Neues Semester

Wenn Berlin zur neuen Heimat für Studenten wird

| Lesedauer: 12 Minuten
Leon Scherfig

Das Sommersemester an Berlins Universitäten hat begonnen. Viele Studenten aus der ganzen Welt sind dafür in die Stadt gezogen.

Kristofers neues Heimatgefühl passt in eine Pappschachtel und ist eigentlich ganz profan. Er sitzt am Potsdamer Platz und klappt eine McDonalds-Verpackung auf. Für ihn ist der Cheeseburger darin kein Symbol für Kommerz, sondern eines für seine neu gewonnene Freiheit. „Bei uns in La Paz gibt es nun mal kein McDonalds“, sagt der 18-jährige Bolivianer, dessen Leben in der deutschen Hauptstadt erst vor ein paar Wochen begonnen hat. Wie das Leben von vielen Studenten, deren Heimat seit dem Beginn des Sommersemesters nun Berlin heißt. Mit Kristofer Jurgensen treten 846 Erstsemestler an der Technischen Universität ihr Studium an. Wie gewöhnlich ist die Zahl der Immatrikulationen zum Sommersemester, das jetzt beginnt, weitaus geringer als im Wintersemester. Im Herbst beginnen mehr als sechs Mal so viele junge Akademiker ihr Studium an der Universität am Ernst-Reuter-Platz. An der Humboldt-Universität schrieben sich rund 230 Studierende im ersten Fachsemester ein. An der Freien Universität ist es ähnlich. Knapp 200 Leute starten im Bachelor- und weniger als 100 im Masterstudiengang. Viele dieser neuen Studenten kommen wie Kristofer Jurgensen aus aller Welt nach Berlin. Um ihr Fach zu lernen – und eine neue Heimat zu finden.

Fröhlich in Treptow

Daniel Friedel, 22, studiert Bauingenieurwesen an der Technischen Universität: „Für mich ist Berlin eine 180-Grad-Wende. Ich komme aus einem kleinen Dorf aus der Nähe der Stadt Schleiz in Thüringen. Naja, das Dorf, Triemsdorf ist sein Name, kennt eigentlich niemand. Schließlich hat es nicht ganz so viele Einwohner wie die deutsche Hauptstadt. Nur 25 Leute wohnen dort, es ist also kleiner als eine Schulklasse. An Berlin gefällt mir, dass die Leute ziemlich offen sind. Die Leute aus meiner Gegend waren oft etwas arrogant und überheblich. In Berlin ist alles natürlich auch ein bisschen anonymer. Das kann durchaus von Vorteil sein. Zum Beispiel, wenn man mal einen Fehltritt macht oder am Wochenende einen Ausfall hat. Überhaupt: Nachtleben gab es bei mir Zuhause fast überhaupt nicht. Einige Freunde, nicht aus dem Dorf sondern aus meiner Schule, sind auch schon in Berlin. Wenn ich neben dem Studium Zeit habe, dann gehe ich nach draußen in den Treptower Park. Dort treffe ich mich mit Freunden. Gemeinsam spannen wir dann meine Slackline auf. Das ist ein Gurtband, das man an zwei Bäumen befestigt, und auf dem man dann Seiltanzen kann. Ein wenig hüpfen kann ich schon. Wer es richtig gut kann, der schafft auch einen Salto. Manchmal sieht man solche Leute in Berlin. Das finde ich typisch an der Stadt, dass hier jeder etwas anderes tut. Sicher ist: Für mich geht es nicht so schnell zurück ins Dorf. Jetzt lebe ich in Berlin.“

Neu in Marzahn

Balazc Bosak, 23, studiert Geschichte und Internationale Beziehungen an der Humboldt-Universität: „Ich habe seit sechs Jahren kein Deutsch mehr gesprochen und finde, dass Berlin der beste Ort ist, um die Sprache zu üben. Ich werde mindestens ein halbes Jahr in der Stadt leben und möchte mir in dieser Zeit auch das Umland angucken. Ich habe schon viele Geschichte darüber gehört. In meinem Kopf ist so das Bild entstanden, dass es so ähnlich ist wie zu Hause in Ungarn. Ich komme aus Budapest, da haben wir auch deutsches Fernsehen. Die Bundesliga konnte ich da zum Beispiel oft gucken. Als Kind habe ich immer Cartoon-Filme geschaut, die wir zu Hause auch auf Deutsch empfangen konnten. Sie waren die erste Verbindung, die ich zu diesem Land hatte.

