Streik

So erlebten Berliner und Besucher den Tag ohne Taxis

Taxifahrer haben mit Sternfahrt und Kundgebung für einheitliche Tarife am neuen Flughafen protestiert. In Tegel herrschte Verkehrschaos.

9 Uhr, Flughafen Tegel: „Dieser Streik ist lächerlich“, beschwert sich ein Münchner Geschäftsmann, der namentlich nicht genannt werden will. Gerade ist er in Berlin gelandet und findet nun weder ein Taxi noch einen Bus, der ihn pünktlich zu seinem Termin bringt. Er entschließt sich, direkt zurück nach Bayern zu fliegen. „Was die Taxifahrer hier machen, ist unwürdig für eine Hauptstadt“, sagt er. Auch Regina Förster, Geschäftsreisende aus Rosenheim, steht fassungslos am Taxistand. „Prinzipiell unterstütze ich den Streik, aber heute als Betroffene befürworte ich ihn weniger“, sagt sie.

Mit Sternfahrten und Boykottaktionen haben am Montag rund 3000 Berliner Taxifahrer gegen unterschiedliche Fahrpreise von und zum neuen Hauptstadtflughafen protestiert. Am Hauptbahnhof und an den Flughäfen Tegel und Schönefeld nahmen sie stundenlang keine Fahrgäste auf. Mit Sternfahrten quer durch die Stadt zu einer zentralen Kundgebung am Brandenburger Tor legten sie zeitweise den Verkehr lahm. Es kam zu langen Staus im Umfeld der Protestrouten. Behinderungen gab es zudem im S- und U-Bahnverkehr – wegen Bauarbeiten und einer Signalstörung.

Viele Verwirrte, einige Streikbrecher

An der Taxiwartestelle in Tegel herrscht vor allem Verwirrung. Die meisten Gäste sind über den Streik nicht informiert und haben entsprechende Verspätungen nicht eingeplant. Wer kann, lässt sich vom Geschäftspartner abholen. Wer die Nummer hat, bestellt ein Taxi aus Brandenburg. Das Taxi-Service-Personal empfiehlt, mit öffentlichen Verkehrsmitteln in die Stadt zu fahren. Doch auch hier kommt es zu Verzögerungen. Statt fünf Minuten warten Passagiere eine halbe Stunde auf Busse, da diese die gleichen Fahrspuren wie die Taxen nutzen. Es bleibt die Hoffnung auf einzelne Taxifahrer, die den Streik boykottieren. Diszipliniert warten die Passagiere in zwei Reihen auf unregelmäßig eintreffende Fahrzeuge. Die jeweiligen Taxifahrer möchten sich zu ihrem Streikbruch allerdings nicht äußern.

10 Uhr, Hauptbahnhof: An beiden Haupteingängen stehen lange Menschenschlangen mit Reisenden, die auf ein Taxi warten. Da ruft Taxifahrer Herrmann Gappmaier: „Sie können nach Hause gehen. Hier fährt heute nichts – wir streiken.“ Seit 30 Jahren ist der 59-jährige Steglitzer als Taxifahrer unterwegs. Ihn stört vieles am Berliner Gewerbe, vor allem die Konkurrenzsituation. Deshalb legt er sich an diesem Montagmorgen sogar mit Kollegen an, die am Hauptbahnhof weiterhin Fahrgäste befördern. Teilweise schreibt er ihre Fahrzeugnummern auf. Eine junge Frau schüttelt den Kopf: „Wieso lassen Sie uns denn nicht durch? Ihre Kollegen da hinten wollen doch Fahrgäste befördern!“

Am Hauptbahnhof gibt es genug Streikbrecher, die auf das Geschäft ihres Lebens hoffen. Jede Minute rollt ein neues Taxi an. Zwar müssen die Fahrgäste länger warten, das große Chaos bleibt jedoch aus. „Knapp zehn Minuten warte ich jetzt hier“, sagt eine Reisende aus Hamburg. Von einem Streik wisse sie nichts.

10.30 Uhr: Die Fahrgastschlange am Washingtonplatz hat sich aufgelöst. An der West-Seite des Hauptbahnhofs haben sich noch einige Streikwillige mit ihren Taxis aufgereiht. Im hupenden Autokorso fährt auch Siegfried Liebergesell zur Abschlusskundgebung am Großen Stern mit. Fragt man ihn nach den streikbrechenden Kollegen, winkt er ab: „Ich fahre seit über 30 Jahren Taxi – da eine Einigung bei allen reinzubringen, ist unmöglich“, sagt er.

12 Uhr, Brandenburger Tor, die zentrale Kundgebung. „Wir fordern einen Fahrpreis für ein und dieselbe Leistung. Mit rund 12.000 Beschäftigten sind wir ein wichtiger wirtschaftlicher Teil Berlins, dem ist Rechnung zu tragen“, sagt der Vorsitzende des Berliner Taxigewerbes, Uwe Gawehn. Seine Branche wehre sich gegen das „Diktat des Flughafens“.

Nach Angaben des Berliner Landesverbandes von Taxi Deutschland wenden sich die Taxifahrer gegen die zusätzlich geplante Gebühr von 1,50 Euro am neuen Flughafen BER sowie an Bahnhöfen und Messe-Standpunkten. Außerdem fordern sie einheitliche Tarife für gleiche Strecken auf dem Weg zum und vom Flughafen. Auch die Tarifvereinbarung zwischen Berlin und dem Landkreis Dahme-Spreewald stört die Taxifahrer. Danach gilt von Berlin zum BER der Berliner Tarif, vom Flughafen in die Stadt der teurere des Landkreises.

Nächster Protest bereits geplant

Der Landesvorsitzende von Taxi Deutschland, Stefan Berndt, kritisiert die zusätzliche Belastung, die durch die Flughafengebühr für die Branche entstehe. Der Flughafenbetreiber bekäme bereits genug Geld von den Airlines, um die Infrastruktur aufrecht zu erhalten, da müsse er nicht auch noch das Taxigewerbe ausbeuten, sagt Berndt. Richard Leipold, der Vorsitzende der Berliner Taxivereinigung, kritisiert, dass der unterschiedliche Tarif für die Fahrgäste unverständlich sei. „Betrug ist da doch Tür und Tor geöffnet“, sagt auch Stefan Berndt. Die nächste Demonstration der Taxifahrer ist bereits geplant. Am 7. Mai soll wieder gestreikt werden.