Deutsch-Test 2011

Jedes sechste Kind in Berlin hat Sprachprobleme

Trotz erheblicher Anstrengungen in den letzten Jahren stagniert die Zahl der Berliner Kinder mit Sprachproblemen seit 2008 bei 17 Prozent. Jedes sechste Kind kann damit in der Hauptstadt nicht richtig sprechen.

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Trotz der zahlreichen Programme zur Verbesserung der Sprachfähigkeiten in den Kitas, wiesen auch bei den Tests im vergangenen Jahr 17 Prozent der Vierjährigen Sprachförderbedarf auf – das ist jedes sechste Kind. Im Jahr zuvor waren es 17,05 Prozent. Das geht aus der Antwort der Bildungsverwaltung auf eine Kleine Anfrage des Grünen-Abgeordneten Özcan Mutlu hervor.

Seit 2008 hat es demnach bei den Tests keine Verbesserungen gegeben. Die schlechtesten Ergebnisse erzielten die Kita-Kinder aus den Bezirken Neukölln, Mitte und Marzahn-Hellersdorf. Hier konnten mehr als 20 Prozent ein Jahr vor der Einschulung den Aufforderungen der Grundschullehrerin nicht folgen. Die niedrigste Quote von Kindern mit Sprachförderbedarf gab es in den Bezirken Pankow und Steglitz-Zehlendorf.

Bei den Kindern deutscher Herkunft wiesen 8,5 Prozent erhebliche Defizite auf, bei den Kindern nichtdeutscher Herkunft waren es 34,4 Prozent.

Erstaunlich ist, dass die meisten Kinder, die nicht richtig sprechen können, zwei Jahre oder länger in einer Kita waren. Grundlage für die Bewertung, ob ein Kind förderbedürftig ist oder nicht, ist das Sprachlerntagebuch, in dem die Entwicklung der Kita-Kinder dokumentiert wird. Danach müssen die Erzieher einschätzen, ob die Kinder in der Lage sind, einfachen Aufforderungen zu folgen, Gegenstände zu erkennen oder Bilder zu beschreiben. Kinder, die ein Jahr vor der Schule in keiner Einrichtung betreut werden, müssen zu einem Test antreten. Diese Ergebnisse liegen noch nicht vor.

Viel Geld für wenig Wirkung

„Es ist ein Alarmzeichen, dass trotz der vielen Maßnahmen keine Verbesserung zu erkennen ist“, sagt Özcan Mutlu, bildungspolitischer Sprecher der Grünen, und fordert dringend eine Überprüfung der Sprachförderung in den Kitas. „Wir geben viel Geld aus, ohne zu wissen, ob die Förderung erfolgreich ist“, sagt Mutlu.

Tatsächlich hat es in den vergangenen zwei Jahren zahlreiche Anstrengungen gegeben, um die Kinder in der Kita fit für die Schule zu machen. So wurde das Personal seit 2010 schrittweise aufgestockt, damit mehr Zeit für die Umsetzung des Bildungsprogramms bleibt. Insgesamt wurden knapp 2000 zusätzliche Erzieher eingestellt. Aus dem Bundesprogramm für Sprache und Integration haben 188 Kitas im März 2011 eine zusätzliche Fachkraft erhalten. Die letzten drei Jahre in der Kita sind beitragsfrei für die Eltern.

Weitere Schritte sind geplant. So hatte der damalige Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) im vergangenen Jahr ein Qualitätspaket auch für die Kitas angekündigt. Schon vor ihren Amtsantritt hatte Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) erkennen lassen, dass sie von dem von Zöllner vorgeschlagenen vorgezogenen Test im Alter von drei Jahren nicht viel halte. Aufgeschlossen dagegen zeigte sie sich gegenüber einem zweiten Messpunkt im Rahmen der Schuleingangsuntersuchung. Zöllner wollte den Sprachteil in den Einschulungsuntersuchungen ausbauen und dann nicht nur den Grundschulen, sondern auch den Kitas die Ergebnisse zukommen lassen. Das kann aber erst ab 2013 umgesetzt werden. Ab kommendem Jahr sollen alle Kitas mit 120 Kindern oder mehr eine freigestellte Leitungskraft erhalten. Ebenfalls erst ab 2013/14 greift die Verlängerung der verpflichtenden Förderung der Kinder mit Defiziten.

Bisher müssen alle Kinder mit Förderbedarf, die bisher keine Kita besuchen, drei Stunden täglich an einem Sprachkurs teilnehmen. Die Förderung soll auf fünf Stunden erhöht werden. Damit gebe es im letzten Jahr vor der Schule praktisch eine Kitapflicht für Kinder, die nicht ausrechend Deutsch sprechen. Dafür muss allerdings erst eine gesetzliche Grundlage geschaffen werden. Ähnlich verhält es sich mit der Ankündigung im Qualitätspaket, die Tests für die Vierjährigen verpflichtend zu machen. Wer mit seinem Kind nicht daran teilnimmt, soll ein Bußgeld zahlen. Für die in den Kitas verbindlichen Sprachlerntagebücher ist laut Bildungsverwaltung eine Überarbeitung geplant, in die neue Forschungsergebnisse einfließen sollen. Zudem soll die Einbeziehung in den Kita-Alltag erleichtert werden.

Auf Quereinsteiger angewiesen

Christiane Weißhoff vom Eigenbetrieb City und Kita-Referentin der GEW kritisiert, dass in den Gruppen häufig zu wenig Zeit bleibe, um Gespräche mit den einzelnen Kindern zu führen. „Die Personaldecke ist trotz der Verbesserung zu dünn“, sagt Weißhoff. Zudem hätten viele Kitas die zusätzlichen Fachkräfte nicht oder nur mit großer Verspätung einstellen können, weil nicht genügend Bewerber auf dem Arbeitsmarkt waren. Zahlreiche Einrichtung müssten auf Quereinsteiger zurückgreifen, die aber erst berufsbegleitend qualifiziert würden. „Wenn die Maßnahmen zur Qualitäts-Verbesserung nicht die gewünschten Ergebnisse bringen, müssen wir genau prüfen, woran das liegt“, sagt auch Stefan Schlede vom Arbeitskreis Schule in der CDU-Fraktion. Möglicherweise seien die Gruppen zu groß, es könne aber auch an der Fortbildung oder an organisatorischen Rahmenbedingungen liegen.

In den Schulen sind die Konzepte zur Sprachförderung bereits auf dem Prüfstand. Denn trotz hoher Ausgaben für zusätzliches Personal an Schulen mit vielen Kindern nichtdeutscher Herkunft bleiben die Erfolge aus. Alle Schulen, die zusätzliche Mittel zur Sprachförderung erhalten, müssen laut Qualitätspaket deshalb nun ein Konzept vorlegen. Die Freie Universität und die Humboldt-Universität sind aufgefordert, wichtige Kriterien festzulegen.