In Berlin hat sich mir noch eine ganz andere Verbindung zu meinem Heimatland aufgetan. In Friedrichshain, in der Nähe der Simon-Dach-Straße, existiert der Musiksalon Szimpla. Und den gibt es genauso auch in Budapest. Man kann dort etwas essen, außerdem gibt es auch sehr gutes Bier. Wenn ich vor der Kneipe stehe, dann fühle ich mich immer so, als wäre ich nach Budapest versetzt. In diesem Musiksalon kann ich abschalten. Die Kneipe ist aber auch ein bisschen anders als in Budapest. Eine Badewanne zum Beispiel gibt es dort nicht. Doch normalerweise lege ich mich da sowieso nicht hinein. Berlin ist, denke ich, etwas verrückt. Aber genau das ist es, was mir an dieser Stadt so gefällt.“

Glücklich in Schöneberg

Alexandra Sogomonyan, 21, studiert Chemie an der Freien Universität: „Berlin ist für mich die Stadt, in der ich selbst entscheiden kann und in der fast alles möglich ist. Dabei war es ein absoluter Zufall, dass ich jetzt hier im ersten Semester anfange, Chemie an der Freien Universität zu studieren. Ich bin nämlich nicht erst seit kurzem in der Stadt, sondern schon seit mehr als einem Jahr. In dem habe ich als Au-Pair-Mädchen gearbeitet und bei einer Familie in Lichterfelde gewohnt. Ich habe die Kinder betreut. Nach einem Jahr hat mir die Stadt so gut gefallen, dass ich mich dazu entschieden habe, einfach hier zu bleiben. Einer meiner Lieblingsplätze ist der Havanna Club in Schöneberg. Da gehe ich abends oft mit Freunden hin, etwas trinken, sich einfach treiben lassen, vielleicht später noch weiter in die Bars in der Nähe. So etwas gibt es dort, wo ich herkomme, nicht. Ich komme aus Wolgograd, früher hieß das einmal Stalingrad, viele kennen das als Ort, an dem ein Wendepunkt des Zweiten Weltkriegs stattgefunden hat.

Wenn ich mich entspannen will, gehe ich zum Otto-Lilienthal-Denkmal am Teltowkanal in Lichterfelde. Die Flügel der Ikarusfigur gefallen mir. Fliegen ist Freiheit und Freiheit ist für mich Berlin. Hier sind die Menschen irgendwie alle so einfach miteinander, ich weiß nicht, wie ich das genau sagen soll. Die Menschen sprechen viele Sprachen. Ich war einmal in München. Das war ein anderes Gefühl dort. Und dort gibt es keinen Havanna Club. Mit der Stadt entdecke ich auch neue Seiten an mir. Ich habe zum Beispiel jetzt angefangen, Klavier und Flöte zu spielen. Ich spiele noch sehr schlecht, aber ich bin optimistisch.“

Entspannt in Kreuzberg

Katharina D., 21, studiert Tiermedizin an der Freien Universität: „In Budapest, wo ich vorher studiert habe, brauchte ich jeden Tag eine halbe Stunde zur Universität, hier in Berlin brauche ich 20 Minuten. Morgens setze ich mich in Charlottenburg in die Bahn und jede Straßenecke sieht anders aus. Ich bin glücklich, dass ich überhaupt noch etwas Zentrales gefunden habe. Ich wohne dort jetzt erst einmal zum Übergang. Und das passt, finde ich, auch irgendwie zur Stadt: Auch hier scheint alles im Übergang. Überall wird gebaut, alles ist so verstreut. Ich hoffe, dass ich hier etwas mehr Zeit als in Budapest haben werde. Dort war das Studium sehr straff organisiert. Und die Zeit hier, die würde ich nutzen, um alles kennenzulernen. Neulich war ich mit Freunden im Watergate, das war ein guter Anfang. Ich will mich jetzt von der Stadt berieseln lassen. Und dass mich viele Leute besuchen, die mich dann vielleicht auch beneiden. Das Potenzial hat die Stadt ja.“

