Zerstörung der Zentrenstruktur

Reinickendorf erteilt Supermarkt eine Absage

Aus Angst vor einer Dezentralisierung des Einzelhandels verwehrt Berlin-Reinickendorf der Supermarktkette Kaufland den gewünschten Standort in Tegel. Das Unternehmen will sich damit nicht zufrieden geben.

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Supermärkte können polarisieren. Auf der einen Seite protestieren Anwohner gegen deren Ansiedlung, wie in Lichterfelde und Nikolassee. Dort haben Bürgerinitiativen den vom Bezirksamt befürworteten Bau von Discountern aus Angst vor Lärm und Verkehr verhindert. In Tegel hingegen wird die Ansiedlung eines Marktes ausdrücklich begrüßt. Mehr als tausend Unterschriften wurden für einen Kaufland-Supermarkt im Gewerbegebiet an der Ernststraße gesammelt. Doch diesmal ist das bezirkliche Stadtplanungsamt dagegen. Es hat der Ansiedlung von Kaufland eine Absage erteilt. Der Investor, der das Grundstück kaufen und an Kaufland vermieten will, hat Widerspruch eingelegt.

Der Bezirk begründet seine Absage mit dem Schutz seiner vier Einkaufszentren in Tegel-Zentrum, am Kurt-Schumacher-Platz, im Märkischen Viertel und an der Residenzstraße. Großflächiger Einzelhandel dürfe sich nur in diesen Zentren ansiedeln, sagt Martin Lambert (CDU), Bezirksstadtrat für Stadtentwicklung. Ein Magnet wie Kaufland würde die Zentrenstruktur zerstören. Statt in die Ernststraße könnte der Vollsortimenter dafür in das leer stehende Hertie-Kaufhaus an der Berliner Straße ziehen und damit das Zentrum von Tegel stärken. „An die Ernststraße fahren die Kunden hin und wieder weg“, sagt Lambert. Im Zentrum von Tegel könnten die anderen Geschäfte von Kaufland profitierten.

Doch Kaufland will in die Ernststraße ziehen. Das bestätigte das Unternehmen Morgenpost Online. Denn dort ist bereits ein eingeführter Supermarkt-Standort. 30 Jahre lang gab es einen Minimal auf dem Grundstück. Mit einem angrenzenden Gartencenter hatte der Lebensmittelmarkt zeitweise 2800 Quadratmeter als Einzelhandelsfläche genutzt. Vor sechs Jahren zog der Discounter aus, seitdem ist Grundstückseigentümer Horst Schäfer auf der Suche nach einem Nachmieter oder Investor für das fast 10.000 Quadratmeter große Grundstück.

Seit 77 Jahren ist das Areal in direkter Nachbarschaft der Borsigwerke im Familienbesitz. Es gab dort schon einen Kohlenhandel und eine Maschinenfabrik. Und dann jahrzehntelang den Discounter. „Das Grundstück sollte unsere Versorgung im Alter sichern“, sagt der 77 Jahre alte Eigentümer. Deshalb sei er so froh gewesen, endlich einen Käufer gefunden zu haben. Doch der Kaufvertrag wird erst gültig, wenn Kaufland auch bauen darf.

Nach dem alten Planungsrecht musste Schäfer keine Zweifel haben, dass der Verkauf zustande kommt. 4450 Quadratmeter Fläche dürfen bebaut werden, Kaufland wollte eine neue Halle von 3200 Quadratmetern errichten. „Nach dem geltenden Planungsrecht müsste dem Vorhaben zugestimmt werden“, bestätigte auch das Bauamt im Jahr 2007. Doch es sollte nicht mehr gelten. Das Amt verhängte eine Veränderungssperre über das Grundstück, um einen neuen Bebauungsplan aufzustellen. Seit 2009, zwei Jahre nach dem Abschluss des Kaufvertrags der Schäfers mit Kaufland, darf auf dem Grundstück nur noch ein Neubau von 800 Quadratmetern entstehen.

Für Horst Schäfer geht es um mehr als um einen Grundstücksverkauf. Jährlich muss er fast 25.000 Euro an Unterhalt für das Grundstück bezahlen, den größten Teil macht die Grundsteuer aus. „Es geht um unsere Existenz“, sagt Schäfer. Lange könne er das nicht mehr bezahlen, ohne Einnahmen zu haben.