Wahre Werte

Zu Toleranz verpflichten

Wir stellen Menschen vor, die für wahre Werte stehen.

Foto: Reto Klar

Toleranz findet sie nur selten gut. Nuran Yigit spricht lieber über Unterdrücker und Befreiung, ruft zur Parteilichkeit auf und sagt, es gehe um Respekt. Wer sich nur oberflächlich mit ihr beschäftigt, könnte die Projektleiterin für engstirnig halten, aber das wäre ein Fehler. Yigit ist eine nachdenkliche Frau, die neue Perspektiven eröffnet. Die Projektleiterin des Antidiskriminierungsnetzwerkes, getragen vom Türkischen Bund Berlin-Brandenburg, berät Menschen, die sich rassistisch diskriminiert fühlen. Unser Gespräch beginnt mit einem „Riesenerfolg“, wie sie sagt. Es ist ein Fall, der in Berlin eine weitere Debatte über Toleranz befeuern könnte. Das Antidiskriminierungsnetzwerk hat soeben einen wichtigen Fall vor Gericht gewonnen.

Eine junge Muslima bewirbt sich für eine Ausbildung beim Zahnarzt. Ihre Qualifikationen überzeugen, sie soll die Stelle bekommen. Sie muss ohne Kopftuch zur Arbeit erscheinen, sagt der Arzt. Es sei ein Symbol für die „Unterdrückung der Frau“. Die Bewerberin klagt dagegen und bekommt Recht. Der Arzt muss drei Monatsgehälter Entschädigung zahlen.

Morgenpost Online: Frau Yigit, ist der Zahnarzt nicht tolerant genug?

Nuran Yigit: Es wäre tolerant gewesen, wenn er die Bewerberin eingestellt hätte. Aber Toleranz heißt ja nur so viel wie „ertragen“ oder „erdulden“. Vielmehr muss es um Respekt und Wertschätzung gehen. Mich hat gefreut, was der Richter gesagt hat: In anderen Ländern sei es normal, dass Menschen mit Turban oder Kopftuch überall arbeiten. Das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz könnte aus seiner Sicht als Programm zur Erziehung in Deutschland dienen.

Morgenpost Online: Kritik am Frauenbild im Islam ist häufig.

Yigit: Das Absurde ist doch: Wenn man dieses Argument ernst nimmt, dass die Frau unterdrückt sei, gerade dann hätte der Arzt sie einstellen müssen. Ausbildung ist der Weg in ein selbstbestimmtes Leben. Stattdessen unterdrückt er selbst sie.

Morgenpost Online: Welche wahren Gründe sehen Sie?

Yigit: Wir nennen das antimuslimischen Rassismus. Die negativen Debatten über den Islam führen zu einer Schamlosigkeit im Alltag. Den Arbeitgeber hat nicht zu interessieren, ob die Frau gezwungen wurde, Kopftuch zu tragen oder ob sie es aus Überzeugung tut. Sondern, ob sie qualifiziert ist und gut arbeiten wird. Die Wahrheit ist, dass alle Gesellschaften patriarchalisch sind. Oder warum verdienen Frauen in Deutschland immer noch weniger? Statt das zu reflektieren, konstruiert der Arzt ein „Wir“, die Guten, und „Die“, die Rückständigen. Er hat Macht, seine Meinung durchzusetzen.

Morgenpost Online: Macht verpflichtet zur Toleranz?

Yigit: Ja, Macht und Privilegien. Wir müssen uns klarmachen, welchen Einfluss uns Institutionen geben. Persönliche Meinungen zu Themen wie Religion oder Sexualität gehören da nicht hin. Niemand darf diskriminiert werden. Das ist ein Anspruch, den Machthaber verinnerlichen müssen.

Morgenpost Online: Kann Toleranz auch furchtbar sein?

Yigit: Toleranz heißt sicherlich nicht zuzusehen, wie andere ihren Mist abladen. „Mir ist das egal“, diese Haltung ist ja in Berlin auch zu beobachten. Die Kehrseite ist, dass auch bei anderen Dingen weggeschaut wird, bei Gewalt oder Armut. Betroffene erzählen oft, dass sie das Schweigen der anderen am meisten verletzt. Hier darf es keine Toleranz geben.

Eine junge Familie wohnt in einem Stadtteil mit hohem Migrantenanteil. Sie empfinden ihren Kiez als inspirierend. Doch als ihr Kind schulreif wird, ziehen sie weg. Begründung: Sie wollen es nicht in eine Klasse geben, wo nur deutsche Muttersprachler in der Minderheit seien.