Angekommen in Mitte

Kristofer Jurgensen, 18, studiert Wirtschaftsmathematik an der Technischen Universität: „Wenn man in Berlin studiert, dann bekommt man einen guten Job in Bolivien. Das habe ich oft in meiner Heimatstadt, in La Paz, gehört. Auch deshalb bin ich für mein Studium hierher gezogen. Vorher war ich auf einer deutschen Schule in La Paz und habe mich nach dem Abschluss an verschiedenen deutschen Städten beworben.

Ich bin sehr glücklich, dass ich hier angenommen worden bin. Im Gegensatz zu den meisten meiner Kommilitonen nehme ich die Stadt als viel ruhiger und viel bequemer wahr als in meiner Heimat. In La Paz ist alles laut, es stinkt, geht durcheinander. Auf Berlin trifft das für mich eher weniger zu. Wenn mal eine Vorlesung ausfällt, dann fahre ich gerne zum Potsdamer Platz, das ist ein Ort, wo man so richtig merkt, dass man in der Hauptstadt ist. Dort kaufe ich mir dann ein paar Cheeseburger – auch das ist für mich typisch Berlin. Es gibt bei uns in Bolivien nämlich kein McDonalds. Viele glauben das nicht, aber es ist nun mal so. Bei uns gibt es nur Burger King.

Was ich auch mag an der Stadt: Die Leute helfen einander. Neulich habe ich in der U-Bahn gesehen, wie ein paar Jugendliche ganz selbstverständlich einem Rollstuhlfahrer beim Einsteigen geholfen haben. Bei uns in La Paz wäre das nicht so selbstverständlich. Aber es gibt etwas, was ich hier sehr vermisse: Yatzi. Das ist meine Freundin.

Gern in Lichtenberg

Peter Hevö, 22, studiert Geschichte an der Humboldt-Universität: „Ich bin aus Ungarn nach Berlin gekommen, weil ich die Stadt studieren will. Und zwar nicht nur privat, sondern auch offiziell, für die Universität. Ich möchte meine Abschlussarbeit über Deutschland schreiben. Ganz sicher bin ich mir beim Thema noch nicht, es soll aber um die Deutsche Demokratische Republik in den späten 80er-Jahren gehen. Und da gibt es natürlich sehr viele Orte in der Hauptstadt, die interessant für mich sind. Das Stasi-Museum zum Beispiel, oder das Archiv für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes.

Vorher habe ich in Budapest studiert und hatte dort die Wahl, wohin ich gehe. Zur Auswahl standen auch Freiburg, Tübingen, Paris und einige Städte in England oder der Türkei. Die Entscheidung fiel mir aber nicht schwer: Viele von meinen Freunden und Bekannten waren nämlich schon einmal in Berlin. Einige haben hier auch schon gelebt, das waren die, die am meisten begeistert waren, weil sie die Stadt richtig kennenlernen konnten. Sie haben geschwärmt von der Stadt, den Menschen und der Mentalität, die die Leute hier haben. In Osteuropa spürt man, dass in den Ländern jahrzehntelang der Sozialismus regierte. Die Leute denken dort, dass Regeln dazu da sind, um sie zu brechen oder zumindest zu umgehen. Das fördert natürlich die Kreativität, hat aber auch etwas Anarchisches und sorgt auf Dauer eher für Probleme. Hier in Deutschland, das Gefühl habe ich bisher, halten die Menschen Regeln eher ein. Vor allem spannend an Berlin finde ich all die Sozialbauten und Gebäude aus einer vergangenen Zeit, die man so nirgendwo auf der Welt sonst studieren kann. Besonders beeindruckend finde ich das Tacheles.“