Prozess

"Hammerbande" träumte vom ganz großen Ding

3,5 Millionen Mark konnte Klaus-Dieter L. Anfang der 90er-Jahre erbeuten. Da hatte er schon eine Karriere bei der berüchtigten "Hammerbande" hinter sich. Jetzt sitzt er erneut auf der Anklagebank: wegen eines Mordes bei dem Millionenraub.

Foto: dpa / dpa/DPA

Klaus-Dieter L. hatte ehrgeizige Ziele: Bereits im Alter von 22 Jahren beschloss er, einmal „das ganz große Ding zu drehen“, um für den Rest seines Lebens ausgesorgt zu haben. Gemeint sind damit natürlich Straftaten.

Versucht hat es der heute 61-Jährige mehrfach. Zuerst in den 70er-Jahren, als Drahtzieher der in West-Berlin berüchtigten „Hammerbande“, die mindestens acht Geldtransporter überfiel und Millionen-Beute machte. Ein Eigenheim, teure Reisen, ein Karatestudio und eine Reinigungsfirma leistete sich L. davon. Das Geld rann ihm offenbar durch die Finger.

1980 verurteilt, ist der sportliche Berufsräuber bei seiner Haftentlassung zwölf Jahre später mittellos. Er braucht wieder Geld, ein neues „großes Ding“ muss her. Doch der Überfall auf zwei Wachleute, die gerade Geldkisten in die Sparkasse Bernau lieferten, ging gründlich schief. Einer der in der Lieferschleuse von den maskierten Räubern überraschten Geldboten zog am 25. Juni 1992 seine Pistole. Jemand aus dem Überfalltrio um L. streckte den Mann daraufhin mit zwei Schüssen aus einer Maschinenpistole nieder. Das Opfer wurde in Kopf und Hals getroffen und starb noch auf dem Weg ins Krankenhaus.

3,5 Millionen Mark Beute

„Alles ging blitzschnell. Es gab hinter mir eine Rangelei, zwei Schüsse und Frank lag blutüberströmt am Boden“, erinnert sich der Zeuge Frank-Michael W., damals als zweiter, allerdings unbewaffneter Wachmann dieses Geldtransportes, vor Gericht. Die Täter flüchteten unerkannt mit einer Beute in Höhe von 3,5 Millionen Mark. Die Polizei fand später zwar das verwendete Fluchtfahrzeug, einen zuvor in Berlin gestohlenen Kleintransporter, Räuber und Beute aber blieben verschwunden.

Das Ganze ist fast 20 Jahre her. Detailwissen hat der Zeuge inzwischen nicht mehr, die Räuber will er nie richtig von vorn gesehen haben.

Doch jetzt erst sitzt L. auf der Anklagebank des Frankfurter Landgerichts. In Hand- und Fußfesseln wird der Schwerstkriminelle in den Gerichtssaal geführt, geradewegs aus der JVA Berlin-Tegel, wo er wegen eines ähnlich gelagerten Überfalls auf einen Geldtransporter in Sachsen-Anhalt seit dem Jahr 2007 eine Freiheitsstrafe von 13 Jahren und sechs Monaten verbüßt. Über seine Bernauer Komplizen schweigt er beharrlich.

Auf die Schliche kamen die Ermittler L. erst Jahre später durch Zufall. Ein angeblicher Zeuge meldete sich 2005 bei der Berliner Polizei, bezichtigte eine Person aus dem Umfeld des Angeklagten, an dem Überfall in Bernau beteiligt gewesen zu sein. Dieser Verdacht bestätigte sich zwar nicht, doch gab er den Polizeiermittlungen offensichtlich neuen Schwung.

Bei genaueren Überprüfungen fiel den Kriminalisten die ähnliche Vorgehensweise bei den Taten der Hammerbande und den Rauben in Sachsen-Anhalt und Bernau auf. Sie verglichen Spuren aus dem Fluchtfahrzeug aus dem Fall Bernau mit der DNA von L., die von den Sachsen-Anhaltiner Ermittlern gespeichert worden war. „Wir stießen zudem bei Finanzrecherchen in ganz Europa auf Konten in Österreich, die kurz nach dem Bernauer Überfall von L. und Verwandten eröffnet worden waren und auf die es Transaktionen in Höhe von rund 760.000 DM gegeben hatte“, erzählt Anklagevertreterin Anette Bargenda. Sie spricht von einer Indizienkette.

