Mädchen missbraucht

Wie Berliner Schulen sicherer gemacht werden

Im Fall einer missbrauchten Schülerin hat die Berliner Polizei einen Mann festgenommen. Doch die Debatte um den Schutz an Schulen hält an.

Der Einsatz begann um 13.30 Uhr. Spezialeinsatzkräfte drangen in eine Wohnung an der Kameruner Straße in Berlin-Wedding ein und überwältigten einen Mann. Konstantinos M. steht im dringenden Verdacht, am 1. März 2012 ein achtjähriges Mädchen in den Toilettenräumen der Humboldthain-Grundschule sexuell missbraucht zu haben. Der Tatort war ihm offenbar nicht fremd. Der 30-Jährige besuchte in den 90er-Jahren selbst die Humboldthain-Grundschule. Jetzt ist er offenbar dorthin zurückgekehrt, um sich an einem Kind zu vergreifen.

Der Festgenommene ist nach Informationen von Morgenpost Online als Exhibitionist polizeibekannt. Auf die Spur des Verdächtigen kamen die Ermittler durch eine Funkzellenüberwachung. Dabei stellten die Beamten fest, dass das Handy des Verdächtigen während der Tatzeit in der Funkzelle des Tatorts an der Grenzstraße aktiv war.

Die Beamten des SEK waren ursprünglich angefordert worden, weil der Festgenommene einen Kampfhund besitzt. Aber es erwies sich auch als nötig. Augenzeugen berichteten, M. sei ausgesprochen aggressiv aufgetreten. Viel mehr wurde über den mutmaßlichen Sexualtäter zunächst nicht bekannt, ein Polizeisprecher verwies am Freitagnachmittag auf die weiteren Ermittlungen.

Nach Angaben von Sonnabend hat die Polizei die ersten Vernehmungen in dem Fall abgeschlossen. Der Beschuldigte soll nun einem Ermittlungsrichter vorgeführt werden, wie ein Polizeisprecher am Vormittag sagte. Danach kommt er womöglich in Untersuchungshaft. Die DNA des dringend Tatverdächtigen werde derzeit mit Spuren am Tatort abgeglichen, ein Ergebnis liege aber noch nicht vor, sagte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft

Die Festnahme im Weddinger Missbrauchsfall ist für die Polizei ein erster Erfolg. Noch unaufgeklärt ist aber ein Vorkommnis an einer Grundschülerin in Frohnau. Hier ist der Täter, der sich an einer Schülerin ebenfalls auf einer Schultoilette vergreifen wollte, noch nicht gefasst. Die Ermittler sind aufgrund der zahlreichen Hinweise jedoch optimistisch, auch diesen Mann bald festnehmen zu können.

Henkel: Schulen in der Pflicht

Die Frage, wie Berlins Schüler besser geschützt werden können, beschäftigte auch am Freitag viele Eltern, Lehrer und Politiker. Alle wissen, dass es einen hundertprozentigen Schutz vor Straftätern nicht geben kann. Aber was kann verbessert werden?

Innensenator Frank Henkel (CDU) sieht zunächst die Schulen in der Pflicht, Maßnahmen zu treffen, damit schulfremde Personen schneller erkannt werden. Eltern würden häufig ihre Kinder bis ins Schulgebäude begleiten. „Lehrern und Hausmeistern fällt es somit schwer zu erkennen, ob es sich um eine schulfremde Person handelt“, so Henkel. Da anzusetzen könne ein erster Schritt sein. „Hier muss man zu einer klaren Regelung kommen“, so der Senator weiter. Die Polizei könne nur begrenzt für zusätzliche Sicherheit sorgen. Zwar würden die Beamten Präsenz zeigen. „Ich werde aber nicht vor jede Schule einen Streifenwagen stellen können“, so Henkel weiter.

An der Charlotte-Salomon-Grundschule in Kreuzberg wird jetzt zu Ferienbeginn noch schnell die Notausgangstür repariert, damit sie wieder richtig schließt. Das Thema Nummer eins an den Schulen waren am Freitag nicht die Osterferien, sondern die Sicherheit. „Wir sind jetzt natürlich besonders wachsam“, sagt Schulleiterin Rosemarie Stetten. Trotzdem dürfe so ein Vorfall wie jetzt in Wedding nicht dazu führen, sich zu verbarrikadieren. Besser wäre nach Ansicht der Schulleiterin, die Kinder zu stärken, mit ihnen zu reden. Man müsse, so Rosemarie Stetten weiter, ihnen erklären, wie sie sich in so einer Situation verhalten sollten. Aufmerksam sein, aber keine Panik zu schüren, das ist die Aufgabe für die Pädagogen.

Unterdessen wurden alle Grundschulen in Wedding von der Schulaufsicht sofort nach dem Vorfall an der Humboldthain-Schule informiert. „Wir haben gleich eine neue Schließanlage beantragt“, sagt Karin Müller von der Gustav-Falke-Grundschule. Zwar sei am Eingang eine Klingelanlage mit Gegensprechanlage installiert, doch die sei schon seit Jahren kaputt. Dabei gebe es immer mal Ärger mit schulfremden Personen, wie etwa ehemaligen Schülern. Und seit dem Übergriff an der Humboldthain-Schule würden alle Mitarbeiter, die nicht als Lehrer arbeiten, ein Namensschild tragen, so die Schulleiterin. Dazu gehören beispielsweise Praktikanten oder Ein-Euro-Jobber. Für die Schüler soll schnell erkennbar sein, wer zur Schule gehört und wer nicht.