Morgenpost Online: Klingt doch so, als sei diese Familie grundsätzlich tolerant?

Yigit: Ich sehe da eine Doppelmoral. Einerseits schätzt die Familie das Multikulturelle, sie lassen ihr Leben davon bereichern. Wenn es aber darum geht, Verantwortung zu übernehmen, gehen sie, auch weil sie das finanzielle Privileg dazu besitzen. Persönlich will ich das niemandem übel nehmen, aber die Struktur ist ein Problem. Auffällig ist, dass es in Kitas diese Probleme meist noch nicht gibt, wahrscheinlich empfinden Eltern die Betreuung dort als besser. Die Frage muss also lauten: Was trauen Eltern der Schule zu? Lehrer müssen Vielfältigkeit fördern, das weitet den Blick der Kinder, sie erlernen Schlüsselkompetenzen: Respekt, von mir aus auch Toleranz.

Eine Referendarin spricht in der Pause mit einigen Schülern türkisch. Die Schulleitung verbietet das. Am Ende ihrer Ausbildung verlässt sie die Schule.

Morgenpost Online: Hätte die Referendarin die Schulregel nicht tolerieren müssen?

Yigit: Die Sprache im Unterricht muss Deutsch sein, da sind sich doch alle einig. Aber Regeln dürfen nicht starr sein, sie müssen ausgehandelt werden. Die Frage ist: Hat die Schulleitung wirklich mit der Referendarin gesprochen, sie ernst genommen oder nur angeordnet? Einerseits rufen nahezu alle nach Lehrern mit Migrationshintergrund. Aber dann muss man sie mit ihren Vorstellungen auch ernst nehmen. Und sie gegen Diskriminierung schützen.

Morgenpost Online: Aber es gibt sachliche Gründe dafür, dass Lehrer im Dienst deutsch sprechen.

Yigit: Klar, und diese Lehrerin hat das auch so gemacht. Aber man muss ihrem pädagogischen Feingefühl auch vertrauen. Vielleicht ist sie ganz speziell an einige Kinder auf diese Weise besser herangekommen. Und die Muttersprache ist auch ein Grundrecht. Die Schule jedenfalls hat eine Chance verpasst, mit Eltern und Schülern gemeinsam neue Regeln aufzustellen. Sie hat eine gute Lehrerin verloren.

Morgenpost Online: Brauchen Schulen nicht Autorität?

Yigit: Schulen brauchen mehr Demokratie. Regeln müssen begründbar sein und verstanden werden. Wie will man Perspektiven erarbeiten, wenn man nur bei den alten bleibt? Muss ein Fest am Ende des Jahres Adventsfest heißen? Kann es nicht einfach ein gemeinsames Fest sein? Oder gibt es Feste für Feiertage aller Kinder? Macht der Tradition alleine, das ist ein schlechtes Argument in einer sich verändernden Gesellschaft.

Morgenpost Online: Monotheistische Religionen – Judentum, Christentum, Islam – haben durchaus Anspruch, exklusiv gültig zu sein.

Yigit: Dann hat Religion als Lehrfach in der Schule nichts zu suchen. Natürlich soll über sie gesprochen werden, als Lebenskunde, aber religiöse Erziehung an sich ist private Sache. Und selbstverständlich müssen Schulen ihre Schüler ebenso vor religiös begründeten Übergriffen schützen wie vor anderen Angriffen.

Morgenpost Online: Oft heißt es, in islamischen Ländern haben es Christen auch schwer.

Yigit: Vergleiche zu ziehen, lenkt von der Lösung ab. Was interessiert mich in diesem Zusammenhang, was in anderen Ländern passiert? In Deutschland gilt Religionsfreiheit, das ist der Boden, auf dem wir uns hier bewegen.

Eine Frau mit polnischem Führerschein will ein Auto mieten für die Firma, in der sie arbeitet. Der Anbieter, ein großer Autovermieter, lehnt das ab mit der Begründung, es werde nur an Personen mit deutschem und mit EU-Führerschein vermietet. Einige Fahrer, die in Deutschland keine Fahrerlaubnis mehr haben, würden sich in Osteuropa eine holen. Davor müsse die Vermietung sich schützen.

Morgenpost Online: Die Autovermietung hat offenbar schlechte Erfahrungen gemacht.

