Verkehrsunfälle

Berlin will keinen Gesundheitstest für alle Senioren

Der Unfall eines 72 Jahre alten Autofahrers in Berlin-Wittenau heizt die Debatte über verpflichtende Gesundheitschecks weiter an.

Foto: Thomas Schroeder

Erneut hat ein Senior in Berlin aufgrund von gesundheitlichen Problemen die Kontrolle über sein Auto verloren und einen schweren Unfall verursacht. Der 72-Jährige fuhr am Mittwochnachmittag mit seinem „Kia“ die Holzhauser Straße in Wittenau entlang und verlor plötzlich das Bewusstsein. Das Fahrzeug kam von der Fahrbahn ab, streifte zwei parkende Autos, prallte anschließend frontal gegen einen ebenfalls geparkten VW und kam schließlich an einem Baum zum Stehen. Sowohl der 72-Jährige als auch seine Beifahrerin wurden schwer verletzt. Die Polizei vermutet, dass der Mann einen Herzinfarkt erlitten hat. Vor knapp zwei Wochen hatte bereits ein 70 Jahre alter Autofahrer einen ähnlichen Unfall in Lankwitz verursacht. Er starb noch am Unfallort. Die Todesursache war vermutlich ein Herzinfarkt.

Der Unfall am Mittwochnachmittag ist nur einer von Tausenden, die sich jedes Jahr in der Hauptstadt ereignen. Doch die Debatte, ob ältere Autofahrer sich verpflichtenden Gesundheitschecks unterziehen sollten, erhält damit neuen Auftrieb. Hamburgs Innensenator Michael Neumann (SPD) forderte am Donnerstag in der „Bild“-Zeitung, Autofahrer zu regelmäßigen Gesundheitstests zu verpflichten. Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU), der ADAC und die Gewerkschaft der Polizei (GdP) sprechen sich jedoch dagegen aus. Die Berliner Senatsverwaltung für Stadtentwicklung steht einem Pflichtest ebenfalls kritisch gegenüber, wie eine Sprecherin mitteilte. Auch in Brandenburg gibt es keine derartigen Pläne.

Bereits in der vergangenen Woche hatte der Unfallforscher Siegfried Brockmann bei Morgenpost Online verpflichtende „Mobilitäts-Checks“ gefordert, bei denen Senioren ihre Fahrtüchtigkeit bei Fahrstunden mit Trainern unter Beweis stellen können. Denn während von der Gruppe der 65- bis 75-Jährigen ein geringes Risiko ausgehe, steige die Unfallgefahr ab einem Alter von 75 Jahren rapide an. „Die geistige Leistungsfähigkeit nimmt immer weiter ab. Komplexe Situationen, etwa an Kreuzungen, könnten schlechter eingeschätzt werden“, so Brockmann, der als Unfallforscher beim Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GdV) arbeitet.

Minister will Mobilität für alle

Hintergrund der Forderung von Hamburgs Innensenator Neumann ist eine EU-Regelung, nach der Führerscheine, die nach dem 19. Januar 2013 ausgestellt werden, nur noch 15 Jahre gültig sind und anschließend verlängert werden müssen. Parallel dazu sollten Autofahrer verpflichtet werden, sich einem Gesundheitstest zu unterziehen. Laut Neumann verursachen Personen über 65 Jahren die meisten Unfälle in Hamburg. Bundesverkehrsminister Ramsauer erklärte der Forderung bereits eine Absage: „Ältere Verkehrsteilnehmer dürfen nicht diskriminiert werden“, so Ramsauer. Entscheidend für die Fahrtüchtigkeit eines Verkehrsteilnehmers sei nicht das Alter, sondern der Gesundheitszustand, betont der Minister. Grundsätzlich gelte: „Wir wollen Mobilität für alle ermöglichen“, so Ramsauer weiter.

In Berlin sind die Zahlen von Unfällen mit Beteiligung von Senioren in den vergangenen zehn Jahren drastisch gestiegen. Laut der Verkehrsunfallstatistik der Polizei stieg sie von 7374 in 2001 auf 13.506 in 2011. Damit waren Personen über 65 Jahre an rund zehn Prozent aller Verkehrsunfälle beteiligt. In 64 Prozent der Fälle verursachten sie die Unfälle selbst. Aufgrund der zunehmenden Überalterung der Gesellschaft sehen Experten die Gefahr, dass diese Zahlen steigen könnten.

Auch der ADAC Berlin-Brandenburg ist gegen verpflichtende Checks. Es sei nicht Aufgabe des Staates, Senioren dazu zu zwingen. „Vielmehr sollten Angehörige sie dazu motivieren, sich einem freiwilligem Test zu unterziehen“, sagt ADAC-Verkehrsexperte Klaus-Ulrich Hähler. Der Verband biete bereits verschiedene freiwillige Programme an, damit Autofahrer ihre Fahrtüchtigkeit üperprüfen könnten, betont Hähler.

Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) setzt ebenfalls auf Freiwilligkeit. Der stellvertretende Berliner GdP-Chef Detlef Hermann betont zudem: „Wenn eine solche Regelung eingeführt werden sollte, muss diese für alle Autofahrer gelten“, so der Gewerkschafter.