Hartmut Semken

Berlins neuer Chef-Pirat mag keine Hierarchien

Hartmut Semken ist der neue Vorsitzende der Berliner Piraten. Das kam auch für ihn überraschend. Wie ein Spitzenpolitiker fühlt er sich trotzdem nicht. Morgenpost Online sprach mit ihm über sein Kürzel "hase", seine politischen Schwerpunkte und die Aussichten der Piraten zur Bundestagswahl.

Foto: Amin Akhtar

Berliner Morgenpost: Soll ich Sie eigentlich mit „hase“ ansprechen?

Hartmut Semken: Gerne. Das ist wegen meiner Initialen mein Schülerzeitungsredakteurs-Kürzel gewesen und an mir hängen geblieben. Bei den Piraten kennt man mich unter diesem Namen eher als unter meinem richtigen Namen, glaube ich.

Berliner Morgenpost: Sie unterschreiben sogar offizielle Mails mit „hase“ – ist das nicht unseriös für einen Spitzenpolitiker einer Partei?

Hartmut Semken: Bin ich ein Spitzenpolitiker?

Berliner Morgenpost: Sie sind Vorstandsvorsitzender des prominentesten Landesverbandes der Piratenpartei, das läuft unter Spitzenpolitiker.

Hartmut Semken: Da könnten Sie Recht haben. Aber bin ich seit Amtsantritt ein anderer geworden? Eigentlich nicht. Und „hase“ ist einfach zu einem Namen von mir geworden.

Berliner Morgenpost: Bei den Piraten läuft einiges anders…

Hartmut Semken: Da muss ich widersprechen. Es läuft nicht einiges anders, es läuft alles anders.

Berliner Morgenpost: …so mögen die Piraten keine Hierarchien. Welche Aufgabe haben Sie vor diesem Hintergrund als Parteivorsitzender?

Hartmut Semken: Die Aufgabe, die das Parteiengesetz verlangt. Der Vorstand muss den Verband bei Rechtsgeschäften und in der Öffentlichkeit vertreten. Außerdem muss der Verband so organisiert werden, dass die Mitglieder arbeiten können.

Berliner Morgenpost: Haben Sie keine inhaltlichen Ansprüche?

Hartmut Semken: Mir wurde jetzt schon ein paar Mal unterstellt, ich hätte kein politisches Programm. Das ist totaler Quatsch, natürlich habe ich das. Ich habe so viele Vorstellungen, dass ich schon merke, wie schwer es mir fällt, das alles jetzt verbergen zu müssen, wenn ich meine neue Aufgabe richtig machen möchte.

Berliner Morgenpost: Sie dürfen sich inhaltlich nicht äußern?

Hartmut Semken: Ich äußere das, was die Mitglieder entschieden haben und was unser Programm ist. Ich muss mein Ohr an der Basis haben und mich nach ihr richten. Auch wenn das von meiner Meinung abweichen sollte. Früher durfte ich das dann sagen, jetzt nicht mehr. Nur noch leise intern. Es ist bei den Piraten im höchsten Maße unschicklich, einen Posten und die damit verbundene Prominenz zu benutzen, um die eigene Agenda zu pushen.

Berliner Morgenpost: Der Antrag auf dem Parteitag, die Amtsperiode des Vorstands von ein auf zwei Jahre zu verlängern, wurde abgelehnt. Ist eine ordentliche Vorstandsarbeit so möglich?

Hartmut Semken: So wahnsinnig viel einarbeiten muss ich mich nicht. Ich bin in diesem Landesverband seit 2009 sehr aktiv. Bisher lag mein Fokus dabei aber natürlich auf den Themen, die mir besonders am Herzen liegen.

Berliner Morgenpost: Und was sind Ihre Themen?

Hartmut Semken: Das darf ich jetzt nicht mehr sagen. Fangfrage! (lacht) Mein Thema war vor allem immer Bildung. Und viel Organisatorisches. Und die individuelle Freiheit. Darüber bin ich erst bei den Piraten gelandet.

Berliner Morgenpost: Warum nicht bei der FDP, die haben sich die Freiheit auf die Fahnen geschrieben?

Hartmut Semken: Das sehe ich anders. Die FDP hat sich vom Freiheitsgedanken schon sehr stark entfernt. Da geht es nur noch um die Freiheit der Märkte und die Freiheit der Wirtschaft – und damit um die Freiheit des Geldes. Aber wenn das Geld frei ist, dann haben Menschen sich unterzuordnen. Und genau das ist falsch. Wir Piraten wollen das vom Kopf wieder auf die Füße stellen. Die Menschen müssen wieder individuelle Freiheit genießen können.

Berliner Morgenpost: Sind Sie für weniger Staat?

