"Meschugge-Partys"

Berlin wird für junge Israelis immer attraktiver

In zehn Jahren hat sich die Zahl der Israelis in Berlin verfünffacht. Die Stadt erleben sie als weltoffen, tolerant und mediterran.

Foto: Amin Akhtar

Vom Hinterhof an der Brunnenstraße in Mitte führt eine enge Steintreppe runter in den Keller. Der Partykeller mit den ausgeleierten Sofas vor rohen Wänden ist an diesem Abend voller Girlanden mit israelischen Fähnchen. Hinter DJ Aviv Netter hängt – im Großformat – die weiß-blaue Nationalflagge mit dem Davidstern.

Das Motto der Partyreihe: „The Unkosher Jewish Night“. Die „Meschugge-Partys“ steigen jetzt schon seit fünf Jahren mit zunehmendem Erfolg. Ein Diaprojektor wirft Fotos an die Wand, zu sehen gibt es den Rücken eines halbnackten jungen Orthodoxen mit Gebetsriemen, aber auch Israels einstige Premierministerin Golda Meir. Gern wirbt Netter mit einem Schwein, diesem als unrein geltenden Tier. „Ich bin Jude und mache Witze über Schweine“, sagt Netter, „und der Himmel ist noch nicht auf die Erde gefallen.“

„Jewish is the new disco“, leuchtet es an der Wand. Die ersten Gäste tanzen nach dieser leicht verrückten Mischung aus Volksliedern, arabischen Klängen, Klezmer, Pop und Hits wie „Dschingis Khan“. Allmählich wird es heiß und laut. Englisch, Deutsch, Hebräisch ist zu hören. So gegen drei Uhr morgens verdichtet sich eine magische deutsch-israelische Euphorie. „Mashiach“ (Messias) ist das Lied auf das hier jeder gewartet hat, und bei „Mashiach oioioi“ singt auch mit, wer nicht Hebräisch kann, zumindest das Oioioi.

Deutschkurse sind ausgebucht

18.000 Israelis leben mittlerweile in Berlin, die Deutschkurse in den Goethe-Instituten in Tel Aviv und Jerusalem sind ausgebucht. Vor fünf Jahren wurde die erste Direktverbindung zwischen Tel Aviv und Berlin eingeführt, heute gibt es an fast jedem Tag mehrere Flüge.

In zehn Jahren hat sich die Zahl der Übernachtungen israelischer Touristen in Berlin verfünffacht. Die Stadt, in der einst die Endlösung beschlossen wurde, ist heute ein beliebtes Reise- und Partyziel für Israelis.

DJ Aviv Netter sieht am nächsten Nachmittag noch etwas verschlafen aus. Der Gast aus Israel verzieht sich vom Ledersofa seines Moabiter Wohnzimmers, Netter bittet an seinen Sofatisch mit der silbernen Paillettendecke. „In Israel war Jüdischsein für mich kein Thema“, sagt er. „Man ist einfach Jude, auch wenn man nicht an Gott glaubt und keine jüdischen Gebetsrituale verfolgt. Erst, seitdem ich in Berlin lebe, frage ich mich dauernd: Was macht mich eigentlich zum Juden?“ Netter verliebte sich bei seinem ersten Besuch in die Stadt und zog vor fünf Jahren um.

Sein Entschluss war vor allem für die Großmutter schwierig: Die frühere Kommunistin – eine Schülerin Rosa Luxemburgs – hatte in Berlin gelebt, bis sie vor dem Zweiten Weltkrieg nach Palästina floh. Netter sagt heute: „Berlin ist die toleranteste Stadt, die ich je gesehen habe.“ Er wohnt mit Polen, Arabern, Türken und Deutschen in einem Haus. „Dass ich das heute sagen kann: ,Ich liebe es, in Deutschland zu leben' ist für mich ein Symbol für den Wandel. Auch in das schrecklichste Dunkel kommt wieder Licht.“

Judentum ist für Netter etwas Cooles. „Ich bin Jude, und ich sehe keinen Grund, darauf nicht stolz zu sein. Ich zelebriere mein Judentum, aber nicht in einem religiösen Sinn.“ Kurz nachdem Netter nach Berlin gekommen war, merkte er, dass er seine Familie, die Traditionen vermisste, die Kerzen auf dem großen Tisch beim Schabbat-Dinner. Am Pessach-Fest, das an dem Auszug der Israeliten aus Ägypten erinnert, besuchte er die Synagoge.

