Gewerkschafts-Demos

Tausende protestieren gegen ungerechte Löhne

Beim Aufmarsch der Gewerkschaften haben Tausende eine gerechtere Entlohnung gefordert. Redner waren auch aus anderen Ländern angereist.

Foto: DAPD

Bis vor Kurzem hatte Eva nach eigenem Bekunden keine Ahnung von Gewerkschaften. Gerechte Löhne für alle, das habe sie ganz abstrakt natürlich immer schon für eine gute Forderung gehalten, sagt die 28-Jährige aus Prenzlauer Berg. „Doch was konkret dahinter steckt, das merkt man dann doch oft erst, wenn man selbst betroffen ist.“

Nun ist Eva betroffen. Gemeinsam mit ihrer Kollegin Leonie fordert sie nicht einfach einen gerechten Lohn, sondern überhaupt einen. Zum ersten Mal ist sie bei der traditionellen Demonstration der Gewerkschaften am 1. Mai dabei.

„Wir demonstrieren heute, weil wir als Psychotherapeuten in Ausbildung an Berliner Kliniken eingesetzt werden und dafür null Euro bekommen“, sagt Leonie. „Dabei sind wir schon fertige Diplom-Psychologen.“

Gemeinsam mit rund 6000 anderen Menschen ziehen Leonie und Eva, die sich bei Ver.di engagieren, bei der Demonstration der Gewerkschaften zum 1. Mai am Dienstagmorgen durch die Innenstadt.

Treffpunkt der einzelnen Gruppen ist der Hackesche Markt, am Brandenburger Tor geht die Demonstration mit einer Kundgebung und einem großen Fest auf der Straße des 17. Juni zu Ende.

Protest gegen Leiharbeit

Schon während des Marsches herrscht Straßenfeststimmung, trotz der ernsten Forderungen nach mehr Lohn, nach mehr sozialer Gerechtigkeit, nach dem Ende von Leiharbeit und prekärer Beschäftigung. Die Demonstranten tragen rote Nelken am Revers, die Trommel-Gruppe der IG-Metall macht Stimmung, zwischen Rentnern mit roten Ver.di-Mützen hüpfen Kleinkinder an den Händen ihrer Eltern.

Alle paar Meter wird Sonnencreme aus einer Tasche hervor geholt und nachgecremt, schon am Vormittag ist es in Mitte heiß. Entlang der Route filmen und fotografieren unzählige Touristen die Demonstranten wie Sehenswürdigkeiten.

Etwas ruppiger wird die Stimmung nur kurzzeitig, als der Demonstrationszug das Thomas-Dehler-Haus an der Reinhardtstraße passiert. Die FDP-Bundeszentrale reizt die Gewerkschafter, zwei politische Gegenpole treffen aufeinander.

„Verbrecher“, rufen manche, „olle drei-Prozent-Partei“ andere, die Trillerpfeifen schrillen. Hans, 64, aus Wilmersdorf, beobachtet die Szene mit zufriedenem Gesichtsausdruck. Seit Jahren ist er nach eigener Aussage bei der Demo am 1. Mai dabei.

„Für mich ist die Botschaft von jedem 1. Mai, die Freiheit zu verteidigen, die wir haben“, sagt der Rentner, der von Beruf Physiker ist. „Wir haben das Glück in einem Land zu leben, in dem wir demonstrieren dürfen, und dieses Recht will ich wahrnehmen“, sagt er.

Redner untereinander ausgetauscht

Am Brandenburger Tor verteilen sich die Demonstranten vor der Bühne und zwischen den Ständen. 12.000 bis 15.000 Menschen seien gekommen, sagt der Veranstalter, der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB). Besonders die europäische Dimension am Tag der Arbeit will der DGB in diesem Jahr betonen.

Überall in Europa gingen die Gewerkschaften an diesem Tag auf die Straße, heißt es. „Solidarität“ steht auf dem alten roten Banner, das vor dem Demonstrationszug hergetragen wird.

Um das Wort mit Leben zu füllen, haben die Gewerkschaften Europas untereinander Redner ausgetauscht. Doro Zinke, DGB-Vorsitzende Berlin-Brandenburg, spricht in Oslo, der spanische Gewerkschafter Ramón Górriz am Brandenburger Tor.

Doch vor Górriz ist Ulrich Thöne an der Reihe, Vorsitzender der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft. Thöne zeichnet ein düsteres Bild von der Lage in Europa. Er spricht von der Jugendarbeitslosigkeit in Spanien, von Griechenland in der Hand der Finanzmärkte und vom Ausverkauf der öffentlichen Haushalte in Deutschland.

„Demokratie gibt es nur noch dort, wo es nicht um Finanzen geht“, sagt Thöne. „Wir brauchen jetzt dringend eine Wende.“ Thöne fordert, die Reichen stärker zu besteuern und in Bildung zu investieren. „Wir selbst müssen den politischen Kurswechsel herbeiführen, niemand wird uns diese Arbeit abnehmen.“