Berliner Spaziergang

Investor Ernst Freiberger - ein Bayer in Berlin

Morgenpost-Reporter treffen Menschen, die etwas bewegen.Treffpunkt ist ihre Lieblingsecke. Heute: ein Spaziergang mit Ernst Freiberger, Unternehmer und Investor.

Foto: M. Lengemann

Fährt er wie jüngst Ski, nächtigt er im eigenen Grandhotel in Kitzbühel. Sollte er einmal krank sein, kann er in einer seiner Reha-Kliniken genesen. Und mit dem "Spreebogen" auf dem ehemaligen Bolle-Gelände in Moabit gehört ihm eines der spektakulärsten Berliner Bürogebäude, vermietet an den Bundesinnenminister. Ernst Freiberger ist ein sehr erfolgreicher Unternehmer.

Ich treffe mich mit ihm zum Spaziergang auf seiner neuen Berliner Großbaustelle, dem Forum Museumsinsel zwischen Spree und Oranienburger Straße. Es ist ein trüber Tag, der Zustand der denkmalgeschützten Gebäude rund um den Innenhof ein eher trister. Hier soll ein quicklebendiges neues Stadtquartier entstehen, ein Treffpunkt für Kultur und Lebensfreude, orientiert an südländischem Flair? Der Bauherr reagiert prompt auf die Skepsis in meinen Gesichtszügen. "Ich bin mir der Verantwortung bewusst, ein solches Projekt hier verwirklichen zu können. Und ich empfinde es als Privileg, an dieser Stelle und in dieser Größenordnung etwas Besonderes entwickeln zu können. Das erfüllt mich mit Stolz. Es ist aber auch eine große Herausforderung."

Herausforderungen hat der 61-jährige Bayer zeitlebens gesucht. Die jüngste besteht aus acht denkmalgeschützten Gebäuden aus drei Jahrhunderten, die er zwischen 2001 und 2007 von der Telekom und vom Senat gekauft hat. Nun will er sie zu einem Ensemble zusammenfügen und für die Berliner und deren Gäste öffnen. Darunter das älteste Logenhaus Berlins aus dem Jahr 1789 an der Oranienburger Straße in klassizistischem Stil, an der Tucholskystraße die von Martin Gropius 1879 bis 1883 erbaute Frauenklinik der Charité im Stil der Neorenaissance, die gerade vom DDR Einheits-Grauputz befreit wird. Am anderen Ende des künftigen Quartiers warten an der Monbijoustraße das frühere Haupttelegrafenamt und die Residenz Monbijou auf Auffrischung neobarocken Glanzes. Architekturhistorisch bedeutsam geht es weiter mit dem einstigen Fernsprechamt an der Tucholskystraße, dem massigen Bau aus rotem Backstein als Zeugnis der expressionistischen Architektur des Art déco aus den 20er-Jahren und aus den Dreißigern ein Juwel des Bauhausstils an der Ziegelstraße, als Erweiterungsbau der Charité-Frauenklinik von Walter Wolff entworfen. Als besonderes Schmuckstuck präsentiert sich unmittelbar an der Spree schließlich das Simon-Palais mit seiner prägenden dunkelroten Fassade, die von auffallend vielen Balkonen durchbrochen wird. Das neoklassizistische Palais, 1909 bis 1911 gebaut, war als Stiftung eine private Krankenstation für mittellose Frauen und Mädchen.

Der Quartiermeister von Mitte

Eine Herausforderung, die in Zahlen ausgedrückt eine Grundstücksfläche von 31.000 Quadratmetern umfasst und eine Investitionssumme von rund 300 Millionen Euro. "Wir haben die Verantwortung für wertvolle Baudenkmale aus drei Jahrhunderten. Wir wollen sie erhalten und trotzdem einer zeitgemäßen Nutzung zuführen. Mit einem Hotel der gehobenen Klasse ohne Einordnung in das herkömmliche Sternesystem, mit Stadtwohnungen, Repräsentanzen, Büros und Studios, Geschäften, Restaurants, Galerien und einem Literaturcafé soll das Quartier belebt werden. Mittelpunkt wird der Innenhof, das Forum. Ein städtischer Platz, vom Leben erfüllt mit einer Markthalle in der Mitte. Wir wollen ein bislang der Öffentlichkeit verschlossenes Quartier öffnen – eine Verbindung von der Museumsinsel zur Spandauer Vorstadt, zum schon quirligen Hackeschen Markt und ins alte Scheunenviertel." Ein kühnes Projekt, das Ernst Freiberger zum derzeit größten Privatinvestor der Stadt macht.

