Tag der Arbeit

Protestforscher erwartet "turbulenten 1. Mai" in Berlin

Dieter Rucht spricht mit Morgenpost Online über den Versuch linker Gruppen, am Tag der Arbeit das Thema Gentrifizierung populär zu machen.

Foto: David Heerde

Der Soziologe Dieter Rucht ist einer der führenden Experten auf dem Gebiet der sozialen Bewegungen und Proteste in Deutschland. Der 65-Jährige ist seit Juni 2011 im Ruhestand, forscht aber weiterhin und dreht auch Dokumentarfilme. Zuletzt leitete er am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) die Forschungsgruppe Zivilgesellschaft, Citizenship und politische Mobilisierung.

Morgenpost Online: Herr Rucht, seit 25 Jahren kommt es am und vor dem 1. Mai immer wieder zu Ausschreitungen. Wie sieht ihre Prognose für den 1. Mai 2012 aus?

Dieter Rucht: Ich glaube, dass es in diesem Jahr wieder etwas turbulenter zugehen könnte. Es gibt Anzeichen, dass die linke Szene militanter auftritt. Dafür sprechen etwa die Brandanschläge auf die Telekom-Fahrzeuge in Prenzlauer Berg, verschiedene Graffiti und auch aggressive Äußerungen im Internet. Darüber hinaus könnte Innensenator Frank Henkel von vielen als Reizfigur angesehen werden. Viel entscheidender werden jedoch die Tage unmittelbar vor dem 1. Mai und die Konfliktdynamiken vor Ort an diesem Tag sein. Wenn etwa eine genehmigte Demonstrationsroute kurzfristig geändert wird, könnte das dazu führen, dass die Situation eskaliert. Solche situativen Momente, die gar nicht absehbar sind, bestimmen zu einem großen Teil, ob es zu Gewalt kommt oder nicht.

Morgenpost Online: Sie beobachten die Entwicklungen des 1. Mai bereits seit 25 Jahren. Wie hat sich die Protestbewegung in dieser Zeit verändert?

Dieter Rucht: Die Bedeutung der gewerkschaftlichen Proteste hat abgenommen. Heute gleichen sie eher einem Volksfest mit politischen Reden und geselligem Beisammensein. Ihre Botschaften werden nur noch zum Teil wahrgenommen. Auch innerhalb der linken Szene ist der politische Gehalt etwas in den Hintergrund getreten. Zugenommen haben dagegen Demonstrationen und Kundgebungen durch rechtsextreme Parteien und Gruppierungen, die versuchen, auch am 1. Mai Präsenz zu zeigen, was wiederum zu Gegendemonstrationen führt.

Morgenpost Online: Wie sieht es denn innerhalb der linken Szene aus?

Dieter Rucht: Die Themen und Gruppen haben sich im Laufe der Jahre stark ausdifferenziert. Während es nach 1987 zunächst nur eine „Revolutionäre 1. Mai“-Demonstration gegeben hat, sind später eine zweite und eine dritte mit jeweils anderen Trägergruppen und Themenschwerpunkten dazugekommen. Die linke Szene tendierte schon immer zu aktuellen Themen, die sie mit dem Kampf gegen das „System“ oder das „Kapital“ zu verbinden sucht. Deshalb wird auch dieses Jahr „Gentrifizierung“ eine große Rolle spielen.

Morgenpost Online: Ist dieses Thema denn ein wirkliches Kernanliegen oder vielmehr der Versuch, eine möglichst große Bevölkerungsgruppe für sich zu gewinnen?

Dieter Rucht: Gentrifizierung ist nicht das Kernanliegen der Szene. Es wird aber genutzt, um eine Verbindung zu den eher unpolitischen Teilen oder der Mitte der Bevölkerung herzustellen, gemäß dem Motto: Wenn wir Dinge aufgreifen, die viele Menschen im Kiez betreffen, können wir eine Brücke schlagen.

Morgenpost Online: Ist diese Strategie denn erfolgreich?

Dieter Rucht: Nur bedingt. Ich glaube, dass viele Menschen etwa die Forderung, dass Mieten bezahlbar bleiben müssen, richtig finden. Sie sind jedoch nicht damit einverstanden, dass zu Gewalt aufgerufen oder die gewalttätige Konfrontation mit der Polizei geradezu provoziert wird. Begeisterung rufen solche Aktionen dann eher bei erlebnishungrigen Jugendlichen hervor, die es einfach spannend finden, sich ein Katz-und-Maus-Spiel mit der Polizei zu liefern. Diese handeln nicht aus politischen Motiven, sondern aus Spaß am Krawall.

Morgenpost Online: Im Internet läuft sich die linke Szene schon seit Wochen warm und ruft zu Gewalt auf. Ist das dann nicht kontraproduktiv?

Dieter Rucht: Die linke Szene bildet keine Einheit. Manche verstehen sich als revolutionäre Kämpfer, als Anarchisten, Autonome, Anti-Imperialisten oder Marxisten/Leninisten. Nur Teile dieser Gruppierungen sind wirklich gewaltbereit. Ein anderer Teil von ihnen, und die gemäßigte Linke ohnehin, lehnt Gewalt aus taktischen oder prinzipiellen Gründen ab, sei es, um für andere Menschen anschlussfähig zu bleiben, oder aus moralisch-humanistischen Erwägungen.

Morgenpost Online: Gibt es denn den „typischen“ Autonomen heute noch?

Dieter Rucht: Früher, in den 80er- und 90er-Jahren, ja. Heute eher nicht mehr. Der typische Autonome von früher zeichnete sich durch eine Ideologie aus, die stark auf das Konzept der Selbstbestimmung, Individualität und – wie das Wort schon sagt – Autonomie setzte. Hierarchien und organisatorische Disziplin werden abgelehnt. Grundlegend ist ein subjektivistisches Politikkonzept, das immer noch von revolutionären Vorstellungen inspiriert ist. Heute ist das Spektrum vielschichtiger. Zwar gibt es immer noch die typischen Autonomen, hinzugekommen sind nun aber Antifaschisten, die sich dem Kampf gegen Rechtsextremismus verschrieben haben, und diejenigen, die, wie die Interventionistische Linke, Provokation und Gewalt ablehnen, weil es den eigenen Anliegen schadet. Sie wollen eher eine Brücke zwischen den radikalen und den gemäßigteren Linken schlagen.