Studie

Integration gelingt in Berlin deutlich besser

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Jens Anker

Foto: Jakob Hoff

Junge Migranten sind gebildeter als ihre Eltern. Nur noch 10 Prozent der 30- bis 35-Jährigen haben die Schule ohne Abschluss verlassen.

Ein früher Besuch der Kita hilft bei der Integration von Migranten. Je länger Kinder mit Migrationshintergrund vor der Schule in einer Einrichtung betreut werden, desto besser sind ihre Deutschkenntnisse. Das geht aus einer Untersuchung des Statistischen Landesamtes hervor, die die Präsidentin Ulrike Rockmann am Freitag vorstellte. Demnach verfügten zwei Drittel der Erstklässler in Mitte über gute oder sehr gute Deutschkenntnis, wenn sie zuvor vier Jahre eine Kita besucht hatten. Bei den Kindern, die keine Kita besucht hatten, war es nur ein Drittel. Auch die Zahl derjenigen Schüler, die Deutsch mit erheblichen Fehlern sprechen, sinkt mit der Dauer des Kita-Besuches.

Ziel künftiger Integrationsbemühungen muss es daher sein, mehr Kinder von Migranten zum Kitabesuch zu bewegen. 2011 hatte jedes fünfte Kitakind einen Migrationshintergrund, insgesamt stammt aber jedes dritte Kind in dieser Altersgruppe von nichtdeutschen Eltern. „Für den Bezirk Mitte konnte anhand der Einschulungsuntersuchung ein deutlich positiver Zusammenhang zwischen der Dauer des Kita-Besuchs und dem Sprachstand festgestellt werden“, sagte Rockmann.

Insgesamt funktioniert die Integration in Berlin und Deutschland immer besser. Nach Angaben Rockmanns steigt die Zahl der Migranten, die die Hochschulreife erwerben, gleichzeitig sinkt die Zahl der Schulabbrecher. Rockmanns Vortrag war Teil des Symposiums „Migranten in Deutschland“, das das Statistische Landesamt zusammen mit der Deutschen Arbeitsgemeinschaft Statistik am Freitag in Berlin veranstaltete.

Rockmanns Untersuchung zufolge liegt der Bildungsgrad der 30- bis 35-jährigen Migranten deutlich über dem der 60- bis 65-jährigen Migranten. Während bei den Jüngeren 41 Prozent die Hochschulreife erwerben, sind es bei den Älteren nur 20 Prozent. Auch die Zahl der Schulabbrecher hat sich mehr als halbiert. Nur noch zehn Prozent der 30- bis 35-jährigen Migranten verlassen die Schule ohne Abschluss. Bei den 60- bis 65-Jährigen sind es 24 Prozent. Bei den Menschen ohne Migrationshintergrund liegt die Schulabbrecherquote allerdings noch deutlich unter diesem Wert (1,7 Prozent).

Allerdings ist die Zahl der Migranten, die über keinen Berufsabschluss verfügen, immer noch überdurchschnittlich hoch. Sind es bei den Älteren 45 Prozent, so reduziert sich der Anteil in der jüngeren Vergleichsgruppe auf 37 Prozent. Bei den Personen ohne Migrationshintergrund liegt der Anteil bei elf Prozent.

Nadja Milewski von der Universität Rostock präsentierte einen weiteren Hinweis auf das Gelingen der Integration. Sie untersuchte die Geburtenrate von türkischstämmigen Migrantinnen der zweiten Generation in Berlin und Frankfurt am Main und verglich sie mit der Geburtenrate türkischstämmiger Migrantinnen in anderen Ländern. Das verblüffende Ergebnis: Die Geburtenrate passt sich innerhalb einer Generation an das jeweilige Land an. Demnach liegt die Geburtenrate bei den türkischstämmigen Frauen der zweiten Generation in Deutschland bei 1,3 Kindern – und damit genau bei dem Wert von Frauen ohne Migrationshintergrund. Das Gleiche stellte Milewski für die türkischstämmigen Frauen in Frankreich, den Niederlanden und Skandinavien fest, wo die Geburtenrate deutlich höher liegt. Der umstrittene Satz Thilo Sarrazins, viele Migranten würden nur „neue Kopftuchmädchen produzieren“, lässt sich demnach von der Statistik nicht bestätigen.

Zum Stichtag 31. Dezember 2011 lebten nach Angaben des Statistischen Landesamtes insgesamt 478.000 Ausländer in Berlin. Mit 103.000 stellte die Türkei dabei den größten Anteil, gefolgt von Polen (44.000) und Italien (17.400). Im vergangenen Jahr zogen 3000 Polen, 2900 Bulgaren und 2000 Rumänen nach Berlin. Fast jeder zweite Berliner unter 18 ist derzeit Ausländer oder verfügt über einen Migrationshintergrund. Bei den 65-jährigen oder älteren Berlinern ist es nur jeder Zehnte. Insgesamt wohnen Menschen aus 184 Nationen in Berlin.

Höheres Armutsrisiko

Nach Angaben der Präsidentin des Statistischen Landesamtes sind Kinder aus Migrantenfamilien immer noch überdurchschnittlich von Armut bedroht. Jedes dritte Kind mit Migrationshintergrund ist von finanzieller Not der Eltern betroffen, bei den Familien ohne Einwandererhintergrund ist es nur jedes fünfte. Eine finanzielle Notlage liegt vor, wenn das Einkommen der Familie unter der Armutsgefährdungsgrenze liegt. Bei einer vierköpfigen Familie wäre das der Fall, wenn das Einkommen unter 1800 Euro liegt. Auch Bildungsferne lässt sich den Angaben Rockmans zufolge immer noch stärker bei Einwandererfamilien feststellen. Während nur jedes zehnte Kind ohne Migrationshintergrund in einem bildungsfernen Haushalt lebt, ist es in der Gruppe der Einwanderer jedes vierte. Als bildungsfern verstehen Statistiker Familien, in denen kein Elternteil über einen Schulabschluss oder eine abgeschlossene Berufsausbildung verfügt.

Insgesamt kommen auf die Gesellschaft durch den demografischen Wandel neue Herausforderungen zu. So müssen sich Pflegeeinrichtungen auf andere Bedürfnisse von Patienten mit Migrationshintergrund einstellen. Außerdem bestehen noch Defizite in der Gesundheitsversorgung von Menschen mit Migrationshintergrund, wie Oliver Razum von der Universität Bielefeld vortrug. Demnach liegt die Sterblichkeit von Säuglingen und Kleinkindern bei Familien mit Migrationshintergrund noch deutlich höher als bei Familien ohne Einwanderungshintergrund. Migrantinnen nehmen demnach in der Schwangerschaft erst später Vorsorgeuntersuchungen wahr und suchen im Krankheitsfall später einen Arzt auf.