Wir stehen jetzt vor dem Bode-Museum auf der Monbijou-Brücke, Blick auf sein noch schwer vernarbtes "Forum Museumsinsel". Ein Bayer, der in Berlin sein berufliches Glück gefunden hat? Ein Lächeln huscht über sein leicht gebräuntes Gesicht: "Ja, meinen ersten großen beruflichen Erfolg hatte ich in dieser Stadt. Und alles, was ich gelernt habe, habe ich entweder von meinem Vater oder in dieser Stadt gelernt – nicht an der Uni." 1976 kam er eher zufällig nach Berlin. Eine kleine Pizza-Versandbäckerei auf dem ehemaligen Bolle-Gelände in Moabit stand vor der Pleite und zum Verkauf. "Ich war 25 Jahre jung, gerade mit dem Studium fertig und wollte endlich mal was Produktives in meinem Leben leisten. Mir war der Standort völlig egal. Ich wäre auch nach Wanne-Eickel gegangen …" Welch ein Glück für Berlin!

Ernst Freiberger wird Pizzabäcker, schafft schnell den Turnaround, nach eineinhalb Jahren Umzug in eine größere Bäckerei in der Reinickendorfer Flottenstraße, 1986 der ganz große Wurf am Rande des Märkischen Viertels. "Die neue Pizza-Fabrik hat mehr gekostet, als die ganze Firma Umsatz gemacht hat." Sein unternehmerischer Mut zahlt sich aus. Täglich werden schließlich eineinhalb Millionen tiefgefrorene Pizzen und Baguettes ausgeliefert. Sie machen Ernst Freiberger zu einem wohlhabenden Mann. Als Millionär kann er sich spätestens fühlen, als er 1989 einen Teil seines Pizza-Imperiums an den Südzucker-Konzern verkauft. Aus dem Erlös kauft er das Bolle-Gelände, auf dem 13 Jahre zuvor alles begann. Als im gleichen Jahr auch noch die Mauer fällt, zahlt sich der Einstieg in das Immobilengeschäft doppelt aus.

Irgendwann habe ich von irgendjemandem vernommen, Ernst Freiberger höre es gar nicht gern, als "der Pizzabäcker" oder als "Pizza-König von Berlin" tituliert zu werden. Stimmt das? "Ich finde, der Pizzabäcker ist ein ehrenwerter Beruf; zumindest der Tiefkühl-Pizzabäcker, weil der Millionen Menschen sehr gutes preiswertes Essen zur Verfügung stellt. Ich habe nur mit Pizza nichts mehr zu tun, seit ich 1998 der Südzucker auch den Rest meines Lebensmittelunternehmens verkauft habe. Aber wenn Sie mich so fragen: Immobilien-Hai, Immobilienmakler oder Pizzabäcker – dann bin ich lieber Pizzabäcker."

Von Immobilien redet der körperlich nicht auffallend große, aber sehr drahtige Erfolgsmensch ohnehin nie, immer nur von Liegenschaften. "Die Immobilienbranche ist doch heute so undurchschaubar. Schnell wird man in einen Topf geworfen, in dem man nicht drin sein will. Ich jage nicht nach dem schnellen Geld. Ich gehe immer langfristig an meine Projekte heran. Im Denken daran, wie ich sie meinen Kindern irgendwann übergeben kann. Eine Lebensphilosophie, wie ich sie von meinen Eltern und Großeltern in der bayrischen Heimat gelernt habe." Die bayrischen Wurzeln haben ihn offenkundig viel stärker geprägt, als der – zumindest hier in Preußen – nur noch schwach zu vernehmende bajuwarische Tonfall verrät.

