U-Bahn-Schläger

Toter Giuseppe Marcone – Richter sieht keine Hetzjagd

Das Gericht begründet die Bewährungsstrafen für die Täter damit, dass eine Verfolgung des Opfers nicht nachgewiesen werden könne.

Foto: DAPD

Es gab kaum eine Regung im Gesicht der Vaja Marcone, als Richter Ralph Ehestädt das Urteil verkündete. Die 50-Jährige kniff nur leicht die Augen zusammen und blickte zu ihrem Anwalt, der neben ihr stand. Mit einem Blick, als wollte sie sagen: Ich habe es geahnt.

Zwei Jahre Haft, ausgesetzt zur Bewährung, lautet das Urteil gegen den 21-jährigen Ali T., der Vaja Marcones Sohn Giuseppe am 17. September vergangenen Jahres im U-Bahnhof Kaiserdamm provoziert, bedroht, geschlagen und schließlich in eine tödliche Flucht getrieben haben soll. Giuseppe Marcone wurde auf dem Kaiserdamm von einem fahrenden Auto gerammt und starb noch am Unfallort. Die Kammer, so Ehestädt, gehe von einer Körperverletzung mit Todesfolge aus. Nicht so bei dem 22-jährigen Mitangeklagten Baris B., der im U-Bahnhof als Erster auf Marcone eingeschlagen hatte, sich aber nicht an dessen Verfolgung beteiligte. Er wurde wegen gefährlicher Körperverletzung zu vier Monaten Haft verurteilt, ebenfalls ausgesetzt zur Bewährung. Außerdem soll er 120 gemeinnützige Stunden leisten, bei Ali T. sind es 600.

Unvermittelt zugeschlagen

Es war das Ende eines Prozesses, der schon vor Beginn für viele Diskussionen sorgte. Richter Ehestädt sprach von „einer Tragödie. Da ist ein junger Mensch vollkommen sinnlos gestorben!“ Und er ließ noch einmal die Nacht des 17. September Revue passieren, in der alles geschah: Ali T., Baris B. und ein Freund hängen zu Hause ab, trinken Wodka, zwei Flaschen sollen es gewesen sein, ziehen anschließend durch die Straßen. Schon vor der Begegnung mit Marcone und dessen Freund Raoul S. kommt es zu einem Zusammenstoß mit einem Passanten. Im U-Bahnhof pöbeln sie dann Marcone und Raoul S. an, fordern Zigaretten, laufen neben ihnen her, provozieren und lassen auch nicht nach, als Marcone und sein Freund eine Eskalation vermeiden und sich zurückziehen wollen. Baris B. schlägt dann unvermittelt zu, trifft Marcone, so Ehestädt, „im Gesicht oder am Oberkörper“. Auch Ali T. schlägt Marcone. Der wehrt sich. Ebenso Raoul S., der Baris B. am Auge trifft.

Anschließend kommt es zu dem Geschehen, das nicht bis ins letzte Detail aufgeklärt werden konnte: Marcone und Raoul S. wollen keine weitere Prügelei und laufen die Bahnhofstreppe hinauf auf die Straße. Ali T. folgt Marcone. Wie weit er an ihn herankommt, ist unklar. Vor Gericht sprach Raoul S. von „ein bis zwei Metern“. Bei der Polizei sagte er, es könnten „sieben bis neun Meter“ gewesen sein.

„Wir konnten nicht feststellen, wie weit der Angeklagte hinter Giuseppe Marcone hinterhergelaufen ist“, resümierte der Richter. Die Kammer gehe aber nicht davon aus, dass sich Marcone in absoluter Panik befunden habe. Es habe sich wohl eher um „eine Kurzschlussreaktion“ gehandelt. „Eine Flucht, Hals über Kopf.“ Die aber auch nachvollziehbar sei, weil sich Marcone in einer akuten Bedrohungssituation gesehen habe.

Und klar sei auch, so Ehestädt, dass Ali T. diese mit einem tödlichen Unfall endende Flucht durch sein weiterhin aggressives Verhalten ausgelöst habe. Daher auch die Verurteilung wegen Körperverletzung mit Todesfolge – allerdings nur im minder schweren Fall. Der Richter nannte mehrere Gründe für diese strafmildernde Einschätzung: So hatte sich Ali T. noch am Abend des 17. September der Polizei gestellt. Er habe vor Gericht ein Geständnis abgelegt. Berücksicht wurde auch, dass es sich nicht um eine gezielte Hetzjagd, sondern um „eine Verkettung unglücklicher Umstände“ gehandelt habe. Ebenso, dass Ali T. im Untersuchungsgefängnis durch die Attacke eines Mithäftlings beinahe selbst ums Leben gekommen sei.

Hochachtung für Familie des Opfers

Der Täter, Mehmet Y., hatte ihm in der Zelle mit einem Kochtopf mehrere Schläge auf den Kopf versetzt. Mehmet Y., der am 4. August 2011 seine Mutter und seine Schwester erschoss, wird ab nächsten Montag in Moabit vor Gericht stehen.

Hervorgehoben wurde von Richter Ehestädt das Verhalten der Nebenkläger: der Mutter Vaja Marcone und ihres ältesten Sohnes Velin, der an mehreren Verhandlungstagen dabei war. „Es ging ihnen nicht um Rache, sondern um die Förderung von Zivilcourage. Diese Haltung verdient allergrößten Respekt“, sagte der Richter mit Blick auf Vaja Marcone. Sie saß aufrecht, scheinbar ohne Regung. Wie sehr sie das alles mitnahm, wurde erst deutlich, als Ehestädt mit seiner Urteilsbegründung zu Ende kam. Da lief sie von der Bank der Nebenkläger in den Zuschauerraum und umarmte einen jungen Mann. Es war Raoul S., der beste Freund ihres Sohnes.