„Ich war nach dem Besuch nicht zufrieden und fühlte, dass das für mich nicht der richtige Weg ist, mein Judentum zu feiern.“ Kurz darauf veranstaltete Netter die erste Party mit jüdischer Musik. „Ich wollte das Leben der Juden zurückbringen nach Deutschland.“ Heute unterstützen ihn seine Fans wie ein Fußballteam. Die „Meschugge Partys“ gibt es mittlerweile auch in Dresden, München, Schwerin. Jüdisch sein ist schick. Netter hat eigentlich jede Woche einen Gast aus Israel. Die Faszination von Berlin hat sich in dem kleinen Land schnell herumgesprochen. „Nächste Woche kommt mein kleiner Bruder mit 16 Freunden. Sie feiern Junggesellenabschied.“

Ortswechsel in die Kastanienallee. Ein älteres Paar betrachtet die Speisekarte, die hebräischen Schriftzeichen, die Zeitungsausschnitte der Internet-Kampagne zwischen Israelis und Iranern „We love you, we would never bomb your country!“ Dann gehen sie weiter. „Das ist typisch“, sagt Zeev Avrahami, der am Tresen des „Sababa“ steht, arabisch für „Alles paletti“. Er blickt auf den breiten Bürgersteig und die Passanten. „Die Deutschen wollen alles wissen über Israel, aber sie trauen sich nicht hereinzukommen.“

Vor vier Monaten hat er sein kleines Restaurant an der Kastanienallee in Prenzlauer Berg eröffnet. Avrahami will nicht verstecken, dass hier israelische Speisen angeboten werden, Hummus, Tahina, Shakshuka, ganz im Gegenteil – er betont es. „Ich habe nicht zu tun mit der Sorte Juden, die hinter einer polizeibewachten Absperrung zu finden sind. Ich möchte offen sein, für alle, die kommen wollen und sagen: Komm, wir reden, lernt uns kennen! Ich erkläre Euch die Tradition unserer Speisen. Lasst uns ein Schabbat-Dinner machen!“

Erstmal Party

Avrahami lebt seit fünf Jahren in Berlin. Auch wenn er aus ganz individuellen Gründen kam – er verliebte sich in eine Deutsche –, ist er doch Teil einer Bewegung. „Jeden Tag höre ich mehr Hebräisch auf den Straßen“, sagt Avrahami. „Jeder Israeli will nach Berlin oder kennt jemanden, der gerade hier war“, sagt Avrahami. „Die Sprache ist hart zu lernen, das Wetter ist schlecht und Strand gibt es auch keinen. Und doch: Wir kommen!“

Die meisten wissen nicht genau, was sie in Deutschland tun wollen. Bei seinen Freunden beobachtet Avrahami folgende Phasen der Immigration. Zunächst heißt es einfach: Party! Es ist billig in Berlin im Vergleich zu Tel Aviv, vieles kostet nur halb so viel. Und das Nachtleben ist phänomenal. Ein paar Monate wird exzessiv alles konsumiert, was hilft, um den Krieg, den Militärdienst, die Anspannung zu vergessen.

Wieder zur Besinnung gekommen, treten sie in Berlin förmlich auf ihr Judentum. Sie sehen die Stolpersteine, jene funkelnden Messingplatten auf dem Asphalt, die an die Opfer des Nationalsozialismus erinnern. „In Israel hören wir immer nur von toten Juden“, sagt Avrahami, „in Berlin bekommen wir das erste Mal Kontakt zu den Geschichten der Juden, die hier vor dem Dritten Reich lebten. Und es war ein blühendes Leben! Diese Stadt fordert dein Judentum geradezu heraus.“

Der erfolgreiche Landschaftsmaler Eldar Farber pendelt zwischen Berlin und Tel Aviv. Den Sommer verbringt er in seiner deutschen Wahlheimat. Seine Mutter hat im damaligen Schlesien den Holocaust überlebt, versteckt in einem kleinen Zimmer, das sie zwei Jahre lang nicht verließ. Der Vater war Häftling in Ravensbrück. Farber ist den Fluchtweg in die Freiheit nachgegangen und hat die Motive am Wegesrand gemalt. Satte grüne Baumkronen, durch die goldenes Licht fällt, leuchtend rote Äpfel an knorrigen Zweigen. Einige seiner Gemälde waren Anfang des Jahres im Deutschen Historischen Museum zu sehen.

„Israel und Deutschland sind untrennbar miteinander verbunden“, sagt er. Schon als Kind hat Farber das auf seine eigene Art erfahren: Da verspürte er eine unerklärliche Sehnsucht nach dem deutschen Wald, von dem er eine genaue Vorstellung hatte. „Bei meinem ersten Deutschlandbesuch spürte ich eine große Anziehungskraft und gleichermaßen eine diffuse Angst“, sagt Farber.

„Heute kann ich sagen, dass ich sehr stolz darauf bin, in Deutschland auszustellen.“ Seine Eltern haben ihn in Berlin mehrmals besucht, sein Vater hielt Vorträge an Schulen und vor Studenten. Seine Mutter spricht noch immer fließend Deutsch, jüngst schenkte Farber ihr die Kollektion von Loriot. „Ich fühle mich bei den Deutschen wohl. Ich hätte nicht gedacht, dass ich das mal sage: Ich mag auch die Ordnung hier.“

Berlin ist zu einem Sehnsuchtsort geworden. „Es dauert nicht lange und Du fühlst Dich wie ein Berliner“, sagt Farber. Avrahami kann das nur bestätigen. Hier möchte er seine beiden Kinder groß ziehen. „Vor nun fast 70 Jahren hatten wir hier die dunkelste Zeit der Welt, und jetzt schau Dich um und sieh, wie weltoffen diese Stadt ist. Die dunkle Zeit der Nazis, des Kommunismus, des kalten Krieges, man kann es durchstehen. Es macht uns Israelis Hoffnung.“

Mitarbeit: Fritz Friedebold