Und noch etwas hört man: Ernst Freiberger finanziere seine Projekte weitgehend ohne Fremdkapital, also aus eigenem Vermögen. Seine Antwort zeugt von grundsolidem Selbstverständnis: "Die meisten Kaufleute würden sagen, bei so günstigen Zinssätzen wäre es unvernünftig, auf Fremdfinanzierung zu verzichten. Aber mir ist es lieber, mein Geld in Realitäten anzulegen als in Finanzinstrumente. Es gibt für mich keine bessere Anlage als die in Steine."

Wir spazieren jetzt entlang der Spree am südlichen Rand der künftigen "Freiberger-City". Den Namen habe ich formuliert. Ernst Freiberger würde er nicht in den Sinn kommen. Er wirkt bei allem Erfolg bescheiden, macht sich öffentlich rar. Auf dem Berliner Parkett ist er höchst selten zu sehen. "Natürlich könnte ich jeden Abend unterwegs sein. Aber das bringt mir nichts. Beim Small Talk bleibt es bei immer denselben Oberflächlichkeiten. Ich treffe mich lieber zum Essen im kleinen Kreis. Da kann man ernsthafte Gespräche führen, von denen alle etwas haben."

Dass es mehr als Tiefkühlpizza, Geld und Liegenschaften im Leben gibt, erlebt Ernst Freiberger während einer Auszeit, die er sich 1998 für eine Weltreise leistet. Die sollte eigentlich nur ein Jahr dauern, doch erst nach zweieinhalb Jahren kehrt er heim. 85 Länder, 400 Stopps. Viel erlebt, viel gelernt, viel nachgedacht. Auch darüber, dass wir mit den Ressourcen der Welt sorgsamer umgehen müssen, dass vermeintlich unterentwickelte Völker oft viel klüger sind, als wir in den Industriegesellschaften glauben. Und wo immer er ankam, stellte er dieselbe Frage: Was wissen Sie über Deutschland? Ein Name fiel dann immer: Adolf Hitler.

Das Bild von Deutschland auf zwölf Jahre eines verbrecherischen Diktators zu fokussieren, macht ihn betroffen. Er nimmt sich vor, mit der nach ihm benannten Stiftung zu zeigen, dass – ohne etwas schönen zu wollen – auch in jener dunklen Zeit von Deutschland positive Signale ausgingen, dass es auch ein anderes Deutschland gab, und dokumentiert dies durch Bronzebüsten am Ufer des Spreebogens am früheren Bolle-Gelände. An dieser "Straße der Erinnerung" werden als "Helden ohne Degen" unter anderem der von den Nazis ermordete Albrecht Haushofer (Moabiter Sonette), Hitler-Attentäter Georg Elser, Thomas Mann, Mies van der Rohe und der Computererfinder Konrad Zuse geehrt.

"Berliner sind respektlos"

Die Weltreise, sein Sabbatical, hat ihn auch Entschleunigung gelehrt. Er hat sein Leben, das geschäftliche wie das private, neu geordnet, den Lebensmittelpunkt von Berlin ins bayrische Amerang im Chiemgau verlegt. Doch von Berlin kann er nicht lassen. Und was schätzt der Bayer an den Berlinern besonders? "Ihre Offenheit. Du weißt, woran du bist. Sie sind respektlos, Obrigkeiten haben sie in der Geschichte nie wirklich akzeptiert, ob im Kaiserreich oder in der Nazi-Zeit. Bismarck hat sich in der Hauptstadt nie richtig wohl gefühlt, der Kaiser lebte lieber in Potsdam, und Hitler hat Berlin auch eher gemieden."

Es folgt ein Vergleich, der irgendwie hinkt und doch voll trifft: "Berlin funktioniert nicht sanft mit einer Servolenkung, sondern mit Direktsteuerung." Und was stört ihn in dieser Stadt? Lange Pause. Dann dies: "Es betrifft weniger Berlin speziell, vielmehr die Gesamtmentalität im Lande: die Grundtendenz zum Meckern, zum Jammern. Wir leben in einer großen Neidgesellschaft. Vielleicht hat die aber auch etwas Positives. Nämlich die Wirkung einer Triebfeder, immer mehr zu erreichen. Frei nach dem Motto, der Nachbar hat ein neues Auto, warum nicht auch ich? Also ranklotzen, Doppelschicht fahren, möglichst schnell gleichziehen. Das impliziert auch eine Art von Energie, mit der unser Land gar nicht so schlecht fährt." Eine wahrlich nachdenkenswerte Interpretation unseres in der Tat neidgeprägten gesellschaftlichen Miteinanders.

