situation bessert sich nicht. Feride zieht sich immer weiter zurück, verlässt kaum noch die Wohnung. Sie will ihm eine gute Ehefrau sein. Sie ist nachgiebig.

Im September 2010 erfährt sie, dass Mehmet Y. einer Nachbarstochter nachstellt. Eine Schülerin, 17 Jahre alt, der Mehmet Y. erklärt, dass sie seine Traumfrau sei und er mit ihr leben wolle. Und Feride schnürte erneut ihr Bündel.

Vielleicht war Mehmet Y. ja bewusst, dass es diesmal endgültig sein könnte. Es wurde für ihn fortan jedenfalls zu einer regelrechten Obsession, die Frau zurückzuholen. Er lauert ihr auf, bedrängt Angehörige, die geflohene Ehefrau zu einem Treffen zu bewegen, weint, jammert, fleht, droht. Er liebe seine Frau doch, beteuerte er immer wieder. Er könne ohne Feride nicht leben. In seiner Wohnung werden später Krakeleien gefunden: „Liebste, ich warte jeden Tag auf dich mit großer Hoffnung. Du warst die Rose unseres Lebens ... Schau mich an, mein Stolz, mein Ehrgefühl, mein Ansehen, alles ist zerstört, aber ich will außer dir niemanden ... Der Tag deiner Rückkehr wird mein Geburtstag sein.“ Im September 2010 erlässt das Amtsgericht Pankow-Weißensee eine einstweilige Anordnung, die es Mehmet Y. untersagt, sich Feride zu nähern oder zu versuchen, mit ihr Kontakt aufzunehmen. Grundlage ist das Gewaltschutzgesetz. Doch Mehmet Y. bleibt uneinsichtig. In den Ermittlungsakten sind Drohungen protokolliert: „Wenn deine Schwester mich verlässt, steche ich euch ab!“ Oder auch „Wenn du mich verlässt, schieße ich dir in deinen Kopf“.

Mehmet Y. bricht in Tränen aus

Im Februar 2011 geht Feride erneut zur Polizei und zeigt ihren Mann an, weil er immer wieder gegen die Auflagen verstößt. Ein Ermittlungsverfahren wird eingeleitet. Beamte suchen Mehmet Y. auf, ermahnen ihn, schildern ihm die drohenden Konsequenzen. Es ist eine sogenannte Gefährdungsaussprache, die üblich ist, bevor es zu konsequenteren Sanktionen kommt. Mehmet Y. soll bei diesem Gespräch in Tränen ausgebrochen sein und beteuert haben, sich künftig an die Auflagen zu halten. Doch dieses Versprechen hält kaum einen Tag an. Wieder gibt es Telefonterror, wieder Drohungen und Versprechungen, wieder drückt er sich vor dem Wohnhaus von Ferides Eltern herum.

Am 3. Mai 2011 wird die Ehe geschieden. Schon im Oktober 2010 hatte das Verwaltungsgericht Berlin Mehmet Y. mitgeteilt, dass seine Klage wegen der immer noch nicht erteilten Aufenthaltsgenehmigung abgewiesen werde. Mit der Begründung, dass die Ehe, auf die er sich berufe, nun ja wohl keine Grundlage mehr sei. Mehmet Y. gibt nicht auf, versucht bei der Härtefallkommission eine Verlängerung seines Bleiberechts zu erreichen.

Es gab dazu noch keine Entscheidung, als er am 4. August 2011 mit der scharf geladenen Waffe in der Kolberger Straße vor dem dunkelblauen Mitsubishi stand. Er schoss mindestens zwölf Mal auf den Wagen. Feride, die im Wagen saß, blieb unverletzt. Getötet wurden ihre Mutter und ihre Schwester Leyla. Schwer verletzt wurde ihr Bruder Ferite.

„Ich hatte in der Nacht vor dem 4. August kaum geschlafen“, gab Mehmet Y. am letzten Mittwoch vor dem Schwurgericht zu Protokoll. „Ich fühlte mich unwohl in meiner Haut und nicht mehr geborgen im Leben. Ich hatte Ängste.“ Er wisse nicht, warum das gerade an diesem Tag so war. „Aber es war mir irgendwie klar, dass ich Feride sehen und mit ihr sprechen musste.“ Umbringen oder verletzen wollen habe er niemanden, im Gegenteil. „Gerade meine Schwiegermutter und meine Schwägerin haben mir gegenüber nie ein böses Wort verloren, hieß es in der Erklärung. „Und mit meinem Schwager hatte ich ein gutes Verhältnis.“

Ferite, der Schwager, ist jetzt Nebenkläger in diesem Verfahren. Er saß nur wenige Meter vom Angeklagten entfernt. Aber er blickte in diesem Moment nicht zu ihm herüber. Er schüttelte nur traurig und verständnislos den Kopf.