Yigit: Diese Autovermietung handelt rassistisch. Es ist Aufgabe des Staates, ein Fahren ohne Erlaubnis zu sanktionieren – und nicht die der Vermieter, das haben uns Juristen bestätigt. Wo kämen wir nach dieser Logik hin, nach einer schlechten Erfahrung eine ganze Gruppe auszuschließen? Besonders große Unternehmen müssen vor Diskriminierung schützen. Das Risiko, dass es in Einzelfällen schiefläuft, gehört eben dazu.

Morgenpost Online: Welche Rolle spielt Toleranz beim Zugang zu Gütern?

Yigit: Die Machtverhältnisse in unserer Gesellschaft sind ungleich verteilt. Deshalb verstehen wir uns als Berater parteilich, wir glauben unseren Klienten. Weiße Deutsche genießen Privilegien, die sie nicht abgeben wollen. Je knapper Güter werden, desto mehr Diskriminierungen registrieren wir. Beim Wohnraum etwa ist das besonders gravierend. Einigen Bewerbern mit nicht deutsch klingenden Namen wird von Maklern erzählt, die Wohnung sei bereits vergeben, aber sie laden den nächsten Anrufer zur Besichtigung ein.

Morgenpost Online: Muss das rassistisch begründet sein?

Yigit: Nicht nur. Differenzlinien verlaufen auch beim sozialen Status und beim Bildungsgrad, es kommt oft zu mehrdimensionalen Diskriminierungen. Ein alleinstehender Manager bekommt überall eine Wohnung, egal, wie er aussieht. Aber Nachbarschaftskonflikte werden schnell rassistisch geführt: Kinderreichtum, fremdes Essen, Schuhe vor der Haustür – das wird benutzt, um Menschen aus dem Haus zu mobben. „In diesem Haus wohnen keine Türken“, solche Sätze sind von Vermietern nicht selten, um vermeintlich den Wert ihres Hauses zu steigern.

Eine Berufsschülerin will ihr Praktikum in einer muslimischen Firma absolvieren. Sie trägt Kopftuch und Gewand und will auch den Raum dort zum Beten nutzen. Sie erhält aber eine Absage. Das Mädchen sagt, kein anderes Praktikum zu finden, wo sie mit ihrer Kleidung und ihrem Glauben akzeptiert werde. Die Schule kündigt den Lehrvertrag.

Morgenpost Online: Ist der Anspruch okay, nur in einer muslimischen Firma zu arbeiten?

Yigit: Wenn es ihr Wunsch ist, spricht nichts dagegen. Es gibt ethnische Wirtschaftszweige, das ist eine Frage des Angebotes und der Nachfrage. Firmen etwa, die viele muslimische Kunden haben und entsprechende Mitarbeiter wollen. Wenn ein Christ bei einem religiösen sozialen Träger arbeiten will, hat auch niemand was dagegen.

Morgenpost Online: Einige Muslime sagen, sie nerve die Opferrolle einiger Glaubensgenossen.

Yigit: Natürlich gibt es Menschen, die sich alles mit ihrem Moslem-Sein begründen. Etwa, wenn die Kassierern am Supermarkt zu allen Kunden unfreundlich ist, sie das aber nur auf sich beziehen. Wir Berater weisen in solchen Fällen darauf hin, wenn wir glauben, dass es sich nicht um Diskriminierung handelt.

Morgenpost Online: Hat die geschilderte Berufsschülerin zu früh aufgegeben bei der Suche?

Yigit: Das kann ich so wenig beurteilen wie Sie. Sicherlich hat sie mit Personen gesprochen, die negative Erfahrungen gemacht haben. Auch hier gilt: Menschen müssen daran glauben können, dass es beim nächsten Mal besser läuft. Wenn ein Arbeitgeber sie aufgrund ihrer Kleidung nicht als Praktikantin akzeptiert, heißt das nicht, dass es ein anderer Arbeitgeber ebenfalls nicht will. Wir nennen das Empowerment, wir geben Betroffenen die Kraft, Ausgrenzung nicht zu dulden. Nur so verändern sich Gesellschaften. Frauen etwa hätten doch Jahrhunderte darauf warten können, dass die Männer ihnen ihre Rechte schenken.

Morgenpost Online: Was bedeutet es für Intolerante, wenn die Ausgegrenzten sich wehren?

Yigit: Der Pädagoge Paulo Freire sagt: Auch die Unterdrücker werden befreit. Denn wirklich glücklich sind die mit ihrer Weltsicht nicht.