Metall-Diebstahl

Bahn jagt Kabeldiebe mit künstlicher DNA

Die Deutsche Bahn rückt Kabeldieben jetzt mit moderner Technologie zu Leibe. Die Leitungen werden künftig mit künstlicher DNA markiert. Das soll das Diebesgut identifizierbar machen.

Foto: David Heerde

„Achtung – unsichtbare Markierungen“ steht in großen schwarzen Buchstaben auf einem gelben Warnschild. Darunter ist zu lesen: „Die künstliche DNA führt zum Täter und macht Metalle unverkäuflich.“ Das Schild neben den Bahngleisen zum künftigen Hauptstadtflughafen BER in Schönefeld markiert ein neues Kapitel bei der Jagd auf Kabeldiebe. Erstmals in der Region setzt die Deutsche Bahn (DB) ein Hightech-Verfahren ein, das der TV-Serienwelt von CSI zu entstammen scheint. Mithilfe synthetisch hergestellter DNA-Moleküle, die per Sprühpistole unsichtbar aufgetragen und unter UV-Licht sichtbar werden, sind die Kabel jederzeit als Diebesgut identifizierbar. Wer sie zerschneidet, dem haften die Moleküle meist unweigerlich an Haut, Kleidung und Werkzeug.

Zusätzlich enthält die Sprühlösung mikroskopisch kleine Plättchen mit dem Hologramm des DB-Logos und einer Codenummer, die auf den Streckenabschnitt hinweist, von dem das Kabel stammt. Die Plättchen sollen Sonne, Frost, Regen, Säure und Feuer widerstehen. Auch die Entwicklerfirma klingt nach Krimiserie: „Anti Crime Technologie Corporation“, kurz ACTC. Firmensitz ist allerdings nicht Hollywood (Kalifornien) sondern in Brieselang (Brandenburg).

15 Millionen Euro Schaden

Mit der unsichtbaren Markierung ihrer Kabel will die DB den Kriminellen ihre Absatzmöglichkeiten nehmen – vor allem aber will sie potenzielle Diebe abschrecken. Seit die Weltmarkt-Preise für Kupfer und andere sogenannte Buntmetalle in die Höhe geschossen sind, haben sich die Kabeldiebstähle für die Bahn zu einem ernsthaften Problem entwickelt. 2011 stieg die Zahl der Taten bundesweit im Vergleich zum Vorjahr um gut 50 Prozent auf mehr als 3000, wie DB-Sicherheitschef Gerd Neubeck am Freitag bestätigte. Geklaut wird alles, was irgendwie zugänglich und teuer ist: Signalkabel, Erdungskabel, Telefondrähte, Oberleitungsanker und manchmal sogar Schienen. In 85 Prozent der Fälle haben es die Diebe auf Kupfer abgesehen, seltener auf Aluminium oder Stahl. Allein den materiellen Schaden für die Bahn bezifferte Neubeck auf mehr als 15 Millionen Euro. Hinzu kommen Verluste und ein Imageschaden, weil es nach den Diebstählen oft zu erheblichen Behinderungen im Bahnverkehr kommt. Fast 11.000 Züge fuhren deshalb im vorigen Jahr verspätet oder fielen komplett aus.

Berlin und Brandenburg zählen nach Neubecks Angaben zu den „Hotspots des Problems“. Vier Millionen Euro betrug allein in diesen beiden Ländern der Sachschaden. Von Ausfällen und Verspätungen betroffen waren vor allem die wichtigsten Regionalbahnlinien zwischen Berlin, Frankfurt (Oder) und Cottbus. 227 Taten erfasste die Bahn 2011 in Berlin (70 mehr als im Vorjahr). In Brandenburg stieg die Zahl der Diebstähle um 155 auf 535. Häufiger schlugen die Kabeldiebe bei der Bahn nur in Sachsen-Anhalt zu.

Thomas Striethörster, Leiter der Abteilung Gefahrenabwehr beim Bundespolizeipräsidium in Potsdam, spricht von einem „exorbitanten Anstieg“. Bundesweit habe die Bundespolizei im vergangenen Jahr sogar etwa 5000 Fälle registriert – ein Plus von 86 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Hauptgrund sei der hohe Kupferpreis auf dem Weltmarkt von aktuell 8600 US-Dollar (6500 Euro) pro Tonne. Neben Einzeltätern seien inzwischen auch organisierte Banden auf Diebestour, so Striethörster. 1700 Tonnen Metall seien bei der Bahn und anderen Institutionen, für die die Bundespolizei zuständig ist, allein 2011 verschwunden.

Im vergangenen Jahr hatte die Bahn angesichts der Millionenschäden zum ersten „zentralen Buntmetall-Gipfel“ in Berlin geladen. Seitdem versuchen DB-Konzern und Bundespolizei mit einem ganzen Maßnahmenpaket dem Problem Herr zu werden. Die künstliche DNA, die seit Herbst 2011 bereits im Großraum Leipzig und im Ruhrgebiet eingesetzt wird, zählt ebenso dazu wie der verstärkte Einsatz von uniformierten, aber auch verdeckt ermittelnden DB-Sicherheitskräften und eine Kooperation mit dem Verband der Metallhändler. Die Bundespolizei setzt bei der Jagd auf die Diebe ebenfalls auf Hightech. Bei nächtlichen Hubschrauberflügen kommen auch rund um Berlin Nachtsichtgeräte und Wärmebildkameras zum Einsatz. Nach Angaben des Präsidiums in Potsdam werden jährlich weit über 100 solcher Einsätze in der Region geflogen.

Wo möglich, etwa bei den Erdungskabeln, ersetzt die Bahn zudem Kupfer durch weniger wertvolle Materialen wie Eisen oder Stahl. Erste Erfolge sind bereits sichtbar, wie Neubeck bestätigte. Seit dem Herbst sei die Zahl der Taten erkennbar gesunken. Außerdem sei es durch die Vielzahl der Maßnahmen gelungen, im vergangenen Jahr mehr als 500 mutmaßliche Täter zu ermitteln. Etwa jeder sechste Dieb konnte also gefasst werden.

Moleküle auf der Seele

Auch dank der künstlichen DNA soll diese Quote deutlich besser werden. Wie lange die Spuren der Desoxyribonukleinsäure-Moleküle am Täter haften bleiben, will ACTC-Laborleiter Philipp Cachée nicht verraten – „aus ermittlungstaktischen Gründen“. Eine Hoffnung nehmen Cachée und DB-Sicherheitschef Neubeck den Tätern aber. Selbst mit einer UV-Lampe die Kabelschächte abzuleuchten, um vermeintliche Markierungen damit zu erkennen, sei keine Methode, um straffrei davonzukommen. Zum einen werden die Markierungen nur bei einer speziellen Licht-Wellenlänge sichtbar. Und – dank Hightech aus dem Havelland – kann die Bahn die synthetische DNA und die codierten Mikroplättchen nicht nur auf die Ummantelung sondern auch auf die inneren Metallstränge, die sogenannte Kabelseele, aufbringen. Von außen ist die Markierung in diesen Fällen gar nicht mehr erkennbar. Neu produzierte Kabel sollen gleich „ab Werk“, so Neubeck, mit der inneren Schutzschicht versehen werden.

Jeden Meter Kabel zu überwachen, sei bei einem Bahn-Streckennetz von bundesweit knapp 34.000 Kilometern indes unmöglich, sagte Neubeck. Allein die bekannten Schwerpunkte des Buntmetalldiebstahls mit künstlicher DNA und anderen Maßnahmen zu schützen, bezeichnete der Chef der Bahn-Konzernsicherheit als „Herkulesaufgabe“.