Sanierung

Tempelhof wird ein "Volkspark des 21. Jahrhunderts"

Wasser, Wälle, Wiesen: Das Areal des Tempelhofer Feldes wird ab 2013 umgestaltet. Doch dagegen regt sich auch Widerstand.

Foto: GrünBerlin GmbH

Die Bilder ähneln sich. Vor knapp zwei Jahren eröffnete die damalige Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) den riesigen Park auf dem ehemaligen Flugfeld in Tempelhof. Feierlaune, Reden, große Pläne – und Protest. Lautstark demonstrierten einige Dutzend Anwohner und Aktivisten gegen Umzäunung und eingeschränkte Öffnungszeiten des Areals. Am Sonntag war alles eine Nummer kleiner, ohne Bühne, Buden und Musikkapellen. Statt des neuen Senators Michael Müller (SPD) kam sein Staatssekretär Christian Gaebler auf das Tempelhofer Feld, um die inzwischen dritte Parksaison und einen neu gebauten, schmucken Info-Pavillon zur künftigen Parkgestaltung zu eröffnen. Feierlaune, Reden, große Pläne – und Proteste. Mit Transparenten und Plakaten waren die Mitglieder der Bürgerinitiative „100 % Tempelhofer Feld“ angerückt. Und ging es 2010 noch wesentlich um den Zaun, geht es ihnen nun ums Große und Ganze. Sie lehnen die Senatspläne für das ehemalige Flughafengelände ab, wollen in Kürze ein Volksbegehren auf den Weg bringen. Was ihnen an den Plänen nicht passt, kann Mitinitiator Hans Philipp in einem Wort sagen: „Alles.“

Erdwälle und ein Kletterfelsen

Nach den Vorstellungen der Landesregierung soll sich der größte Teil des insgesamt 380 Hektar umfassenden Areals vom kommenden Jahr an in eine gestaltete, 240 Hektar große Parklandschaft verwandeln. 61,5 Millionen Euro stehen dafür zur Verfügung. Die Pläne stammen vom schottischen Büro Gross.Max, das sich in einem internationalen Wettbewerb gegen mehr als 70 Mitbewerber durchgesetzt hatte. Simulationen zeigen, was sich die Planer um den Landschaftsarchitekten Eelco Hooftman vorstellen. Neben der weiterhin offenen Wiesenlandschaft im Zentrum und den geschützten Naturschutzflächen sollen großzügige Wasserflächen zum Planschen im Sommer und Eislaufen im Winter entstehen, Erdwälle und Fußgängerstege sollen Teile des Geländes strukturieren, ein riesiger Kletterfelsen und weitere Sport- und Spielanlagen nebst Gastronomie für neue Freizeitangebote sorgen.

Nicht mehr und nicht weniger als „den Volkspark des 21. Jahrhunderts“, so Hooftman, will man schaffen. „Die enormen Qualitäten des Tempelhofer Feldes, seine Weite, Offenheit und Historie verstehen, erhalten, entwickeln“.

Im Frühjahr oder Herbst 2013 sollen zum Auftakt der Umgestaltung die ersten von insgesamt 2000 neuen Bäumen gepflanzt werden. Der Großteil der Arbeiten soll bis 2017 erledigt sein, wenn im Norden des Flugfeldes die Internationale Gartenausstellung (IGA) eröffnet wird. Sie wird, so verspricht es Staatssekretär Gaebler, mehr sein als eine klassische Gartenschau „mit Hecken und Rosen“. Als urbane Ausstellung werde sich die IGA auch zum Park und zur Stadt öffnen. Außerdem würden auch während der IGA mehr als 200 Hektar Parkfläche öffentlich zugänglich sein, sagt Gaebler.

Die Protestler beruhigt das nicht. Vor allem aus einem Grund. Neben der IGA werden noch weitere Flächen des Tempelhofer Feldes für andere Nutzungen vorgehalten. Wohn- und Gewerbebauten sind an den Rändern des Parks im Norden, Osten und Süden geplant. Im Westen am Tempelhofer Damm soll für 270 Millionen Euro die neue Zentral- und Landesbibliothek (ZLB) entstehen. Der Park, die IGA, die Wohnhäuser und Gewerbeeinheiten – all das lehnen die Aktivisten der Bürgerinitiative ab, vor allem aber die Privatisierung und Vermarktung von Flächen, die damit einhergehende Schrumpfung und Veränderung des öffentlichen Areals. Ginge es nach ihnen, würde wohl – den umstrittenen Zaun ausgenommen – alles so bleiben, wie es ist, vor allem die fröhlich, friedlich, anarchische Atmosphäre“, so Mitinitiator Philipp.

1,5 Millionen Besucher jährlich

Um dieses Ziel zu erreichen, wollen die Aktivisten das gesamte Areal zum Landschaftsschutzgebiet erklären lassen. Mit dieser niedrigsten der Naturschutzkategorien wäre eine Freizeitnutzung weiter möglich, die Bebauung und großflächige Umgestaltung aber wohl ausgeschlossen. Den für das Volksbegehren benötigten Gesetzentwurf haben sie in weiten Teilen schon formuliert und im Internet (www.tempelhoferfeld100.de) veröffentlicht. Ende Mai, Anfang Juni wollen sie beginnen, die für die erste Stufe des Volksbegehrens zunächst nötigen 20.000 Unterstützer-Unterschriften zu sammeln.

Staatssekretär Gaebler glaubt nicht, dass die Atmosphäre des Parks durch die Pläne gefährdet wäre. Dafür würden zahlreiche neue Angebote – „insbesondere für Kinder und Senioren“ – entstehen, sagt er. Auch den Vorwurf der Initiative, dass der Senat über die Köpfe der Berliner hinweg über das Areal verfüge, weist er zurück. „Viele der Vorschläge der Bürgerinnen und Bürger sind inzwischen in den Siegerentwurf für die Gestaltung eingeflossen.“

Insgesamt zieht er nach zwei Jahren Parköffnung eine positive Bilanz. 1,5 Millionen Besucher pro Jahr, im Sommer mehr als 70.000 wöchentlich sprächen für das Konzept. Der Vandalismus halte sich dank Zaun und fehlender dunkler Ecken in Grenzen. Mehr als die Hälfte der Besucher käme zudem zu Fuß oder mit dem Rad. Auch im Vorfeld befürchtete Verkehrsprobleme hätten sich damit nicht eingestellt.