Familienfehde

Clan-Mitglieder liefern sich in Berlin Massenschlägerei

50 Mitglieder arabischer Clans haben in Neukölln einen Polizeigroßeinsatz ausgelöst. Sie gingen mit Messern und Holzlatten aufeinander los.

Foto: dpa

Eine gewalttätige Auseinandersetzung zwischen Angehörigen zweier arabischer Familienclans hat in Neukölln einen Großeinsatz der Polizei verursacht. Auslöser war der Angriff von vier noch nicht identifizierten Männern auf einen Mann, der sich vor einem Café an der Hermannstraße aufhielt. Die Täter griffen den 50-Jährigen am Mittwochabend gegen 21 Uhr mit Holzlatten und einem Messer an. Obwohl er die Angreifer abwehren konnte, entwickelte sich nach und nach eine Massenschlägerei, an der etwa 50 Männer aus verfeindeten Lagern teilnahmen.

Mit Messer und Holzlatten

Die Polizei musste mehrfach Verstärkung anfordern und hatte größte Mühe, die Lage in den Griff zu bekommen. Dies gelang erst, als 120 Polizisten gleichzeitig die Kontrahenten auseinanderbrachten. Sie konnten aber nicht verhindern, dass die eigentlichen Angreifer, die die Schlägerei ausgelöst hatten, entkamen. Drei andere junge Männer wurden vorübergehend festgenommen, nachdem sie Polizeibeamte angegriffen hatten. Der Anlass, aus dem der 50-Jährige vor dem Café attackiert worden war, blieb weitgehend ungeklärt.

Die Aussagen von Zeugen und des Opfers ergeben folgendes Bild: Der 50 Jahre alte Hussein El-K. saß gegen 21 Uhr vor einer Bäckerei und trank einen Kaffee. Plötzlich tauchen vor ihm vier Männer auf, die kurz zuvor aus einem Auto gestiegen waren. Einer der Unbekannten bedroht El-K. mit einem Messer, seine Komplizen sind mit Holzlatten bewaffnet. Die Angreifer beschimpfen den 50-Jährigen erst auf Arabisch, dann plötzlich schlagen sie auf ihn ein. Doch El-K. wehrt sich. Er nimmt seinen Stuhl und kann die Schläge abwehren. Jetzt mischen sich andere Männer ein, offenbar Bekannte des Angegriffenen. Einer von ihnen alarmiert die Polizei. Doch als die ersten Beamten des Polizeiabschnitts 55 am Schauplatz nahe der Kreuzung Kienitzer Straße eintreffen, sind die vier Angreifer verschwunden. Stattdessen hat sich eine Menschenmenge von etwa 50 aufgebrachten Männern vor dem Café gebildet; etliche von ihnen schlagen aufeinander ein. Fäuste fliegen, Schreie gellen durch die Straße. Die Lage ist für die Funkstreifenbesatzung unübersichtlich und droht zu eskalieren. Die Beamten können nicht einschätzen, ob die Kontrahenten Messer oder gar Schusswaffen dabei haben und sie einsetzen werden. Zudem sind an die 100 Schaulustige erschienen, die die Prügelei beobachten.

Die Polizisten rufen Verstärkung. Außer Gruppenstreifen des Abschnitts 54 treffen Mannschaftswagen einer Einsatzhundertschaft in der Hermannstraße und auch Hundeführer ein. Die Beamten bilden eine Kette, um die streitenden Gruppen voneinander fernzuhalten. Eine weitere Hundertschaft wird von Kreuzberg abgerufen.

Als eine ältere Frau mit Kopftuch, die die Polizeibeamten offenbar nicht versteht und die Sperre ignoriert, von einem Polizeihund angesprungen wird, richtet sich die Wut der Menge gegen die Polizisten. Jugendliche sehen den Zwischenfall und gehen gegen einige Beamte vor. Drei junge Männer im Alter von 17 bis 19 Jahren werden daraufhin überwältigt und vorläufig festgenommen. Nach rund einer Stunde entspannt sich die Lage schließlich. Ein Polizist ist leicht verletzt. Sanitäter eines Rettungswagens versorgen einige Menschen, die nach dem Einsatz von Pfefferspray über Augenreizungen klagen.

Kritik der Polizeigewerkschaft

Hinter dem Streit der beiden Familienclans soll nach Zeugenangaben ein Streit stehen, der seinen Anfang während einer Hochzeitsfeier vor mehreren Wochen genommen hat. Einzelheiten sind derzeit aber noch unklar. Die Polizei wollte diese Version am Donnerstag jedoch nicht bestätigen. Und von den bisher namhaft gemachten Beteiligten sei niemand als Straftäter bekannt, sagte ein Polizeisprecher. Neuköllns Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky (SPD) sieht den Vorgang als Einzelfall: „Dass es sich dabei um ein Massenphänomen handelt, kann ich nicht bestätigen.“ Für die Gewerkschaft der Polizei (GdP) stellen massive Einsätze wie auf der Hermannstraße dagegen ein Sicherheitsproblem dar. „Die dafür abgezogenen Kräfte fehlen bei der vorbeugenden Verbrechensbekämpfung, ganze Gegenden sind dann ohne Polizeipräsenz“, sagt GdP-Landesgeschäftsführer Klaus Eisenreich. Die Polizei sei außergewöhnlichen Sicherheitslagen wie größeren Zusammenrottungen und Auseinandersetzungen, besonders nachts, nur noch unter größten Anstrengungen gewachsen. Dafür müssten aus allen Berliner Bezirken Polizistinnen und Polizisten alarmiert werden, die dann dort nicht mehr zur Verfügung stünden. Die Polizei arbeite nur noch nach dem Feuerwehrprinzip: „Wir kommen nur, wenn wir gerufen werden.“