Auf dass Neid und Zwietracht die eigene Familie verschonen möge wie aus der Einsicht, dass das Leben endlich ist, hat Ernst Freiberger frühzeitig geregelt, wie es mit seinen mittlerweile in einer Holding zusammengefassten Unternehmen der Hotel-, Gesundheits- und Immobilienbranche weitergehen soll, wenn er irgendwann nicht mehr entscheiden kann. Operativ in die Geschäfte eingreifen darf von den vier Kindern dann nur das, das vorher in einem anderen Unternehmen Karriere gemacht hat und einem externen Konkurrenten zumindest ebenbürtig ist. Entschieden wird das am Ende nicht von der Familie, sondern von familienfremden Mitgliedern im Gesellschafterausschuss. "Ich bin ein vorsichtiger Mensch, ein Kaufmann, der immer alles regeln, aber auch eine faire Lösung für alle Beteiligten finden will."

Bei all seinen Erfolgen muss er doch irgendwann auch mal einen Flop gelandet haben, frage ich beim Abschied. "Jede Menge", behauptet er spontan. Dann fällt ihm aber doch nur ein einziger ein. "Wir wollten ziemlich zu Anfang Pizzen auch in eigenen Fastfood-Restaurants anbieten. Das ging total daneben. Wir wussten zwar, wie man Spitzen-Tiefkühlpizzen produziert, hatten aber von Systemgastronomie keine Ahnung."

Aber Freiberger weiß mittlerweile, wie man alte Baudenkmale zum Leben erweckt. Spätestens 2014 soll das Werk vollbracht und Berlin um eine Attraktion reicher sein.

Zur Person

Vita: Ernst Freiberger wird am 11. August 1950 in München geboren. Er wächst in Amerang im Chiemgau auf, nach dem Abitur studiert er Betriebswirtschaft in München. Er ist in zweiter Ehe verheiratet, Vater von zwei erwachsenen Töchtern aus erster Ehe, einer Tochter und einem Sohn aus der zweiten.

Unternehmen: Nach großem Erfolg mit der Produktion von Tiefkühlpizzen in Berlin seit 1976 sind seine Geschäftsfelder heute Rehabilitationskliniken, Liegenschaften und Hotels. Sein bekanntestes Gebäude in Berlin ist der "Spreebogen" auf dem früheren Bolle-Gelände, Sitz des Bundesinnenministeriums. Die weiteren Planungen gehen dahin, das Haus nach Ende des Mietvertrags für den Schwerpunkt Gesundheit neu zu konzipieren. Ähnlich der Humboldt-Mühle in Tegel, die schon vor Jahren in eine Reha-Klinik (300 Arbeitsplätze) im Rahmen der Klinik-Kette Medical Park umgebaut wurde. Seit November vergangenen Jahres werden in Tegel auch libysche Bürgerkriegsopfer behandelt. Die Freiberger Holding beschäftigt rund 2500 Mitarbeiter. Das neueste Berliner Projekt ist das Forum Museumsinsel. Unter anderen sollen dafür die alten Gebäude des Haupttelegrafen- und des Fernsprechamts, die Häuser der Charité-Frauenklinik und das alte Logenhaus saniert und zu einem neuen Stadtquartier gestaltet werden.

Hobby: Er besitzt eine der größten Oldtimer-Sammlungen Deutschlands, fährt im Winter Ski, im Sommer Fahrrad und betreibt ganzjährig Nordic Walking.

Spaziergang: Ziegelstraße, Monbijoustraße, auf den Spree-Uferweg , über die Tucholskystraße zurück auf den Innenhof zwischen Telegrafen- und Fernsprechamt mit vielen erklärenden Pausen.

© Berliner Morgenpost 2017 – Alle Rechte vorbehalten.