Ermittlungserfolg

Bundespolizisten fassen Berliner Graffiti-Sprayer

Berlin hat ein riesiges Problem mit illegalen Graffiti-Sprayern. Doch jetzt gelang der Polizei ein wichtiger Schlag gegen die Szene.

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Beamte der Bundespolizei durchsuchten am frühen Dienstagmorgen berlinweit zeitgleich die Wohnungen von insgesamt fünf Verdächtigen aus der organisierten Graffiti-Szene, denen das Beschmieren eines ganzen S-Bahn-Zuges vorgeworfen wird. Die Ermittler stellten umfangreiches Beweismaterial sicher, das nun im Detail ausgewertet werden soll. Es bestehe die Hoffnung, dadurch weitere Taten aufklären zu können. Nach Schätzung der Bundespolizei entstehen pro Jahr Schäden in Höhe von etwa 35 Millionen Euro durch Graffiti in Berlin.

„Ihr könnt uns nicht stoppen“

Rückblick: Am 19. Mai 2010 drangen bislang Unbekannte in das Gelände der Bahnabstellanlage Schöneweide ein und schmierten einen ganzen Zug von sechs Waggons mit silberner Farbe an – insgesamt eine Fläche von mehr als 180 Quadratmetern. Von Wachleuten gestört und kurz in die Flucht getrieben, kehrten die Täter wenig später zurück und schrieben hinzu: „Ihr könnt uns nicht stoppen.“ Die Ermittler wollten das Gegenteil beweisen. Knapp zwei Jahre lang werteten Angehörige der Ermittlungsgruppe „GiB“ (Graffiti in Berlin) Fotos aus, sicherten Spuren, befragten Zeugen.

Durch die intensiven Recherchen gerieten nun fünf Männer im Alter zwischen 20 und 35 Jahren ins Visier der Bundespolizei. Nachdem ein Ermittlungsrichter die Durchsuchungsbeschlüsse unterschrieben hatte, wurden die Spezialkräfte in den Einsatz geschickt. In einem Fall war besondere Vorsicht geboten: Der 26-jährige Daniel H. hat 32 Einträge im Polizeicomputer, darunter zahlreiche wegen Schmierereien, aber auch wegen gefährlicher Körperverletzung, Verstoßes gegen das Waffengesetz und räuberischer Erpressung. Als allerdings die schwer ausgerüsteten Beamten des Beweissicherungs- und Festnahmezuges gegen seine Tür schlugen, öffnete der Mann freiwillig und kooperierte.

Seine Liebe zu den eigenen „Werken“ könnte ihm zum Verhängnis werden – auf seiner Kommode im Wohnzimmer stand ein gerahmtes Bild, das einen beschmierten S-Bahn-Zug zeigt. Zusammen mit anderen Beweisstücken wurde es zur Auswertung in das Bundespolizeipräsidium an der Schnellerstraße in Niederschöneweide gebracht. Auch in den anderen durchsuchten Wohnungen wurden die Beamten fündig. Insgesamt stellten sie fünf Computer, mehrere Laptops, Handys und zahlreiche Vorlagen sowie Farbdosen sicher.

Thomas Ebert, bei der Berliner Bundespolizei für Kriminalitätsbekämpfung zuständig, erhofft sich vor allem von den Datenträgern Aufschluss auf andere Taten. „Diese Farbschmierer machen oft Fotos von ihren Bildern und hinterlassen auch ihre als Tags bezeichneten Unterschriften.“ Die Auswertung werde zwar eine akribische Kleinarbeit, aber nur so könnten der Gruppierung weitere Straftaten zugeordnet werden. Die Strafen für gemeinschaftliche Sachbeschädigung liegen zwischen Geldstrafe und bis zu drei Jahren Haft. „Die Täter unterschätzen dabei allerdings auch, dass beispielsweise die Bahn als geschädigte Partei einen Zivilprozess anstreben und die kostenintensiven Reinigungsarbeiten in Rechnung stellen kann. Ein solcher Titel hat eine Bestandszeit von 30 Jahren“, so Thomas Ebert. Die Bundespolizei ist für Bahn und S-Bahn zuständig. „Allein in diesem Bereich entsteht pro Jahr in Berlin ein Schaden von mehr 8,7 Millionen Euro. Und das ist nur ein Viertel des jährlichen Gesamtschadens in Berlin.“

Komplizen mit Funkgerät

Alexander W. ist als Zivilfahnder eingesetzt und hat es ständig mit Graffiti-Sprayern zu tun. „Wir unterscheiden dabei in drei Kategorien. Es gibt die Ersttäter im jugendlichen Alter, die einfach einmal schmieren wollen. Die nächste Gruppierung zieht schon regelmäßig los, Kategorie C richtet das gesamte Leben nach der Sucht des Sprühens aus“, so der Bundespolizist. Gerade bei solchen Sprühern zeige sich der Querschnitt der gesamten Gesellschaft, es gebe unter ihnen den Lehramtsstudenten ebenso wie den Anwaltssohn und den Frührentner. Für die eigentliche Tat werde eine immense kriminelle Energie aufgewandt. „Diese Leute betreiben teilweise wochenlange Aufklärungsarbeit, um beim Schmieren unbehelligt zu bleiben. Andere wiederum setzen Komplizen mit Funkgeräten und Ferngläsern ein, die vor anrückenden Sicherheitskräften warnen sollen.“ In Berlin werden derzeit mehr als 100 Sprayer der harten Szene zugeordnet.

Inzwischen gibt es sogar auf entsprechende Verfahren spezialisierte Strafverteidiger. Die Bundespolizei setzt im Kampf gegen die Sprayer auf Hubschraubereinsätze, Polizeihunde und spontane Großeinsätze – wie am Dienstag in Hohenschönhausen.