Die Leiterin der Heinrich-Seidel-Grundschule in Wedding, Cornelia Flader, hat nach dem Vorfall an der benachbarten Grundschule die Lehrer noch einmal aufgefordert, die bekannten Sicherheitsregeln strikt umzusetzen. Dazu gehöre zum Beispiel, dass die Kinder immer zu zweit auf die Toilette gehen und die Tür zum Klassenraum offen bleibt, solange die Schüler auf der Toilette sind.

Wegen der Sexualdelikte sind im Bezirk Reinickendorf viele Eltern beunruhigt. An der Hannah-Höch-Grundschule im Märkischen Viertel hat es nach Angaben von Schulleiter Michael Tlustek nach Bekanntwerden der Übergriffe Diskussionen mit Eltern über Sicherheitsfragen gegeben. Alle Lehrer und Erzieher seien angewiesen worden, jeden Fremden auf dem Schulgelände anzusprechen und sich im Zweifelsfall auch den Ausweis zeigen zu lassen. Die Kinder dürfen den Unterricht nur zu mehreren verlassen. Die Lehrer hätten mit ihnen über Sexualtäter gesprochen, „um sie zu sensibilisieren, ohne ihnen Angst einzujagen“, sagt Tlustek. Dennoch wolle sich die Schule abschotten.

Besucher müssen klingeln

Die Frohnauer Renée-Sintenis-Grundschule – Nachbarschule der Viktor-Gallancz-Grundschule – hat schon vor einigen Wochen Vorsichtsmaßnahmen ergriffen. Mehrere Eingangstüren wurden geschlossen. Offen bleibt derzeit nur noch ein Eingang, der vom Schulsekretariat aus einsehbar ist. Kinder dürfen nur noch zu zweit das WC aufsuchen. Die Schüler wurden im Unterricht über denkbare Gefahren aufgeklärt. „Im Vorfeld haben wir einen Elternbrief herausgegeben, um die Maßnahmen zu erläutern“, sagt Konrektor Rüdiger Nobis.

Die Ellef-Ringnes-Grundschule in Heiligensee reagiert besorgt. Am Donnerstag wurde ein Elternbrief verfasst. Per Rundmail hat die Schulleitung die Mütter und Väter gebeten, ihre Kinder auf denkbare Gefahren vorzubereiten.

Auch Spandauer Schulen haben auf die Vorfälle schnell reagiert. An der Staakener Linden-Grundschule, mit mehr als 600 Kindern größte Grundschule im Bezirk im Westen Berlins, wurden alle Lehrer schriftlich gebeten, besonders aufmerksam auf schulfremde Personen zu achten.

Für Schüler der Christian-Morgenstern-Grundschule im Hochhausgebiet Heerstraße-Nord in Spandau sieht Schulleiter Michael Ozdoba nach Gesprächen mit dem zuständigen Polizeiabschnitt derzeit keine akuten Gefahren. Dennoch habe er wegen der aktuellen Vorfälle Lehrer und Eltern gebeten, ihnen unbekannte Personen auf dem Schulgelände sofort anzusprechen. Nach den Vorfällen in Frohnau und Wedding sind auch die Leiter anderer Schulen vorsichtig geworden.

Aufsicht vor den Toiletten

Einige Berliner Grundschulen sind schon lange prinzipiell verschlossen und haben gute Erfahrungen damit. An der Trelleborg-Grundschule in Pankow etwa sind Tür und Hoftor verschlossen, ebenso wie an der 44. Grundschule in Weißensee. Und auch an der Grundschule am Teutoburger Platz in Prenzlauer Berg müssen Besucher, Eltern oder Kinder, die zu spät kommen, an der Wechselsprechanlage klingeln. Klingeln muss man auch am Eingang der Hermann-Sander-Grundschule in Neukölln. In den Hofpausen gibt es nicht nur Aufsichten auf dem Hof, sondern auch in den Gängen und vor allem vor den Toiletten. Die Dunant-Grundschule in Steglitz hat schon vor vier Jahren Videokameras beantragt. Zwar habe es bisher keine Missbrauchsfälle an der Schule gegeben, doch es sei schon häufiger durch Schulfremde zu Brandstiftung, Graffiti-Schmierereien und Einbrüchen gekommen, heißt es im Schulsekretariat. Bis heute gebe es keine Videoüberwachung, weil das Geld fehlte.

In der Grundschule am Buschgraben am südlichsten Zipfel von Zehlendorf überlegte Rektorin Barbara Philipp-Wald am Freitagmittag mit einer Mitarbeiterin des Schulamtes, „wie wir das Schulhaus noch sicherer machen können“. Sie werde noch einmal die Eingangssituationen überprüfen, die Türen auf Sicherheit checken, sagt die Schulleiterin. mit dapd