City West

Dauerbaustelle am Tauentzien verärgert Anlieger

Das Areal um den U-Bahnhof Wittenbergplatz ist noch lange kein Aushängeschild. Einzelhändler sind verärgert und äußern Unverständnis.

Foto: Glanze

Bereits den vierten Frühling in Folge gleicht der Tauentzien einer Baustelle. Statt Veilchenduft weht den Passanten Teergeruch in die Nase. Von der geplanten grünen Achse mit Eiben-Zierhecken ist noch nichts zu sehen, stattdessen bohrt sich in Höhe der Nürnberger Straße ein Presslufthammer in den Asphalt Unter der sich umschlingenden Skulptur „Berlin“ türmt sich Sandberg neben Sandberg. Pflastersteine sind aufgeschüttet, Zäune sperren den Mittelstreifen ab.

Berlins Shoppingmeile Nummer eins – hier werden mit die höchsten Einzelhandelsmieten gezahlt, die meisten Passanten gezählt und mit die besten Umsätze gemacht – ist kein Aushängeschild. Und ein schnelles Ende ist auch nur für den ersten Abschnitt der neuen Mittelpromenade gegenüber dem KaDeWe absehbar. „Bis Ende April werden dort die neuen Hochbeete bepflanzt“, kündigt Marc Schulte (SPD), Stadtrat für Stadtentwicklung, an.

Pflasterarbeiten verzögern sich

Dabei sollte der Abschnitt vom Wittenbergplatz bis zur Nürnberger Straße schon zum Adventsgeschäft 2011 fertig sein. Die BVG hatte den Bereich Wittenbergplatz bis Nürnberger Straße im Mai 2011 übergeben. Doch noch immer fehlen zwischen Passauer und Nürnberger Straße die Pflasterarbeiten, ganz zu schweigen von der Bepflanzung der neuen Granit-Beete.

Laut Schulte gibt es dort aktuell „ein wenig Verzögerung“, bis Ende April sei aber auch der Teil bis zur Nürnberger Straße fertig, sagte er am Freitag. Das letzte Stück des neuen Mittelstreifens gegenüber dem Europa Center werde bis zum Ende des Jahres fertig sein, „hoffentlich bis zum Weihnachtsmarkt“.

Gebaut wird auf der Tauentzienstraße von der BVG, die dort die 100 Jahre alten Decken saniert und bei den Arbeiten so manche Überraschung erlebte. So wurden im vorderen Teil fremde Leitungen gefunden, die die Arbeiten verzögerten. Außerdem bauen die Bezirksämter Tempelhof-Schöneberg und Charlottenburg-Wilmersdorf. Sie nahmen die BVG-Sanierung zum Anlass, die Mittelpromenade im Anschluss neu zu gestalten.

„Wir sind im Zeitplan und werden im Herbst dieses Jahres das letzte Stück übergeben“, sagte BVG-Sprecherin Petra Reetz. Die Berliner U-Bahn gehöre mit zu den ältesten, die 100 Jahre alten Tunneldecken seien reif für die Sanierung.

Nach Schultes Auskunft haben Lieferschwierigkeiten des Granitsteins aus China zu Verzögerungen der Arbeiten am Tauentzien beigetragen. „Das zeigt, dass es nicht immer sinnvoll ist, das preisgünstigste Angebot zu nehmen“, so Schulte. Außerdem hätten die Handwerker frostbedingt pausieren müssen. Und eine weitere Lehre sei es, dass die Planer die Zeitpläne künftig „großzügiger gestalten sollten, damit etwas Spielraum vorhanden“ sei.

Für Händler und Kunden hingegen ist die Bauzeit bereits jetzt viel zu großzügig angesetzt. Bis auf wenige Durchlässe bietet die Tauentzienstraße Fußgängern wenige Möglichkeiten, die Straße zu überqueren – für die Geschäftsleute seit Jahren ein Problem, das ihnen nicht nur Lärm und Schmutz, sondern auch Umsatzeinbußen beschert. „Hier müsste doch mit Hochdruck gearbeitet werden, warum gönnt man sich gerade in dieser Lage solch lange Bauzeiten“, kritisiert Saturn-Geschäftsführer Karl Wendisch (51).

Gleich mehrere Baustellen

Nachdem die BVG mit der Abdichtung der Tunneldecken im September 2008 auf dem Wittenbergplatz begonnen hatte, ist sie jetzt im letzten Bereich zwischen Breitscheidplatz und Marburger Straße tätig. Das bedeutet nicht nur, dass sich Autofahrer, Busse und Radfahrer weiterhin durchs einspurige Nadelöhr quälen müssen, sondern auch einen eingeschränkten Fußgängerverkehr. „Und das ist für uns Händler nämlich viel schlimmer“, sagt Wendisch.

Für Spaziergänger und Käufer sei der schmale Übergang über den Tauentzien zum Eingang des Saturn-Hauses gleich neben dem Europa Center kaum wahrnehmbar. Und vergessen werden dürfte auch nicht, dass auch auf der Rückseite des Hauses an der Budapester Straße der Baustellenverkehr fürs Bikinihaus und Zoofenster rolle. „Wir sind gleich durch mehrere Baustellen beeinträchtigt.“

Besonders stört es Wendisch, wenn er wochenlang keinen oder nur wenige Bauarbeiter sieht: „Für mich als Laien ist es unverständlich, warum es dort nicht vorwärtsgeht. Im Sinne der Wirtschaft und auch für die Berliner und Touristen müsste hier doch mit Hochdruck gearbeitet werden.“ Wendisch hat den Eindruck, dass so viele Gewerke am Start sind, dass sie niemand koordiniert und darauf achtet, dass es zügig vorangeht. „Ansonsten kann mir diese langen Bauzeiten niemand erklären.“ Und fügt an: „Früher hat man sich über die Arbeitsweise im Osten lustig gemacht. Diese Baustelle ähnelt dem aber sehr.“

Auch der Öko-Imbiss Witty's am Wittenbergplatz hat rund zweieinhalb Jahre unter dem Lärm und Schmutz der Baustelle gelitten. Vielen ging es in dieser Zeit umsatzmäßig „richtig schlecht“, erinnert sich Ernst Exter, Geschäftsführer der Witty's Food and Nonfood Handelsgesellschaft. Seitdem der Platz vor rund einem Jahr übergeben wurde, gehe es den Geschäftsleuten inzwischen wieder besser.