Casting in Berlin

Wenn Frauen zu Blaumännern werden

Trommeln, klatschen und schauspielern: Mit Talent kann jeder zum "Blue Man" werden - beim Casting am Potsdamer Platz.

Foto: Marion Hunger

Fast geräuschlos wirbeln die orangefarbenen Sticks auf die mattierten Kunststoffteller, Schlagzeuger Tim Neuhaus ist in seinem Element. Einen Takt nach dem anderen gibt er vor, immer nur wenige Schläge, in unterschiedlichen Rhythmen. Kurz, kurz, kurz, sehr kurz, kurz, lang. Vor ihm im Halbdunkel der Bühne stehen im Kreis drei Schlagzeug-Anfänger, musikalisch begabt zwar, aber alle nicht an der Trommel ausgebildet. Jessica Tietsche, Buri Batmaz und Ricky Watson trommeln nach, fliegen ab und an aus dem Takt, klinken sich wieder ein. Die Füße wippen automatisch mit, die Hüften bewegen sich unbewusst im Rhythmus, ein Lächeln liegt allen dreien im Gesicht. Die drei Schauspieler wollen zur „Blue Man Group“ – und Jessica und Buri in einer Männerdomäne zur „Blue Woman“ werden.

Lebenslauf, Foto und Begabung

Montagmorgen im Bluemax Theater am Potsdamer Platz, eine halbe Stunde zuvor. Gedränge am Registrierungsschalter, wenige junge Frauen und viele junge Männer warten gespannt. Alle haben den Bewerbungsbogen ausgefüllt, Fragen zu ihrem Werdegang beantwortet, einen Lebenslauf und ein Foto abgegeben. Diese beiden Dinge und Talent, das ist es, was man braucht, so die offizielle Casting-Einladung. Es ist der Beginn eines dreitägigen Auswahlverfahrens, aus dem am Ende ein oder mehrere Gewinner hervorgehen sollen. Auf sie wartet eine achtwöchige Ausbildung in New York und der Einsatz in den Shows der „Blue Man Group“.

Oder auch als blaue Frau: In der ersten Gruppe, die der amerikanische Casting-Director Tim Aumiller um kurz nach halb elf mit sich in den dritten Stock des Theaters führt, sind drei Männer und vier Frauen. Es sollen bis zum Mittag die einzigen Bewerberinnen bleiben, die knapp 50 männlichen Darsteller sind deutlich in der Überzahl. „Ich habe überhaupt kein Problem damit, nur mit Männern zu arbeiten“, sagt Buri Batmaz dazu, „die sind auf der Bühne doch viel entspannter.“ Die 30-Jährige ist aus Hamburg nach Berlin gekommen, um am Casting teilzunehmen, das für die sieben Bewerber ihrer Gruppe mit einem Schauspiel-Workshop beginnt.

Dennis Radelaar hat das alles schon hinter sich. Der 28-Jährige hat Erfahrung, was Castings bei der Blue Man Group angeht – 2010 gewann er mit zwei Kollegen das erste Auswahlverfahren in Berlin, reiste nach New York und durchlief dort die Ausbildung zum „Blue Man“. „Ich weiß genau, was in den Leuten jetzt vorgeht“, sagt der Niederländer und erzählt, wie er vor zwei Jahren aufgeregt und ohne einen blassen Schimmer, was ihn erwartet, beim Casting mitgemacht habe. Der gelernte Musical-Darsteller war für die Produktion der Show „Dirty Dancing“ nach Berlin gekommen und spielte für anderthalb Jahre im Theater am Potsdamer Platz. „Die Bewerber sollen sich einfach ehrlich geben und Spaß an der Sache haben – wir haben das in den Vorstellungen ja auch jeden Tag“, gibt ihnen Radelaar mit auf den Weg. Er selbst gehört mittlerweile zur festen Besetzung der Berliner „Blue Man Group“.

