Daten

iPhone-App bereitet Statistiken über Berlins Kieze auf

Ein Handy-Programm des Amts für Statistik bereitet Daten ansehlich auf. Die App soll so etwa bei der Wohnungssuche helfen.

Foto: BMO

Wie gut die öffentliche Verkehrsanbindung einer potenziellen neuen Wohnung ist, kann man schon auf dem Stadtplan erkennen. Wie viele zu Fuß erreichbare Einkaufs-, Erholungs- und Vergnügungsmöglichkeiten die Nachbarschaft zu bieten hat, verrät meist ein kurzer Spaziergang um den Block. Aber wie erfährt man, wie die liebe Nachbarschaft tickt? Ist sie politikinteressiert? Gibt es viele Kinder? Oder sind die meisten im Kiez eher schon im angenehmen ruhigen Ruhestand? Und auch nicht uninteressant: Wie vielen ledigen Männer oder Frauen kann man beim morgendlichen Gang zum Bäcker begegnen?

Diese Informationen bekam man bisher nur, wenn man entweder beim Nachbarn klingelte oder man die Statistiken des Amt für Statistik Berlin-Brandenburg durchkämmte. Dort bekam man diese Informationen bisher aber nur für ganze Bezirke, nicht für einen spezielles Wohnumfeld aufgeschlüsselt. Das Amt für Statistik Berlin-Brandenburg, 1862 als „Statistisches Bureau“ gegründet, feiert dieses Jahr seinen 150. Geburtstag. Am Mittwoch, ein Jahr nach dem Beginn des Zensus 2011, wurde das Jubiläum offiziell gefeiert und den Berlinern eine Art Geburtstagsgeschenk gemacht: eine „Kiez-Daten“-App.

Intuitive Bedienung

„Die Smartphone-App soll amtliche Statistik erlebbar machen. Berlin ist auf der Karte der Anwendung in 447 kleinste Räume unterteilt. Mit einem Fingertipp erhält man Daten zur Sozialstruktur, Wohnlage, zu vorhandenen Bildungseinrichtungen und zu den Wahlergebnissen im Kiez der letzten beiden Abgeordnetenwahlen“, sagt die Präsidentin des Amts, Ulrike Rockmann.

Einmal installiert, lässt sich die Gratis-App intuitiv bedienen. Mit dem Zeigefinger verschiebt man den Berliner Stadtplan. Wenn man will, kann man sich von der App aber auch zu Orten führen lassen. Etwa vor Wohnungsbesichtigungen. Und sollte das neue Domizil beispielsweise unweit des Helmholtzplatzes in Prenzlauer Berg sein, erfährt man per Fingerdruck folgendes: 20.950 Menschen wohnen hier zwischen Danziger und Wichertstraße. 73 Prozent von ihnen sind ledig. Verglichen mit den Berliner Gesamtwerten – 38 Prozent der Berliner Frauen und 45 Prozent der Berliner Männer sind laut aktuellem Mikrozensus unverheiratet – ein vergleichsweise hoher Wert.

Ist man also ungebunden auf der Suche, stehen – zumindest die statistischen – Chancen für eine Romanze in der nächsten Nachbarschaft ausgesprochen gut. Das Haus verlassen muss man natürlich selber. Sollte man um die 30 Jahre alt sein, sind die Chancen, dass man auf Menschen seiner Altergruppe trifft, ebenfalls noch mal hoch. Das Durchschnittsalter im Helmholtzkiez beträgt 34 Jahre.

Das Gerücht, dass es auf den Straßen von Prenzlauer Berg kaum jemanden älter als irgendwasundvierzig gibt, wird von der App als Tatsache bestätigt.

Die über 55-Jährigen kommen hier auf den mageren Anwohneranteil von nur 7,9 Prozent. Kinder unter sechs Jahren dagegen kommen auf gut neun Prozent. Ein für alle Mal lässt sich festhalten: Es ist wahr. Rund um den Helmholtzplatz gibt es mehr Kinder als Erwachsene im besten Alter. Gewählt wird – auch das entspricht den urbanen Mythen – vorwiegend Grün. Positiv zu verzeichnen ist die über dem Durchschnitt liegende Wahlbeteiligung von knapp 69 Prozent.

Die Nachbarschaft ist politisch interessiert. Und flexibel: Zieht man an den Helmholtzplatz, muss man sich darauf einstellen, dass einem die Nachbarn nicht allzu lange erhalten bleiben: Die Fluktuation ist hoch. Weniger als die Hälfte der Bewohner wohnen hier schon länger als fünf Jahre. 3844 Bewohner verließen den Helmholtzkiez im Jahr 2010. 340 weniger kamen im gleichen Jahr wieder hinzu.

In der Umgebung gelegene Schulen, werden auf dem Handydisplay durch farbige Stecknadeln angezeigt: Privatschulen tragen ein rotes Köpfchen, Grundschulen ein grünes und Sekundarschulen, wie die Trelleborg-Schule am Eschengraben, haben einen lila-farbenen Stecknadelkopf. Tippt man auf eine Nadel, erfährt man, wie viele Schüler hier täglich büffeln und die Telefonnummer, unter der man die Schule erreichen kann.

Zudem verteilt das Statistikamt Qualitäts-Prädikate, die von einfacher bis gute Wohnlage reichen. Die Bewertung richtet sich dabei nach Kategorien wie Bebauungsdichte, Vorkommen von Grünflächen und den Gebäudezuständen. Übersichtliche Rankings wie „Welche Kieze bieten derzeit die besten Wohnlagen Berlins?“ oder „In welchem Kiez wohnen die meisten Ledigen, Kinder oder Menschen in Lebenspartnerschaften?“ gibt es leider nicht.

Weitere Daten sind möglich

„Wir wollen erst mal testen, wie die App ankommt. Sollte es gut laufen, können wir auch weitere Datensätze hinzunehmen. Informationen zu Kindertagesstätten und Einkaufsmöglichkeiten wären dann der nächste Schritt“, sagt Rockmann.

Die Kiez-Daten-App ist bislang nur für Apples iPad und iPhone erhältlich. Die Nutzer anderer Smartphone- oder Tablet-PC-Betriebssysteme müssen weiterhin ohne statistische Unterstützung zur Wohnungsbesichtigung gehen und sich – wie bisher auch – bei der Kiez-Wahl auf ihr Gefühl verlassen.

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