Nach Urteil

Toter Tätowierer - Täter geht zunächst in Entzugsklinik

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Hans H. Nibbrig

James S. tötete einen Berufskollegen mit Beilhieben und zerstückelte die Leiche. Der Richter spricht von einem „mittelalterlichem Vorgehen“.

„Was läuft hier, der Tätowierer-Mord?“. Die Lehrerin, die im Kriminalgericht Moabit auf der Suche nach einem geeigneten Prozess ist, den sie mit ihrer Schulklasse verfolgen kann, winkt entschlossen ab: „Nichts für Zwölfjährige.“ Wie recht die Pädagogin mit dieser Einschätzung hat, wird deutlich, als der Vorsitzende Richter Ralph Ehestädt am Donnerstagvormittag das Urteil des Schwurgerichts gegen den Amerikaner James S. verkündet. Zehn Jahre und sechs Monate Freiheitsstrafe erhält der 30 Jahre alte Tätowierer, weil er im vergangenen Sommer in Köpenick einen österreichischen Berufskollegen mit mehr als 50 Beilhieben tötete und dann dessen Leiche zerstückelte.

In der einstündigen Urteilsbegründung geht der Vorsitzende nochmals ausführlich auf die Tat ein, deren Einzelheiten geeignet sind, nicht nur bei minderjährigen Schülern Entsetzen hervorzurufen. Dabei greift Ehestädt zu drastischen Formulierungen. Bestialisch sei die Tat gewesen, in ihrer einzigartigen Grausamkeit völlig aus dem Rahmen fallend und an mittelalterliche Vorgehensweise erinnernd.

An einem Julitag 2011 entdecken Spaziergänger am Spreeufer in Oberschöneweide einen Rollkoffer mit einem menschlichen Torso. Ganz in der Nähe des Fundortes werden kurz darauf die zu dem Torso gehörenden Arme und Beine gefunden und nur wenige Tage später taucht am Schäfersee in Reinickendorf der förmlich zerhackte Kopf auf. Die Mordkommission findet schnell heraus, dass es sich um die Überreste des in Berlin lebenden Österreichers Raoul Schmidhuber handelt. Bald danach gelangen die Ermittler auf die Spur von James S., der sofort ein Geständnis ablegt.

Die Staatsanwaltschaft erhebt zunächst Anklage wegen Mordes in besonderer Grausamkeit. Der Vorwurf wird später in Totschlag abgemildert. Denn S. ist zur Tatzeit stark betrunken, 2,7 Promille ermittelt ein Sachverständiger.

Nach dem Ende der Beweisaufnahme geht das Gericht davon aus, dass der Tat ein üppiges Trinkgelage von Tätern und Opfer vorangegangen ist. Der Alkohol spielt im gesamten Prozess und auch bei der Urteilsfindung durch das Gericht eine wichtige Rolle. S. ist nach Einschätzung der Richter in hohem Maße alkoholkrank. Zwei bis drei Flaschen Wodka und andere hochprozentige Getränke soll er täglich konsumiert haben, um über den Tag zu kommen und seinen Beruf als Tätowierer ausüben zu können, beschreibt der Vorsitzende den Zustand von James S. Im Urteil wird das berücksichtigt. Der 30-Jährige muss seine Freiheitsstrafe zunächst nicht in einer Haftanstalt antreten, sondern in einer Entzugsklinik des Maßregelvollzugs.

Strafmildernd werten die Richter nicht nur den stark alkoholisierten Zustand des Täters zur Tatzeit, sondern auch sein umfassendes Geständnis. Damit habe James S. wesentlich zur Aufklärung des Geschehens und zu einem zügigen Prozessverlauf beigetragen, attestiert ihm der Vorsitzende. Dem gegenüber stehen die außergewöhnliche Grausamkeit der Tat und die offenbar schon seit längerem vorhandene Gewaltbereitschaft von S. Der Amerikaner saß bereits in den USA fünf Jahre in Haft, bevor er Anfang 2011 nach Berlin kam. Zehneinhalb Jahre, die Strafe, die zuvor auch der Staatsanwalt gefordert hat, seien angemessen, befindet das Gericht. Im Prozess sagte James S. mehrfach, seine eigene Tat nicht erklären zu können, und bittet die Angehörigen des Opfers um Verzeihung. Der Bruder des Opfers, der als Nebenkläger auftritt, hört dabei regungslos zu. Für ihn ist das Strafmaß zweitrangig. „Keine Strafe kann ein ausgelöschtes Leben sühnen“, sagt seine Anwältin nach dem Ende des Prozesses.