„L. hat bis zum heutigen Prozess nie etwas gestanden. Kein Bernauer Zeuge hat ihn je wiedererkannt. Wir wissen nicht, wer die tödlichen Schüsse auf den Wachmann abgegeben hat.“ Die dünne Beweislage war für die Staatsanwaltschaft demnach der Grund, sich auf einen Handel einzulassen, den die Verteidigung dem Gericht vorgeschlagen hat: Gesteht L., droht ihm nicht mehr die Höchststrafe „lebenslänglich“. Er würde dann unter Einbeziehung des Urteils aus Sachsen-Anhalt zu höchstens 15 Jahren Freiheitsstrafe verurteilt.

Der Prozess vor dem Frankfurter Landgericht wird am Montag fortgesetzt. Dann fällt voraussichtlich ein Urteil gegen L. Die Ermittlungen zum Raub von Bernau gehen laut Bargenda weiter. „Wir haben im damaligen Fluchtfahrzeug noch Spuren weiterer Personen gesichert und hoffen, L.s Komplizen noch auf die Schliche zu kommen“, so die Staatsanwältin.

Begabt und intelligent

Kriminalisten, die mit L. im Laufe der Jahre zu tun hatten, bescheinigen dem heute 61-Jährigen, dass er mit seiner Intelligenz und Begabung durchaus etwas aus sich hätte machen können – auf legalem Wege: Der gebürtige Caputher war nicht nur Deutscher Karate-Meister, er machte hinter Gittern mit fast 30 Jahren auch sein Abitur nach und studierte an einer Fernuniversität Erziehungswissenschaften. Sein Diplom hat L. seit 1998 in der Tasche.

Ursache all seiner Probleme war offenbar, dass er nicht mit Geld umgehen konnte, wie ihm in den bisher gefällten Gerichtsurteilen wiederholt bescheinigt wird. Schulden hatten ihn demnach zu seinem ersten Überfall getrieben. Von der Beute kaufte er sich eine Gaststätte in Berlin, die jedoch nach zwei Jahren pleite war. Ähnlich erging es ihm mit Karateschule und Gebäudereinigungs-Firma.

Ganz mittellos ist der Berufskriminelle aber wohl dennoch nicht: Neben dem Konto in Österreich soll L. laut den Ermittlungen der Sachsen-Anhaltiner gemeinsam mit seinem Sohn ein Konto mit einem Guthaben von rund 250.000 Euro in der Schweiz haben.

Die berüchtigte Hammerbande

Der Name: Die Bande benutzte bei den Überfällen auf Geldtransporter in den 70er-Jahren Schusswaffen und meist einen Vorschlaghammer, um die gepanzerten Fahrzeugen zu knacken.

Der Anfang: Begonnen hatte die Westberliner Raubserie 1973 mit Überfällen auf zwei Getränke-Filialen, später konzentrierten sich die Täter auf Geldtransporter. Die Bande erbeutete immer höhere Summen – bis zu 1,6Millionen DM auf einmal – weil sie Komplizen in die Sicherheits-Firmen einschleuste.

Das Ende: Der 9. Überfall am 18. Dezember 1979 war der letzte. Ein Täter wurde gefasst, die Polizei ermittelte die anderen Komplizen.

Der Boss: Als „geistiger Kopf“ der Bande wurde Klaus-Dieter L. im Dezember 1980 unter anderem wegen gemeinschaftlichen schweren Raubes in acht Fällen zu einer Freiheitsstrafe von 15Jahren verurteilt. L. soll laut Urteil des Landgerichts Berlin stets bestrebt gewesen sein, keine Menschen ernsthaft zu gefährden oder zu verletzten.