Im Schauspiel-Workshop, der in der Zwischenzeit hinter verschlossenen Türen stattfindet, müssen die Bewerber in der kleinen Gruppe verschiedene Aufgaben absolvieren. „Es ging um Grundlagenübungen, die aber viel über den jeweiligen Menschen erzählen, weil man sehr pur sein muss“, erzählt die Berlinerin Jessica Tietsche hinterher. Nur über die Augen müssen die Bewerber im Kreis stehend mit den anderen Kontakt aufnehmen, den Blick aushalten, ohne Worte. „Das Nichtstun und den direkten Augenkontakt auszuhalten hat seinen Reiz, weil man eine starke Präsenz haben muss und nur mit den Blicken das transportiert, was in einem vorgeht.“ Auch Buri Batmaz ist begeistert über die „ganz andere Art der Schauspielerei“: „Das war sehr intensiv, man verliert sich für einen Moment. Auch wenn es für mich später nicht mehr weitergehen sollte, hat mir das schon was gebracht.“

Das Groove-Gefühl beweisen

Erst einmal geht es aber weiter, Buri, Jessica und auch der 44-jährige Kreuzberger Ricky Watson werden aus der 7er-Gruppe herausgenommen und zum Drumming-Workshop geführt; für die vier anderen ist das Casting bereits nach einer knappen halben Stunde beendet. Auf der Bühne des Bluemax Theaters, wo die Trommelpads schon auf die Bewerber warten, schlägt dann die Stunde von Tim Neuhaus. Der 33-Jährige aus Prenzlauer Berg arbeitet als Schlagzeuger für die Blue Man Group und testet in wenigen Minuten das Rhythmusgefühl der Nachwuchskandidaten. Mit kurzen Klatsch-Übungen bringt er die drei in Stimmung. „Man sieht eine ganze Menge in der ersten Minute. Es geht darum, das Groove-Gefühl der Kandidaten zu erkennen“, sagt Neuhaus. Profi-Schlagzeuger hätten es dabei nicht unbedingt einfacher, glaubt Neuhaus. Sie müssten sich in kurzer Zeit „auf das Blue-Man-Vokabular minimieren“, das sei mitunter genauso schwierig wie das Trommeln für Schlagzeug-Laien. Mit den bunten Sticks geht es weiter, immer schneller werden die Rhythmen, mal für alle in der Gruppe, mal einzeln mit Neuhaus im Duett. „Das war eine ganz andere Geschichte als das Schauspielern“, sagt Batmaz später. Man sei in einer ganz anderen Welt, das Trommeln bringe einen fast in eine Art Trance-Zustand.

Nach knapp zehn Minuten ist auch dieser Teil vorbei, Neuhaus bedankt sich artig bei den Kandidaten und erwartet schon die nächste Gruppe. Casting-Director Tim Aumiller sitzt unauffällig im Hintergrund und sieht sich die Bewerber an. „Das Konzept ist es, dass unsere Darsteller alle Gedanken und alle Gefühle in ihren Blick legen müssen. Wer das nicht schafft, hat einen schwierigen Weg vor sich.“ Die trommelnde Sprache der Blue Man Group sei erlernbar, das schauspielerische Talent müssen man mitbringen.

Weltweit sind für die blauen Männer tatsächlich nur Männer im Einsatz. „Wir haben 70 Darsteller und keine einzige Frau“, sagt der Amerikaner Aumiller. „Für die Darstellung unserer Figuren ist ein gewisser Anteil an maskulinen Gesichtszügen unverzichtbar. Wenn jemand zu grazil oder weich ist, kann man das nicht rüberbringen.“ Jessica Tietsche und Buri Batmaz rechnen sich nach dem Erreichen des Schlagzeug-Workshops durchaus Chancen auf zwei weitere Casting-Tage aus. Anfang der 2000er-Jahre hatte es bereits einmal eine „Blue Woman“ gegeben – „da ist es doch langsam Zeit für eine zweite“, sagt Batmaz und lacht.