Hartmut Semken: Das ist ein schwieriger Spagat. Es ist auch so, dass man sich besonders frei fühlt, wenn man sich sicher fühlt. Am sichersten bin ich aber, wenn ich komplett in Watte gepackt bin. Andererseits kann der Staat auch einengen. Zwischen diesen Extremen den richtigen Weg zu finden, das ist eine Frage, an der wir gerade arbeiten.

Berliner Morgenpost: Piraten tragen Streitereien gern öffentlich bei Twitter oder auf ihren Blogs aus. Nach außen ist so das Bild einer ziemlich zerstrittenen Partei entstanden. Trifft es zu?

Hartmut Semken: Die Piraten sind nicht zerstrittener als andere Parteien. Sie stehen nur dazu. Sie machen das ehrlich und bauen keine schicke Fassade davor. Aber sie vertragen sich auch schnell wieder. Mich stört es nur, wenn die Streitereien persönlich werden. In der Sache sollen die sich ja streiten, darum geht es ja! Wir brauchen Debatten. Dass diese Diskussionskultur dann teilweise ins Beleidigende und richtig Hässliche entgleitet, ist leider eine Nebenwirkung elektronischer Kommunikation.

Berliner Morgenpost: Wollen Sie daran arbeiten?

Hartmut Semken: Ja, aber diese Agenda habe ich schon seit zwei Jahren. Ich gehöre ja zu den Älteren in der Partei – auch wenn wir mittlerweile viele Mitglieder haben, die nicht mehr Mitte 20 sind – vielleicht gehöre ich deshalb zu denen, die etwas mehr Ruhe haben. Ich wünsche mir von den „young whippersnappers“, den Heißspornen, dass sie etwas ruhiger werden und den Dingen mehr Zeit geben.

Berliner Morgenpost: Wie soll das gelingen?

Hartmut Semken: Manchmal indem man ausrastet und ihnen vorführt, was sie da tun. Meistens aber, indem man mit den Leuten direkt das Gespräch sucht. Junge Leute sind gern mal im Besitz der absoluten Wahrheit und es hilft schon, sie manchmal zu bitten, sich mal in den anderen hinein zu versetzen.

Berliner Morgenpost: Welche Ziele haben Sie denn in diesem einen Jahr sonst noch?

Hartmut Semken: Weniger als zehn Mal völlig ausrasten! Das wäre ein guter Wert. Und wir wollen auf dem Programmparteitag unser Programm runder machen. Damit unsere Vertreter im Abgeordnetenhaus etwas mehr aus dem Vollen schöpfen können. Und der gewaltig gewachsene Verband muss so fit gemacht werden, dass wir bei diesem Parteitag so gut arbeiten können wie in der Vergangenheit. Und dann geht es an die Vorbereitung der Bundestagswahl.

Berliner Morgenpost: Mit wie viel Prozent werden Sie in den Bundestag einziehen?

Hartmut Semken: Ich habe neulich 6,5 Prozent gesagt – danach wurde mit mir geschimpft, ich sei so pessimistisch. Ich will aber nicht übertreiben: Da geht es um den Bund, nicht nur um Berlin, wo wir besonders stark sind. Ich glaube, wir kommen satt über die Fünf-Prozent-Hürde, aber an die 8,9 Prozent aus Berlin werden wir nicht heran kommen.

Berliner Morgenpost: Was ist im kommenden Jahr die größte Gefahr für die Piraten?

Hartmut Semken: Sich zwischen den Polen der Aluhüte und der Spackeria zu zerfleischen.

Berliner Morgenpost: Das müssen Sie bitte übersetzen.

Hartmut Semken: Aluhüte heißen die Leute, die den Fokus auf Datenschutz legen und dabei bis zum Extrem gehen. Und die Leute, die post-privacy leben und alles im Internet öffentlich machen, wurden mal „Spackos“ genannt und haben sich dann selbst „Spackeria“ genannt. Wir dürfen nicht denen die Partei überlassen, die in ihrer Position radikal auf Kampf gepolt sind. Dann haben wir ein Problem. Zerlegen wird sich die Partei nicht, aber es könnte uns zurück werfen und das wäre eine Gefahr für die Bundestagswahl, die ja schon 2013 ist.

Ein erfahrener Pirat

Ingenieur: Harald Semken, genannt „ Hase“ wurde in Niedersachsen als Sohn einer Krankengymnastin und eines Landwirts geboren und zog mit acht Jahren nach Berlin. Seit 2009 ist der Ingenieur Parteimitglied bei den Piraten.

Austritt: Schon ein Jahr später wollte der 45-Jährige eigentlich wieder austreten, schickte das Austrittsschreiben dann aber doch nicht ab. Im Februar dieses Jahres wählte ihn die Partei mit 53,3 Prozent der Stimmen zum neuen Vorsitzenden.

Vorgänger: Der bisherige Parteichef, Gerhard Anger, war überraschend nicht mehr zur Wahl angetreten. Semken setzte sich unter anderem gegen die favorisierte Schatzmeisterin der Partei, Katja Dathe, durch.